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1.4.2009 | Von:
Tanja Betz

Kindheitsmuster und Milieus

Zur Ko-Konstruktion ungleicher Kindheiten

Milieuspezifische Kindheitsmuster bilden nicht einfach die soziale Wirklichkeit ab. Kindheitsmuster und Milieus sind von Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern abgegrenzte und benannte Konzepte bzw. Gruppierungen.[28] Diese Sichtweise findet in den etablierten Milieuanalysen für Erwachsene nicht ausreichend Beachtung.[29] Des Weiteren sind Kinderbefragungen und Milieuanalysen mit politischen, öffentlichen oder wirtschaftlichen Interessen[30] und mit Eigeninteressen der beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verquickt. Sie sind durchsetzt mit Vorstellungen und Leitbildern und gekoppelt an Kämpfe um die "legitime" Form der Beschreibung von Kindheit und sozialstrukturell verankerte Erfahrungsräume. Das jeweilige, auf empirischer Datenbasis beschriebene Kindheitsmuster, etwa die "gestressten kleinen Manager" in den Milieus mit umfangreicheren Kapitalien oder die "freie, spaßorientierte Kindheit" in den Milieus mit geringeren Kapitalien, werden als selbstverständlich angenommen und daher sowohl hervorgebracht wie gestützt.[31] Milieu- und KindheitsforscherInnen betreiben damit eine Art Werbung für die jeweils bevorzugten Milieus und Kindheitsmuster. Sie werden zum Ko-Konstrukteur.[32]

Vergleichbar der Beobachtung, dass Kinder in den Milieuanalysen bis heute nahezu vollständig ausgeblendet wurden und in dieser Forschungspraxis die generationale Ungleichheit zulasten der Kinder zum Ausdruck kommt, existieren auch die milieuspezifischen Kindheitsmuster nicht im herrschaftsfreien Raum. Es gilt daher, die mit dem Milieu- und dem Kindheitskonzept verbundenen Annahmen, Darstellungen und die Vorgehensweise im empirischen Forschungsprozess offenzulegen.[33] Die Reflexion der Interessengebundenheit der Kindheitsmuster stellt eine große konzeptionelle wie empirische Herausforderung für die neue Perspektive einer ungleichheits- bzw. milieutheoretisch fundierten Kindheitsforschung dar.

Fußnoten

28.
Vgl. S. Hradil (Anm. 1).
29.
Vgl. T. Perry/B. Poddig (Anm. 5).
30.
Vgl. C. Ascheberg (Anm. 4).
31.
Vgl. J. Zinnecker (Anm. 26).
32.
Vgl. ebd.
33.
Vgl. Pierre Bourdieu, Die Intellektuellen und die Macht, Hamburg 1991.