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1.4.2009 | Von:
Klaus Peter Strohmeier
Holger Wunderlich
Philipp Lersch

Kindheiten in Stadt(teil) und Familie

Zwei Städte: Zwei Kindheiten?

Vergleichen wir zunächst die Lebenslagen und die Alltagsbedingungen des Familienlebens in der "reichen" Stadt Mülheim und dem "ärmeren" Gladbeck. Erwartungsgemäß unterscheiden sich die typische Mülheimer und die typische Gladbecker Familie signifikant voneinander.

Die wirtschaftliche Lage der Familien hat einen deutlichen Einfluss auf die Entwicklung und die Zukunftschancen von Kindern. Welches Einkommen eine Familie zur Verfügung hat, hängt in der Regel neben dem Arbeitsplatzangebot auch vom Qualifikationsniveau der Familienmitglieder ab, die Arbeit nachfragen. Das Niveau der Arbeitslosigkeit und des Arbeitsplatzangebotes unterscheidet sich zwischen beiden Städten. In Mülheim an der Ruhr gibt es weniger Arbeitslose und deutlich mehr Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich als in Gladbeck. Diese Unterschiede sollen nicht weiter kommentiert werden. Ihnen entsprechen aber deutlich unterschiedliche formale und am Arbeitsmarkt verwertbare Qualifikationsniveaus der erwachsenen Familienmitglieder in den jeweiligen Kommunen.

Der Einkommensvergleich ergibt, dass den Gladbecker Familien im Schnitt ein monatliches Äquivalenzeinkommen von 904 Euro zur Verfügung steht, während Familien in Mülheim an der Ruhr mit 1181 Euro 30 Prozent mehr Einkommen zur Verfügung haben. Mehr als 40 Prozent der Gladbecker Familien leben in Armut oder in armutsnahen Verhältnissen. In Mülheim an der Ruhr sind es nur 21 Prozent. In etwa vier von zehn Familien in Mülheim an der Ruhr hat mindestens ein Elternteil einen Fachhochschul- oder Hochschulabschluss, während in Gladbeck nur jede sechste Familie eine Akademikerfamilie ist. Schließlich sind die Gladbecker Eltern im Durchschnitt ein Jahr kürzer zur Schule gegangen als die Mülheimer Eltern.

Unter den Alleinerziehenden, den kinderreichen Familien und den Familien mit Migrationshintergrund findet man überdurchschnittlich häufig auch ein formal niedrigeres Bildungsniveau und ein geringeres Einkommen bzw. eine schwierigere wirtschaftliche Lage.[4] Aus den besonderen Belastungen dieser Lebensformen - auch vor dem Hintergrund fehlender materieller Ressourcen - ergeben sich Belastungen, die sich auch in unterschiedlichen Lebensbedingungen und Lebenschancen der Kinder äußern. In der kommunalen Familienberichterstattung bezeichnen wir diese Familien daher als Familien mit "besonderem Unterstützungsbedarf".

In allen großen Städten ist die Familie mit Kindern die Lebensform einer Minderheit, und große Teile dieses "Familiensektors" sind Alleinerziehende, in Armut lebende Familien und Familien mit einem Migrationshintergrund. Betrachten wir exemplarisch unsere beiden Beispielkommunen: Im "armen" Gladbeck weist mit 52 Prozent mehr als die Hälfte der Familien einen besonderen Unterstützungsbedarf auf. In Mülheim an der Ruhr sind es immerhin noch 44 Prozent. Allerdings sind die Unterschiede von Lebenssituationen innerhalb dieser Gruppen von Familien in potentiell problematischen Lebenslagen im Städtevergleich beträchtlich. In Mülheim an der Ruhr ist nur jede fünfte Familie eine Migrantenfamilie, in Gladbeck dagegen jede dritte. Entsprechend unterscheiden sich die Anteile der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren, die in einer Familie mit Migrationshintergrund leben. Während 21 von 100 Mülheimer Kindern einen Migrationshintergrund aufweisen, trifft dies in Gladbeck auf 40 von 100 Kindern zu.

Für eine passgenaue Familienpolitik gilt es aber auch innerhalb dieser Gruppe noch einmal zu differenzieren und die unterschiedlichen Herkunftsländer bzw. Wanderungsgeschichten zu berücksichtigen. Der Anteil der Familien, die mit einem türkischen Migrationshintergrund in Deutschland leben, ist in Gladbeck mehr als doppelt so hoch wie in Mülheim an der Ruhr. Hier sprechen knapp 28 Prozent der Kinder, die im Alltag überwiegend nicht deutsch sprechen, türkisch oder kurdisch. In Gladbeck ist dieser Anteil mit knapp 60 Prozent mehr als doppelt so hoch. Die Zahl der kinderreichen Familien ist in Gladbeck wesentlich höher als in Mülheim an der Ruhr. Jede fünfte Familie in Gladbeck hat drei oder mehr Kinder. In Mülheim an der Ruhr ist dagegen nur jede achte Familie kinderreich. Die Hälfte der vielen Kinderreichen in Gladbeck weist auch einen Migrationshintergrund auf (in Mülheim an der Ruhr hat nur ein Fünftel der kinderreichen Familien zusätzlich einen Migrationshintergrund). Dafür gibt es dort deutlich mehr alleinerziehende Eltern.

Die Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf weisen insgesamt ein überdurchschnittliches Armutsrisiko auf. In Gladbeck lebt von allen Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf fast die Hälfte in Armut.[5] In Mülheim an der Ruhr ist es dagegen nur ein Fünftel der Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf, das in Armut lebt (vgl. Tabelle auf Seite 28 der PDF-Version).

Erwartungsgemäß unterscheiden sich die Lebenschancen der Kinder in beiden Städten stark. Ein Beispiel, auf das wir uns hier beschränken wollen, ist die Bildungsbeteiligung. Betrachtet man nur die Anteile der Kinder von elf bis unter 17 Jahren, die auf eine Hauptschule oder ein Gymnasium gehen, so zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Kommunen, die sich zum Teil auf die unterschiedlichen Bildungsniveaus der Eltern in den beiden Kommunen zurückführen lassen.[6] In Mülheim an der Ruhr gehen nur fünf Prozent der Kinder dieser Altersgruppe auf eine Hauptschule. In Gladbeck ist der Anteil mit 15 Prozent dreimal so groß. Umgekehrt verhält es sich mit dem Anteil der Gymnasiasten. Während in Gladbeck ein knappes Viertel der Kinder zwischen elf und 17 Jahren ein Gymnasium besucht, sind es in Mülheim an der Ruhr mit 44 Prozent fast doppelt so viele. Der Bildungsstatus der Eltern wird hier an den Nachwuchs weitergegeben: Je höher die formale Bildung der Eltern ist, desto besser sind die Chancen ihrer Kinder auf eine gute Schul- und Berufsausbildung. Ganz konkret: Je niedriger das Bildungsniveau der Eltern ist, desto seltener besuchen die Kinder und Jugendlichen aus diesen Familien das Gymnasium und desto häufiger die Hauptschule. Eine Besonderheit des Ruhrgebiets besteht darin, dass die Mehrheit der Migrantenkinder die Gesamtschule besucht.

Unsere "Familien mit besonderem Unterstützungsbedarf" vererben also ihre reduzierten Lebenschancen an ihre Kinder. Diese Berücksichtigung der Kinderperspektive ist auch deshalb wichtig, weil in Familien in schwierigen Lebenslagen häufig mehr Kinder leben als in anderen Familien. "Nur" ein Viertel der Familien in Gladbeck ist arm, aber mit 36 Prozent ist der Anteil der armen Kinder in der Stadt mehr als neun Prozentpunkte höher als der Anteil der armen Familien.

Die wirtschaftliche Lage hat Einfluss auf die Freizeitgestaltung und auf die Wohnsituation der Familien. Hierfür sollen beispielhaft zwei Indikatoren herangezogen werden: die Ausgaben der Familien für Freizeit, Kultur und Bildung (als Bewertung ihres Spielraums bei Freizeitaktivitäten) sowie der Anteil der Familien, in denen weniger als ein Raum pro Person zur Verfügung steht (wobei wir mindestens einen Raum pro Person als "familiengerechten Wohnraum" ansehen). In Mülheim an der Ruhr geben Familien durchschnittlich 3,5 Prozent ihres Nettoeinkommens für Freizeit, Kultur und Bildung aus. Dies entspricht einem Absolutbetrag von etwa 105 Euro pro Monat. In Gladbeck werden knapp 10 Euro weniger ausgegeben; aufgrund des geringeren durchschnittlichen Nettoeinkommens in Gladbeck entspricht dies allerdings gut vier Prozent des Einkommens. Trotz ihrer schwierigeren Finanzsituation geben die Gladbecker Familien relativ betrachtet also mehr für ihre Freizeitgestaltung aus als die Familien in Mülheim an der Ruhr.

Der Anteil von Familien, denen pro Person weniger als ein Raum in der Wohnung zur Verfügung steht, kann als Hinweis auf eine beengte Wohnsituation betrachtet werden. In Gladbeck lebt ein knappes Drittel der Familien in zu kleinen Wohnungen. Damit sind unter anderem Abstriche beim Wohnkomfort und bei der Wahrung der Privatsphäre gegeben. Verschiedene Studien haben gezeigt, dass sich dies auch nachteilig auf die Entwicklung der Kinder auswirken kann.

Fußnoten

4.
Von "Migrationshintergrund" sprechen wir, wenn mindestens ein Elternteil eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit hat, mindestens ein Elternteil neben der deutschen eine zweite Staatsangehörigkeit hat oder aber mindestens ein Elternteil außerhalb Deutschlands geboren ist. Eine Differenzierung nach Migrationshintergrund, der sich in der Regel nur über Befragungen generieren lässt, ist deshalb wichtig, weil durch das neue Staatsbürgerschaftsrecht der Anteil von Personen ohne deutschen Pass sinkt, obwohl der Anteil von Personen mit einer Zuwanderungsgeschichte (deutlich) ansteigt. Als kinderreich gelten Familien, in deren Haushalt drei oder mehr Kinder unter 18 Jahren leben.
5.
Als "arm" haben wir - gemäß der Landessozialberichterstattung NRW 2007 - Familien mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von unter 615 Euro klassifiziert.
6.
Vgl. bspw. Holger Wunderlich, Soziale Lage von Familien mit Zuwanderungsgeschichte und Bildungsbeteiligung von Kindern, in: www.familie-in-nrw.de/1878.0.html (12.02. 2009).