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1.4.2009 | Von:
Ingrid Paus-Hasebrink

Mediensozialisation von Kindern aus sozial benachteiligten Familien

Fazit: Gesellschaftlicher Handlungsbedarf ist überfällig

Kinder aus sozial benachteiligten Familien sind in besonderer Weise mit der sich wandelnden Medienlandschaft konfrontiert. Das schlägt sich in einer hohen Zahl von (konvergenten) Mediengeräten, Sendern und Programmen nieder, so dass ihre Kindheit als "Medienkindheit" bezeichnet werden muss. Die Sozialisation dieser Kinder erfolgt in starkem Maße durch die Medien und wird nur wenig durch andere Sozialisationsinstanzen moderiert. Die Vermittlung von Medienkompetenz ist zwar Aufgabe der Eltern, die aber, wie die Ergebnisse der Panelstudie gezeigt haben, auf diese Rolle oft nur schlecht vorbereitet sind: Da sie kaum als medienkompetent einzustufen sind, kaum über Kenntnisse über die Produktionsbedingungen sowie die multimedialen Kommerzialisierungsstrategien der Medienanbieter verfügen, bedürfen sie Hilfe von Seiten der Gesellschaft. Sie stehen, wie die Studie deutlich gemacht hat, unter einem erhöhten Problemdruck, gleichzeitig haben sie aber durchgängig ein geringes Problembewusstsein und verfügen auch nur über geringe Ressourcen zur autonomen Bearbeitung der vorhandenen Probleme. Diesen Familien sollte daher besondere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zuteil werden. Soziale Konzepte zur Veränderung der Situation sozial benachteiligter Kinder bzw. zu einer Hilfestellung, die eine gelingende (Medien-)Sozialisation befördert, setzen, wie die Studie eindringlich zeigt, allerdings weit mehr voraus als es etwa medienpädagogische Projekte - so wichtig diese auch sind - zu leisten vermögen. Wie die Ergebnisse des Zwölften Kinder- und Jugendberichts der deutschen Bundesregierung[13] deutlich machen, ist es dringend erforderlich, Konzepte zu entwickeln, in deren Umsetzung alle Beteiligten - von Kindergärten und Schulen über Familienämter und Einrichtungen des Kindes- und Jugendwohls bis hin zu Jugendhilfe- und zu Elternbildungseinrichtungen - einbezogen werden.

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass auf unterschiedlichen Ebenen gesellschaftlicher Handlungsbedarf besteht. So mangelt es etwa auf der Ebene des medialen Diskurses an einem sorgfältigen Blick auf die Einzelangebote des von Kindern genutzten Medienspektrums. Aber auch auf die Ebene der Medienproduktion muss sich der Blick richten: Die Medienproduzenten dürfen nicht aus der Verantwortung entlassen werden, selbst wenn die kommerzielle Logik der privatwirtschaftlichen Produktion dies (vermeintlich) nahe legt. Sie stehen in der Verantwortung, ihr Programm nicht in erster Linie bzw. nur auf Gewinnmaximierung auszurichten, mit Blick auf vermeintliche Publikumswünsche, sondern eine Programmgestaltung vorzunehmen, die nicht die Gefahr birgt, dass die schwächsten Glieder der Gesellschaft - sozial benachteiligte Kinder - weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Es wäre daher dringend notwendig, etwa im Fernsehen spezielle zielgruppenspezifische Programme anzubieten, die dem Bedarf in den Familien gerecht werden und sich nicht in publikumswirksamen Erziehungsratschlägen wie der Sendung "Die Super Nanny" erschöpfen.

Insgesamt bedarf es großer finanzieller Anstrengungen (nicht nur) von Seiten der Gesellschaft, um Kindern aus sozial benachteiligten Familien zu ihrem Recht auf Entwicklung, Integration und Partizipation zu verhelfen. Es ist längst an der Zeit, Konstellationen zu schaffen, welche die Einlösung dieses Rechtsanspruchs ermöglichen.

Fußnoten

13.
Vgl. J. Barthelmes (Anm. 4).