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21.3.2009 | Von:
Thomas Schirrmacher

Demokratie und christliche Ethik

Evangelikale, christliche Fundamentalisten und Demokratie

Martin Riesebrodt meint, dass alle Fundamentalisten der Demokratie "feindselig" gegenüberstehen: "Echte Fundamentalisten sind niemals Demokraten aus Prinzip, sondern stets nur aus Opportunität."[31] Doch diese These kann nicht durch historische oder empirische Untersuchungen bewiesen werden. Weder gibt ihm die Geschichte der Demokratie Recht, an deren Beginn viele Fundamentalisten standen, noch die Gegenwart. Man muss sich Gruppe für Gruppe anschauen, wenn man ihre Demokratiefähigkeit beurteilen will. Wohl wissend, dass der Fundamentalismusbegriff für wissenschaftliche Zwecke kaum taugt - Fundamentalisten sind bekanntlich immer die anderen -, möchte ich mich darauf einlassen, den Fundamentalismuscharakter bestimmter Bewegungen einmal vorauszusetzen.

Nehmen wir etwa die weitgehend pfingstkirchlich geprägten brasilianischen Evangelikalen. Nach Untersuchungen des Soziologen Alexandre Brasil Fonseca[32] gehörten 2003 in Brasilien 25 der 57 evangelikalen Kongressabgeordneten den Oppositionsparteien an, 32 der regierenden Arbeiterpartei. Sie machten elf Prozent der Abgeordneten aus und damit in etwa den Prozentsatz der Evangelikalen an den Einwohnern. In Brasilien kann man die Stimmen auf bestimmte Kandidaten kumulieren. Fonseca stellt eine hochgradige Befürwortung der Demokratie fest, die er auf Seiten der katholischen Kirche nicht immer findet. Der Umstand, dass alle demokratischen Parteien als Orte christlichen Engagements gelten, zeigt ihm, dass der säkulare Charakter des Staates und der Parteien angenommen wurde. In Südkorea machen Evangelikale 15 Prozent der Einwohner aus, den größten Teil des Protestantismus. Gemessen an deutschen Maßstäben sind sie überwiegend fundamentalistisch orientiert - ob es sich um den presbyterianischen oder den pfingstkirchlichen Flügel handelt. Sie leben friedlich in einer buddhistischen Mehrheitsgesellschaft und stabilisieren die säkulare Demokratie.[33]

In jüngster Zeit wurden soziologische Untersuchungen zum Verhältnis von Evangelikalen zur Politik und insbesondere zur Demokratie in fast allen Ländern des globalen Südens vorgelegt.[34] Die Bilanz ist dabei insgesamt sehr positiv, die Unterstützung von Diktatoren oder Unrechtsregimen blieb die Ausnahme. Hier zeigt sich auch, dass man die 300 bis 400 Millionen Evangelikalen außerhalb der USA nicht mit den 50 Millionen Evangelikalen in den USA gleichsetzen darf, wobei auch unter ihnen einen erheblicher Anteil evangelikale Afroamerikaner und Latinos bilden und selbst unter George W. Bush immer noch 40 Prozent der Evangelikalen die Demokraten wählten.[35] Politisch teilen sich die Evangelikalen weltweit in Rechts- und Linksevangelikale, wobei die Linksevangelikalen Lateinamerikas oder Indiens[36] fast schon zur Befreiungstheologie gehören und in den USA mit Vertretern wie Ronald Sider oder Jim Wallis zu den schärfsten Kritikern der Politik Bushs zählten.[37]

Nimmt man, um eine andere Messgruppe zu wählen, christliche Ethiken evangelikaler Theologen - nach Riesebrodts Definition ebenfalls "Fundamentalisten" -, so treten alle aus vielerlei Gründen für Demokratie ein,[38] und das nicht nur zum Schein. Reinhard Hempelmann hat seine These, nach der die deutschen Evangelikalen überwiegend keine Fundamentalisten seien und der christliche Fundamentalismus in Deutschland keine Basis habe, unter anderem damit belegt, dass christliche Kleinparteien wie die pfingstkirchliche Partei Bibeltreuer Christen (PBC) oder die katholische Christliche Mitte kaum gewählt werden.[39] Dazu kommt, dass sie von ihren jeweiligen Kirchen auch nicht ansatzweise unterstützt werden. Ähnliches gilt für die USA. Die Christian Reconstruction gilt als einzige Bewegung, die theoretisch eine christliche Republik mit biblischen Gesetzen im Sinne der ersten Gründerstaaten der USA verpflichtend machen wollte. Sie blieb bedeutungslos und hat den Tod ihres Gründers kaum überlebt.[40]

Das Problem der evangelikalen Bewegung in ihrer Geschichte und in Teilen bis heute liegt eher darin, dass sich Evangelikale von der Politik fernhalten und anderen das Gestalten der Gesellschaft überlassen. Gerade dadurch sind sie aber für Demokratien ungefährlich (sofern man nicht den hohen Anteil der Nichtwähler als demokratiegefährdend ansieht). Die russlanddeutschen Evangelikalen in Deutschland beispielsweise arbeiten oft nicht einmal mit anderen Evangelikalen zusammen. Dennoch stammen sie überwiegend aus der ganz oder teilweise pazifistischen Tradition der Mennoniten und Baptisten und sind deswegen in punkto Gewalt oder Missbrauch der Politik "ungefährliche" Kirchen. Sie mögen im religiösen Sinne Fundamentalisten sein, im politischen Sinne sind sie es sicher nicht. Denn gerade, wenn Fundamentalismus bedeutet, den Ursprungszustand der Religion gegen die Moderne wiederherstellen zu wollen, entsteht im christlichen Bereich mit dem Ideal der ganz und gar unpolitischen Urgemeinde in Jerusalem eine eher pazifistische Bewegung.

Fußnoten

31.
Martin Riesebrodt, Die Rückkehr der Religion, München 20012, S. 89.
32.
Vgl. Alexandre Brasil Fonseca, Evangeélicos e mídia no Brasil, Rio de Janero 2003; ders, Religion and Democracy in Brazil, in: Paul Freston (ed.), Evangelical Christianity and Democracy in Latin America, Oxford-New York 2008.
33.
Vgl. Donald N. Clark, Protestant Christianity and the State, in: Charles K. Armstrong (Hrsg.), Korean society, New York 20062; David Halloran Lumsdaine (ed.), Evangelical Christianity and democracy in Asia, New York-Oxford 2008.
34.
Vgl. z.B. D. H. Lumsdaine (ebd.); Terence O. Ranger (ed.), Evangelical Christianity and democracy in Africa, Oxford-New York 2006; Paul Gifford, African Christianity, Kampala 1999.
35.
Vgl. M. Pally (Anm. 27), S. 54, S. 57.
36.
Vgl. etwa den evangelikalen Vorreiter der indischen Ökologiebewegung Ken Gnanakan, Responsible Stewardship of God's creation, Bangalore 2004.
37.
Vgl. Ronald J. Sider, Scandal of Evangelical Politics, Grand Rapids 2008; Jim Wallis, Dangerous religion. George W. Bush's theology of empire, in: Bruce Ellis Benson/Peter Goodwin Heltzel (eds.), Evangelicals and Empire, Grand Rapids 2008; Randall Balmer, Thy Kingdom Come. How the religious right distorts the faith and threatens America, New York 2006.
38.
Für Deutschland zu nennen wären Klaus Bockmühl, Georg Huntemann, Helmut Burkhardt, Horst Afflerbach und Thomas Schirrmacher.
39.
Vgl. Reinhard Hempelmann, Fundamentalismus, in: Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, 71 (2008) 7, S. 243f.; vgl. Thomas Schirrmacher, Feindbild Islam. Am Beispiel der Partei "Christliche Mitte", Nürnberg 2003.
40.
So etwa M. Pally (Anm. 27), S. 55; vgl. im Detail Thomas Schirrmacher, Anfang und Ende von "Christian Reconstruction" (1959 - 1995), Bonn 2001.