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21.3.2009 | Von:
Thomas Schirrmacher

Demokratie und christliche Ethik

Stiefkinder der Reformation

Der evangelische Theologe und Religionsphilosoph Ernst Troeltsch[5] hat die Meinung vertreten, dass die Kodifizierung der Menschenrechte nicht dem Protestantismus der etablierten Kirchen, sondern den in die Neue Welt vertriebenen Freikirchen, Sekten und Spiritualisten - von den Puritanern bis zu den Quäkern - zu verdanken sei: "Hier haben die Stiefkinder der Reformation überhaupt endlich ihre weltgeschichtliche Stunde erlebt."[6] In den USA verbanden sich die von tief gläubigen Vorkämpfern wie Williams und Penn erkämpfte Religions- und Gewissensfreiheit und die Trennung von Kirche und Staat mit den von Puritanern und anderen Reformierten ausgebauten Verfassungsstaatsentwürfen (zunächst ohne Religionsfreiheit) und der von aufklärerischen und deistischen Politikern umgesetzten Demokratie für Flächenstaaten, welche die frommen Vorgaben in säkulares Recht umsetzten.

Die Geburtsstunde der Religionsfreiheit - so könnte man zugespitzt formulieren - ist also der Freiheitskampf christlicher Minderheitenkirchen gegen christliche Majoritätskirchen und in manchen nichtchristlichen Ländern von religiösen Minderheitsbewegungen gegenüber der Mehrheitsreligion - etwa der Buddhisten in Indien gegenüber den Hindus. Dies erklärt auch die Ambivalenz des historischen Christentums gegenüber demokratischen Entwicklungen, die "Ambivalenz christlicher Toleranz",[7] die es unmöglich macht, historisch eine direkte Linie vom Christentum zur Demokratie zu ziehen.

Es gibt noch zu wenige Studien über die Frage, ob die enge Verbindung zwischen Demokratie und Minderheitenkirchen allein geschichtlich ist oder heute noch zutrifft. Jeff Haynes hat eine umfangreiche Analyse darüber vorgelegt, welche religiösen Gruppen und Richtungen im heutigen Afrika Demokratie fördern oder behindern.[8] Er kommt zu dem Schluss, dass die großen, etablierten Kirchen meist größere Probleme mit der Demokratie haben als kleine und neue Kirchen. Obwohl letztere "fundamentalistischer" seien, sind sie in sich demokratischer, böten mehr Aufstiegschancen und seien nicht so stark vom Hegemoniestreben bestimmt. Für den Islam in Afrika kommt Haynes zu ähnlichen Ergebnissen.

Die Feststellung, dass es religiöse, zudem oft verfolgte Minderheiten waren, die Demokratie und Religionsfreiheit forderten, gilt nicht nur für das Christentum, sondern auch und gerade für das Judentum oder - um ein viel jüngeres Beispiel einer erst im 19. Jahrhundert erstandenen Religion zu wählen - für die Bahá'i. Ob man so weit gehen und mit Hannes Stein sagen muss: "der moderne Rechtsstaat kam nicht aus Athen. Er kam aus Jerusalem",[9] mag dahingestellt sein, aber der Gedanke einer Bundesverfassung und einer Trennung von Priester und König stammt tatsächlich aus dem Alten Testament. Es ist kein Zufall, dass es der bedeutende jüdische Philosoph und Reformer Moses Mendelssohn (1728 - 1786) war, der in Europa als Erster für die Trennung von Kirche und Staat und für Religionsfreiheit eintrat - auch wenn das noch nicht die Duldung von Religionslosen einschloss. Die von Mendelssohn ausgehende jüdische Aufklärung beeinflusste sowohl die säkulare Aufklärung als auch das Christentum und hat einen festen Platz in der Vorgeschichte der Demokratie.[10]

Die antiklerikale Aufklärung der Französischen Revolution und die von sehr frommen und von deistischen Menschen geprägte Amerikanische Revolution haben eine tiefe Gemeinsamkeit, die man auf den ersten Blick nicht vermuten würde. Beide richteten sich gegen die herrschenden Großkirchen. Alexis de Tocqueville (1805 - 1859) vertrat in seinem berühmten Werk über die Demokratie in Amerika, dass hier tief religiöse, meist reformierte Bewegungen eine untrennbare Symbiose mit aufgeklärten Sichtweisen eingegangen seien.[11] Das Zusammenspiel von Christentum und Aufklärung funktionierte, was die Entstehung der Demokratie betraf, in Amerika wesentlich reibungsloser, während es in Europa erst am Ende zahlreicher, oft gewalttätiger und blutiger Auseinandersetzungen stand. Das wirkt nach und erklärt vielleicht bis heute das oft vorhandene Unverständnis von Amerika und Europa füreinander.

Fußnoten

5.
Vgl. Friedrich Wilhelm Graf, Puritanische Sektenfreiheit versus lutherische Volkskirche, in: Zeitschrift für Neuere Theologiegeschichte, 9 (2002) 1, S. 42 - 69.
6.
Ernst Troeltsch, Die Bedeutung des Protestantismus für die Entstehung der modernen Welt, München-Berlin 1911, S. 62.
7.
Rainer Forst, in: Manfred Brocker/Tine Stein (Hrsg.), Christentum und Demokratie, Darmstadt 2006.
8.
Vgl. Jeff Haynes, Religion and Politics in Africa, London 1996.
9.
Hannes Stein, Moses und die Offenbarung der Demokratie, Berlin 1998, S. 10.
10.
Vgl. Christoph Schulte, Die jüdische Aufklärung, München 2002.
11.
Vgl. Alexis de Tocqueville, De la Démocratie en Amérique, 2 Bde., Paris 1835/1840; dazu Manfred G. Schmidt, Demokratietheorien, Wiesbaden 20084, S. 113 - 131.