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21.3.2009 | Von:
Thomas Schirrmacher

Demokratie und christliche Ethik

Christentum und Demokratisierung

Weder hätte die Aufklärung zur Demokratie geführt, wenn sie nicht auf christliche Konzepte in der abendländischen Kultur hätte zurückgreifen können, noch hätte das Christentum ohne Aufklärung seine politische Ethik geändert oder die bequeme Stellung im Bündnis von Thron und Altar aufgegeben: "Die Demokratie wurzelt vor allem - jedoch nicht ausschließlich - in Ländern, die kulturell vom Christentum geprägt sind und - trotz einer langwierigen spannungsreichen Beziehung zwischen Demokratie und christlichen Religionen - von dort Leitvorstellungen für die Ordnung des Zusammenlebens übernommen und weiterentwickelt haben."[12] Manfred G. Schmidt verweist dabei auf einen der bedeutendsten australischen Politologen, Graham Maddox.[13] Während dieser ebenso wie der amerikanische Historiker Page Smith[14] nicht in eigener Sache spricht, sind die bekanntesten deutschen Vertreter dieser These Theologen wie William J. Hoye oder Politiker wie Hans Maier.[15] Die These ist natürlich nicht unwidersprochen geblieben.[16] Zu offensichtlich haben sich in Festland-Europa die Staatskirchen im 19. Jahrhundert mit den Monarchien gegen revolutionäre Bestrebungen oder gegen die 1848er-Bewegung verbündet, als dass man einen monokausalen Weg vom Christentum zur Demokratie zeichnen könnte.

Samuel P. Huntington hat 1993 die breit rezipierte These von den vier Wellen der Demokratisierung aufgestellt.[17] Neben soziologischen und wirtschaftlichen Faktoren stellt er eine Häufung der Rolle der religiösen Mehrheitsreligion bzw. -konfession fest, nach der in einer ersten Welle (1828 - 1926) vor allem protestantische, in der zweiten (1943 - 1962) vor allem protestantische, katholische und fernöstliche, in der dritten (1974 - 1988) vor allem katholische und orthodoxe Länder demokratisch wurden und in der vierten Welle (nach 1989/1990) alle genannten Religionen erneut zum Zug kamen. Heute sind von weltweit 88 freien Demokratien 79, also 90 Prozent, mehrheitlich christlich. Daneben steht eine jüdische Demokratie und sieben mit Mehrheiten fernöstlicher Religionen, wobei in Mauritius und Südkorea die Christen eine zweite große Bevölkerungsgruppe darstellen. Nur Mali hat eine mehrheitlich muslimische Bevölkerung in einem freien, demokratischen Staat.[18] Man könnte auch auf die Türkei und Indonesien verweisen, auch wenn die genannten Listen sie nicht zu den "freien" Ländern zählen.

Ist es Zufall, dass sich die Zuordnung von religiöser Ausrichtung und die Fähigkeit zur Demokratisierung nach dem Zusammenbruch des Sowjetimperiums wiederholte und die säkularen, protestantischen und katholischen Länder aus dem ehemaligen Einflussbereich der Sowjetunion recht schnell zu funktionierenden demokratischen Staaten wurden, die orthodoxen Länder nur zum Teil (unvollendet blieb die Demokratie in Russland, Georgien, Montenegro und Mazedonien) und die islamischen gar nicht? Damit soll nicht gesagt werden, dass islamische Länder grundsätzlich nicht demokratiefähig seien (was Mali seit 1991 widerlegt). Erst recht kann es nicht darum gehen, aus irgendwelchen historischen Vorteilen des Christentums Gründe für ein Überlegenheitsgefühl abzuleiten. Das Versagen großer Teile des Christentums angesichts des Nationalsozialismus[19] erinnert Christen an die Worte des Paulus: "Wer steht, sehe zu, dass er nicht falle."[20] Demokraten, auch christliche Demokraten, kann nur der Wunsch beseelen, dass auch muslimische Staaten demokratisch werden.[21]

Die Forschung hat es bisher versäumt, genauer zu untersuchen, was in den islamischen Kulturen dem Errichten einer Demokratie hinderlich ist und welche theologischen und kulturellen Spielarten des Islam welche Auswirkungen auf das politische Gefüge haben. Selbstverständlich geht man davon aus, dass die Ausgestaltung des türkischen, persischen, arabischen und asiatischen Islam Einfluss auf den Demokratisierungs- und Freiheitsgrad der von ihnen dominierten Länder hat. Aber es wurde kaum der Frage nachgegangen, ob es im Islam nicht Parallelen zur innerchristlichen Entwicklung gibt, also ob islamische Minderheiten und Sekten nicht eine größere Aufgeschlossenheit der Demokratie gegenüber aufweisen als der jeweilige Mehrheitsislam.

Fußnoten

12.
M. Schmidt (ebd.), S. 422f.
13.
Vgl. Graham Maddox, Religion and the Rise of Democracy, London-New York 1996.
14.
Vgl. Page Smith, Rediscovering Christianity, New York 1994.
15.
Vgl. William J. Hoye, Demokratie und Christentum, Münster 1999; Hans Maier, Demokratischer Verfassungsstaat ohne Christentum - was wäre anders?, St. Augustin 2006; auch in: M. Brocker/T. Stein (Anm. 7); vgl. schon Hans Maier, Kirche und Demokratie, Freiburg i.Br. 1979.
16.
Vgl. den Sammelband mit Pro und Contra: M. Brocker/T. Stein (Anm. 7).
17.
Vgl. Samuel P. Huntington, The Third Wave, Norman 1993; vgl. ders., Religion und die dritte Welle, in: Europäische Rundschau, 20 (1992) 1, S. 47 - 65; ders., After twenty years, in: Journal of Democracy, 8 (1997) 4, S. 3 - 12.
18.
Vgl. Einordnung nach www.freedomhouse.org; vgl. zur Qualität M. Schmidt (Anm. 11), S. 381 - 386, S. 392 - 398 und weitere Studien ebd., S. 417, S. 422.
19.
Vgl. Thomas Schirrmacher, Hitlers Kriegsreligion, 2Bde., Bonn 2007.
20.
1 Korintherbrief 10,12.
21.
Vgl. Moataz Fattah, Democratic Values in the Muslim World, London 2006; Frédéric Volpi, Democratization in the Muslim world, London 2007; Larry Diamond, The Spirit of Democracy, New York 2008; als Appell: Benazir Bhutto, Reconciliation, London 2008; vgl. kritisch Franco Burgi, Export of Democracy to the Arab World, München 2007.