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21.3.2009 | Von:
Anke Silomon

Widerstand von Protestanten im NS und in der DDR

Protestanten und ihr Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Gegen den Versuch der Nationalsozialisten, die evangelische Kirche ideologisch und organisatorisch gleichzuschalten, gab es keine gesamtkirchliche Gegenwehr. Eine protestantische Minderheit bildete - auf der Grundlage von Barths theologischen Lehren - die Bekennende Kirche, die Mitte 1934 auf ihrer ersten Synode die Barmer Theologische Erklärung verabschiedete. Die 139 Vertreter von 18 deutschen evangelischen Landeskirchen brachten in sechs Thesen ihre Ablehnung der staatlichen Vereinnahmungsversuche und der Verfremdung des christlichen Bekenntnisses durch die Deutschen Christen zum Ausdruck.[3] Die aus heutiger Sicht ebenso dringliche Geißelung der Menschenrechtsverletzungen durch das NS-Regime lässt sich allenfalls zwischen den Zeilen herauslesen oder aber als selbstverständlich zum christlichen Zeugnis gehörend mitdenken. Viele Mitglieder der Bekennenden Kirche hatten zunächst den "nationalen Aufbruch" und die Wiederherstellung staatlicher Autorität nach dem Scheitern des parlamentarischen Systems am Ende der Weimarer Republik begrüßt. Der meistzitierte Satz aus der 1. Barmer These, der die Basis der Erklärung bildet, lautet: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Wort Gottes auch noch andere Ereignisse, Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung erkennen."

Neben Barth setzte sich das Führungsgremium der Bekennenden Kirche, der Reichsbruderrat, aus Martin Niemöller, Karl Immer und Hermann Albert Hesse zusammen. Nach einer Klärung der Leitungskompetenzen auf der dritten Bekenntnissynode in Augsburg 1935 ging Barth als Professor für Systematische Theologie nach Basel. Barth hörte dennoch nicht auf, sich politisch zu Wort zu melden - gegen die Judenverfolgung, für die Unterstützung der Fliehenden, allgemein gegen das Schweigen von Christen. Anfang 1938 erklärte er in Aberdeen unmissverständlich: "Es gibt unter Umständen eine nicht nur erlaubte, sondern göttlich geforderte Resistenz gegen die politische Macht, eine Resistenz, bei der es dann unter Umständen auch darum gehen kann, Gewalt gegen Gewalt zu setzen. Anders kann ja der Widerstand gegen die Tyrannei, die Verhinderung des Vergießens unschuldigen Blutes vielleicht nicht durchgeführt werden."[4]

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer, dessen Schriften maßgeblich von Barths dialektischer Theologie beeinflusst waren, verstand die Barmer Theologische Erklärung als Impuls und Grundlage seiner aktiven Beteiligung am (politischen) Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime. Er war an der Planung des missglückten Attentats auf Hitler beteiligt, das Fabian von Schlabrendorff am 13. März 1943 zu verüben versuchte, und Mitwisser des leider ebenfalls gescheiterten Attentats und Staatsstreichs vom 20. Juli 1944.[5] Barth, der von Bonhoeffers Hinrichtung kurz vor Ende des Krieges zutiefst betroffen war, hatte Attentate auf Hitler als ethisch legitim befürwortet. Etwa dreißig Mitglieder der Bekennenden Kirche wurden von den Nationalsozialisten ermordet oder starben an den Folgen der Haft.[6] Zu den durch ihren Widerstand zum NS-Regime aus christlicher Überzeugung bekannt gewordenen, hingerichteten Mitgliedern der Bekennenden Kirche gehören außer Bonhoeffer auch Hans Koch, Helmuth James Graf von Moltke, Friedrich Justus Perels und Paul Schneider. Koch und Perels gehörten zum Umfeld der Attentäter des 20. Juli 1944, ebenso wie der evangelische Theologe und spätere CDU-Politiker Eugen Gerstenmaier. Dieser war auch Mitglied der 1940 von von Moltke gegründeten bürgerlich-zivilen Widerstandsgruppe, des Kreisauer Kreises. Dieser bestand aus einem festen Kern von etwa zwanzig Mitgliedern und ebenso vielen Sympathisanten. Die Zusammensetzung der Kreisauer war ungewöhnlich bunt: Bürgertum und Adel waren ebenso vertreten wie die Arbeiterbewegung, der Katholizismus und der Protestantismus. Ziel der Gruppe war eine grundlegende geistige, gesellschaftliche und politische Reform Deutschlands, an deren Ende eine stark sozialistisch gefärbte Gesellschaftsordnung stehen sollte.[7]

Im Gegensatz dazu war der Widerstand der Mitte 1942 in München gegründeten Gruppe Weiße Rose, deren wichtigste Mitglieder Hans und Sophie Scholl, Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell waren, überwiegend christlich geprägt. Das Entsetzen über die Deportation und den erbarmungslosen Umgang mit den Juden sowie mit Oppositionellen und das zum Teil eigene Miterleben von Massenermordungen in Polen und Russland motivierte die Mitglieder der Weißen Rose zur subversiven, über die Verbrechen des NS-Regimes aufklärenden Flugblattarbeit. Bereits am 18. Februar 1943 wurden Hans und Sophie Scholl beim Verteilen des sechsten - gegen die nationalsozialistische Kriegspolitik gerichteten - Flugblatts an der Universität München entdeckt und an die Gestapo ausgeliefert. Im Laufe des Jahres 1943 wurden die Geschwister Scholl, Probst, Graf und Schmorell sowie der Autor des Flugblattes, Kurt Huber, hingerichtet.[8]

Der Freiburger politische Widerstandskreis, der sich anlässlich der so genannten Reichskristallnacht seit Ende 1938 regelmäßig traf, bestand fast ausschließlich aus Mitgliedern und Sympathisanten der Bekennenden Kirche. Ihm gehörten unter anderem Friedrich Delekat, Otto Dibelius, Constantin von Dietze, Walter Eucken, Adolf Lampe, Otto Hof, Friedrich Justus Perels, Gerhard Ritter, Helmut Thielicke, Erik Wolf und Ernst Wolf an. Zwischen dem Freiburger Kreis gab es eine (personelle) Verbindung zum Goerdeler-Kreis und zu Bonhoeffer, was nach dem Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 zur Verhaftung von von Dietze, Eucken, Lampe, Perels und Ritter durch die Gestapo führte.

Es lassen sich noch andere evangelische Christen nennen, die sich aus religiöser Motivation heraus, weniger spektakulär als die genannten Gruppierungen, dem Regime widersetzten, etwa der Staatswissenschaftler Hermann Stöhr, Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg. Auf seine Einberufung zur Kriegsmarine Anfang 1939 reagierte Stöhr mit Verweigerung aus Gewissensgründen, bot sich jedoch für einen ersatzweisen Arbeitsdienst an. Er ignorierte zwei Einberufungsbefehle; das Reichskriegsgericht verurteilte ihn am 16. März 1940 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode und lehnte das Gnadengesuch ab. Am 21. Juni 1940 wurde Stöhr in Berlin-Plötzensee enthauptet. Der Jurist Hermann Reinmuth, der bereits vor 1933 humanitäre Hilfsaktionen initiiert hatte, opponierte ebenfalls schon früh gegen die Nationalsozialisten. Wegen seines juristischen Beistandes für verurteilte oder inhaftierte Regimegegner und seine Unterstützung von Angehörigen politisch Verfolgter wurde er 1935 wegen "Verbrechen der Vorbereitung zum Hochverrat unter erschwerenden Umständen" zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Als Reinmuth 1941 entlassen werden sollte, verweigerte er die Unterzeichnung der damals üblichen Erklärung, künftig nichts mehr gegen das nationalsozialistische Deutschland zu unternehmen. Daher inhaftierte man ihn im KZ Sachsenhausen, wo er im April 1942 starb.

Bei Werner Sylten handelte es sich um einen evangelischen Theologen, der seit 1925 in Thüringen eine Fürsorgeeinrichtung für schulentlassene minderjährige Mädchen leitete. Die Nationalsozialisten verlangten, dass die Zöglinge nur von "Ariern" zu im Sinne der NS-Ideologie volks- und rassebewussten Mädchen erzogen werden dürften. Die Thüringische Kirchenleitung, fest in der Hand der Deutschen Christen, monierte Syltens jüdische Abstammung - sein Vater war bei der Heirat mit einer Protestantin konvertiert - und seine Sympathien für den Religiösen Sozialismus. Sylten schloss sich der Bekennenden Kirche an; seine Frau nahm sich 1935 aufgrund des wachsenden Drucks auf die Familie das Leben. Nach seiner Entlassung als "Halbjude" aus dem Pfarrdienst im Jahr 1936 arbeitete Sylten zwei Jahre lang für die Lutherische Bekenntnisgemeinschaft in Gotha, um dann als Seelsorger im Berliner Büro Heinrich Grübers anzufangen, bis dieses nach der Verhaftung Grübers Ende 1940 geschlossen wurde. Er wurde am 27. Februar 1941 ins KZ Dachau deportiert. Trotz Krankheit und Folter meldete Sylten sich aus Furcht, mit einem Krankentransport aus dem KZ in den Tod zu fahren, nicht krank. Zwar gelang es Grüber, ihn einmal von der Transportliste streichen zu lassen, doch in Folge einer offensichtlichen Erkrankung wurde Sylten im Rahmen der Euthanasieaktion 14f13 in die Tötungsanstalt Hartheim/Linz verbracht und dort im Spätsommer 1942 ermordet.

Der 1898 geborene Jurist Lothar Kreyssig[9] arbeitete nach seiner Promotion am Landgericht Chemnitz, wo er 1928 - im selben Jahr, in dem sein Vater starb und Kreyssig die Bibel zu lesen begann - zum Landgerichtsrat ernannt wurde. Die über das Berufliche hinausgehende Beziehung zum als politisch "rot" verschrienen Präsidenten des Landgerichts, Rudolf Ziel, ließ den deutschnationalen Kreyssig rasch von seiner partiellen Befürwortung der Nationalsozialisten abrücken und prägte stark seine künftige Rechtsauffassung. Ziel wurde nach 1933 seines Amtes enthoben; für Kreyssig waren die zunehmenden Rechtsbrüche unter der Herrschaft der NSDAP unübersehbar. Aufgrund seines Engagements für Arbeitslose und andere sozial Benachteiligte wurde Kreyssig von den Nationalsozialisten mit Argwohn betrachtet. Als 1934 die Bekenntnisgemeinden entstanden, trat Kreyssig der Lutherischen Bekenntnisgemeinde Flöha bei und übernahm dort die Leitung des Kreisbruderrates. 1937 erwarb Kreyssig einen vernachlässigten Bauernhof, den er nach biologisch-dynamischen Grundsätzen bewirtschaftete. Der "Bruderhof" bot Notleidenden und Verfolgten Zuspruch, und Kreyssig ließ sich ans Amtsgericht in Brandenburg/Havel versetzen.

Als Vormundschaftsrichter wurde er immer häufiger mit erschreckenden Berichten von Vormündern und Pflegern über so genannte Geisteskranke konfrontiert. Angesichts der bereits über die "Vernichtung lebensunwerten Lebens" kursierenden Gerüchte wandte sich Kreyssig im Sommer 1940 an Reichsjustizminister Franz Gürtner und äußerte den Verdacht, "Geisteskranke" würden systematisch abtransportiert und in einer Anstalt getötet. In seinem Schreiben wies er auf die in ethischer und rechtlicher Hinsicht problematische Aktion hin, um als Christ grundsätzlich die Anmaßung der Nationalsozialisten anzuprangern, über die Qualität von Menschen und deren Lebensberechtigung zu entscheiden.[10] Staatssekretär Roland Freisler persönlich eröffnete ihm im Ministerium, Hitler habe die so genannte Euthanasie-Aktion selbst veranlasst und damit das Recht zum Töten geschaffen. Reichsleiter Philipp Bouhler sei für die Durchführung der Tötungsaktion verantwortlich, an deren juristischer Absicherung derzeit noch gearbeitet werde. Nachdem Kreyssig Bouhler wegen Mordes angezeigt hatte, wurde er erneut von Freisler empfangen, der ihm erste Entwürfe für eine rechtliche Regelung der "Euthanasie" zeigte. Kreyssig erläuterte, dass dies nichts an seinem Widerstand gegen den Massenmord von "Geisteskranken" ändern werde. Sie verstoße in jeder Hinsicht gegen Ethik, Moral und Recht. Ende August wies Kreyssig die Heil- und Pflegeanstalten Brandenburg-Görden, Eberswalde, Göttingen, Landsberg/Warthe, Neuruppin, Sorau und Teupitz schriftlich an, dass die seiner richterlichen Vormundschaft unterstellten Personen nicht ohne seine Zustimmung verlegt werden dürften. Am 13. November 1940 wurde Kreyssig zu Minister Gürtner bestellt, der ihm das auf den Kriegsbeginn datierte Ermächtigungsschreiben Hitlers als juristische Grundlage für die Tötung geistig Behinderter vorlegte. Da Kreyssig bei seiner Position blieb, dass allein "der Wille des Führers (kein) Recht schaffen" könne, wurde ihm seine Versetzung in den Ruhestand angedroht. Er stellte selbst einen förmlichen Antrag, "mich unter Gewährung der gesetzlichen Bezüge in den Ruhestand zu versetzen", wurde zum Jahresende vorläufig beurlaubt und am 4. März 1942 durch Führererlass zwangspensioniert.

Erstaunlicherweise war dies die einzige Konsequenz von Kreyssigs couragiertem und widerständigem Verhalten. Versuche der Gestapo, ihn in ein Konzentrationslager zu bringen, misslangen. Trotz seiner konträren Rechtsauffassung beeindruckte Kreyssig möglicherweise die Nationalsozialisten mit seinem Pflichtbewusstsein, seinen Fähigkeiten als Jurist und seiner unbeugsamen Haltung. Er verfolgte bei seiner Arbeit für die Bekennende Kirche das primäre Ziel, sich für die behinderten, politischen und jüdischen Verfolgten einzusetzen, die der Willkür des NS-Systems hilflos ausgeliefert waren, deportiert und getötet wurden. Ende April 1945 kamen sowjetische Soldaten auf den Bruderhof, und seine Bewohner wurden Opfer von Plünderungen, Zerstörungen, Bedrohungen und Vergewaltigungen. Kreyssig sollte mehrere Male verhaftet, enteignet oder sogar erschossen werden, bevor die Russen Kenntnis von seinem Widerstand gegen die Nationalsozialisten erhielten und ihn als Antifaschisten identifizierten.

Fußnoten

3.
Vgl. Kurt Meier, Kreuz und Hakenkreuz. Die evangelische Kirche im Dritten Reich, München 1992.
4.
Karl Barth, Gotteserkenntnis und Gottesdienst nach reformatorischer Lehre, 20 Vorlesungen (Gifford-Lectures) über das Schottische Bekenntnis von 1560, gehalten an der Universität Aberdeen im Frühjahr 1937 und 1938, Zollikon 1938.
5.
Vgl. Joachim Fest, Der lange Weg zum 20. Juli, Berlin 1994.
6.
1949 gab der Bruderrat der EKD als Nachfolger des Bruderrates der BK ein Märtyrerbuch heraus, das die ermordeten und in den KZs umgekommenen BK-Mitglieder und ihre Todesumstände, soweit bekannt, aufführte. Jedoch tauchten nicht alle nach heutigen Maßstäben als "Blutzeugen" zu charakterisierende Mitglieder auf. Vgl. Karl-Joseph Hummel/Christoph Strohm (Hrsg.), Zeugen einer besseren Welt. Christliche Märtyrer des 20. Jahrhunderts, Leipzig 2000.
7.
Vgl. Hans Mommsen, Die künftige Neuordnung Deutschlands und Europas aus der Sicht des Kreisauer Kreises, in: P. Steinbach/J. Tuchel (Anm. 1).
8.
Vgl. Detlev Bald, Die Weiße Rose. Von der Front in den Widerstand, Berlin 2003.
9.
Vgl. Konrad Weiß, Lothar Kreyssig. Prophet der Versöhnung, Gerlingen 1998.
10.
Vgl. Susanne Willems, Lothar Kreyssig. Vom eigenverantwortlichen Handeln. Eine biographische Studie zum Protest gegen die Euthanasieverbrechen in Nazi-Deutschland, Göttingen o.J. [1995]; vgl. auch Kreyssigs Schreiben vom 8. 7. 1940 in: Ernst Klee (Hrsg.), Dokumente zur "Euthanasie", Frankfurt/M. 1986, S. 201 - 204.