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21.3.2009 | Von:
Anke Silomon

Widerstand von Protestanten im NS und in der DDR

Christen, Kirche und Staat in der DDR

Als Konsistorialpräsident der Kirchenprovinz Sachsen von Ende 1945 an geriet Lothar Kreyssig in Konflikte mit der Sowjetischen Militäradministration (SMAD), die immer stärker versuchte, in innerkirchliche Belange einzugreifen. 1947 wurde Kreyssig Präses der provinzialsächsischen Synode. Nach Gründung der DDR war er erneut als Christ in einem atheistischen Staat mit einem Regime konfrontiert, das seine Arbeit zu unterbinden suchte und ihn vom Geheimdienst beobachten ließ. Am Beispiel Kreyssigs lässt sich zeigen, dass Christen in der DDR zwar weder erwünscht noch beheimatet waren, aber nur in seltensten Fällen um ihr Leben fürchten mussten. Es kam vor allem in den 1950er Jahren zu gewaltsamen Übergriffen und politischen Prozessen. Gegen evangelische Christen wurden lange Haftstrafen verhängt. Und es darf keineswegs vergessen werden, dass viele junge Protestanten wegen ihres Glaubens und der damit verbundenen Lebensführung in berufliche oder private Bahnen gezwungen wurden, die nicht ihren Vorstellungen und Wünschen entsprachen. Dennoch: Insgesamt war die Problemlage eine vollkommen andere als die von Christen in der NS-Zeit.

Der evangelischen Kirche in der von der SED zentralistisch gelenkten DDR kam eine besondere Rolle als einzige staatsunabhängige gesellschaftliche Großorganisation zu. Die SED-Ideologen gingen zunächst davon aus, dass sich die Kirche als bürgerliches Relikt im Zuge der Entwicklung zum reiferen Sozialismus von selbst auflöse. Der ureigene kirchliche Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, bekam früh Schlagseite in Richtung der Seelsorge. Die Kirche war gefordert, Partei zu ergreifen und Sprachrohr zu sein für diejenigen, deren Stimme zu schwach war und denen der Rückhalt fehlte, ihre Belange zu vertreten. Hinzu kam, dass "die" Kirche in der DDR die ersten zwanzig Jahre lang ein Teil der Evangelischen Kirche in Deutschland, der gesamtdeutschen EKD, war: gemeinsame Leitungsgremien, Synoden und Arbeitsgruppen, ein grenzübergreifender Wunsch nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit - für die SED-Führung ein klares Feindbild.

Gesamtkirchlichen Widerstand gab es in dem Sinne, dass die Mehrheit der evangelischen Christen in der DDR auf ein vereintes Deutschland hoffte. Als sich abzeichnete, dass es dazu nicht kommen würde, richtete sich das Augenmerk auf DDR-spezifische Probleme und Themen. Und auf den immer weiter verstärkten Druck des Staates reagierte die evangelische Kirche 1969 mit ihrer organisatorischen Verselbständigung im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK). Die SED-Führung erkannte den Kirchenbund 1972 offiziell an. So konnte die evangelische Kirche mit dem Staat verhandeln und traf im so genannten Spitzengespräch am 6. März 1978 einige letztlich jedoch unverbindliche, wenig relevante Vereinbarungen mit dem Staat. Das Gespräch hatte indes hohen symbolischen Wert für beide Seiten und war auch nutzbringend für den SED-Staat und die "Kirche im Sozialismus". Diese Bezeichnung wurde vom BEK als Ortsbestimmung verstanden, vom Staat als Zustimmung und Beschreibung der Zugehörigkeit zur DDR zu instrumentalisieren versucht.

Durch die Sonderrolle der "Kirche im Sozialismus" wurden kirchliche Äußerungen sowohl seitens des Staates als auch von (den Medien) der Bundesrepublik mit Argwohn bzw. Interesse zur Kenntnis genommen - jedoch als politisch oder verkappt oppositionell. Nicht selten nahm der BEK zu politischen Fragen und Maßnahmen der SED Stellung, weil sie die Christen in der DDR tangierten. Dies galt etwa für Kirchensprengungen, den Kampf gegen die Junge Gemeinde, die Etablierung der Jugendweihe, die Einführung des Wehrkundeunterrichts, die Haltung von Christen zu Wehrdienst und Bausoldatenregelung, überhaupt für die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft.

Zu solchen Anlässen äußerte sich nicht nur die Leitung des BEK stellvertretend für alle evangelischen Christen in der DDR, sondern auch einzelne Kirchenvertreter meldeten sich zu Wort. Während lediglich die Evangelische Kirche in Thüringen unter ihren Bischöfen Moritz Mitzenheim und Ingo Braecklein als angepasst galt und den viel zitierten "Thüringer Weg" ging, gab es oppositionelles oder widerständiges Verhalten in allen Landeskirchen. Eine Konzentration fand sich in den großen Städten, auch die Hauptstadt Ost-Berlin stellte schon aufgrund ihrer Sonderrolle - mitten im geteilten Deutschland, nur durch die Mauer getrennt von West-Berlin - eine Hochburg da. Das Verhandlungsgeschick und die Haltung der Bischöfe zu den sich unter dem Dach der Kirche sammelnden Friedensbewegten, Oppositionellen, Umweltschützern, politisch Andersdenkenden oder Ausreisewilligen bestimmte auch das Ausmaß staatlicher Repression.

Von Christen dominiert und vom BEK mitgetragen wurde die Friedensbewegung, mit dem Symbol "Schwerter zu Pflugscharen" zugleich biblisch begründet und durch die von der Sowjetunion an die UNO verschenkte Skulptur scheinbar ideologisch abgesichert. Auch in Umwelt-, Menschenrechts-, Frauen- und "Dritte-Welt"-Gruppen waren viele evangelische Christen vertreten. Dezidiert politisch-alternative und damit von der SED als hochgradig oppositionell eingestufte Gruppen gab es einige, unter ihren Mitgliedern auch Christen. Diese Gruppen sprachen oft von einem "verbesserlichen Sozialismus" und traten für die Demokratisierung der DDR ein. Sie forderten die Einhaltung der Bürgerrechte, demokratische Wahlen, eine Entmilitarisierung der Gesellschaft sowie Reisefreiheit und grenzten sich von den "Ausreisewilligen" ab, die kein Interesse an einer Reform der DDR hatten, sondern nur schnell das Land verlassen wollten.

Auch unter den Christen in der DDR gab es konfessionelle Streitigkeiten zwischen Lutheranern, Reformierten und Unierten, die jedoch weniger deutlich die jeweilige Haltung zum SED-Staat bestimmten, sondern kirchenintern ausgetragen wurden. In offiziellen Gesprächen war der BEK stellvertretend für alle Protestanten Verhandlungspartner des Staates. Wenn man die gesamtkirchliche Leitungsebene verlässt, sind bei den beiderseitig erwünschten oder einseitig eingeforderten Zusammentreffen zwischen Vertretern der SED und denen der evangelischen Kirche auch konfessionelle Prägungen zum Vorschein gekommen. Es gab auch Kirchenvertreter, die sich weigerten, mit Vertretern des atheistischen Staates überhaupt Gespräche zu führen.

Ob evangelische Christen zur Zeit des Nationalsozialismus oder während der deutschen Teilung ihrer staatlichen "Obrigkeit", einer Diktatur gegenüber aus konfessionellen Gründen mit Anpassung, "Winterschlaf" oder Widerstand reagierten: Sie haben eine wichtige Lebenserfahrung gemacht, nämlich unter den Zwängen einer Diktatur ihr spezifisch christliches Profil auszubilden und zu vertreten. Die Protagonisten der ostdeutschen Kirchen mussten nach der politischen und kirchlichen Wiedervereinigung feststellen, dass sie mit den in der DDR erkämpften Spielräumen und politischen Erfolgen in der neuen gesellschaftlichen Heimat, der Bundesrepublik, keinesfalls Türen aufstießen. Das christliche Zeugnis und die Beeinflussung politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Weichenstellungen durch christliche Werte wie Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Friedfertigkeit, die während der NS-Zeit abhanden gekommen waren und in der atheistischen DDR zu Konflikten führten - in der pluralistischen bundesdeutschen Gesellschaft drohen sie kaum beachtet zu verhallen.