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2.3.2009 | Von:
Rüdiger Thomas

Lebensmuster - Wege zu Christa Wolf

Kahlschlag und Selbstbehauptung

Die Reglementierungen der Künstler in der DDR, von denen Christa Wolf in Frankfurt freimütig gesprochen hatte, sollten sich 1965 massiv verschärfen. Sie richteten sich in erster Linie gegen die Filmproduktion der DEFA, von der nicht weniger als zehn Titel verboten wurden, doch waren auch Schriftsteller und bildende Künstler von den hasserfüllten Polemiken betroffen, die auf dem "Kahlschlagplenum" des ZK der SED im Dezember 1965 unter Ulbrichts Regie vor allem von Erich Honecker und Kurt Hager vorgetragen wurden. Honecker hielt Schriftstellern und Filmregisseuren eine "Ideologie des spießbürgerlichen Skeptizismus ohne Ufer" vor. Es muss wie eine Drohung gewirkt haben, als der für Kultur zuständige ZK-Sekretär Hager unmissverständlich erklärte: "Louis Fürnberg schrieb das schöne Lied Die Partei hat immer recht. Das gilt für die Vergangenheit, und das gilt für die Gegenwart und die Zukunft."[5]

Die Szene, die zum Tribunal gerät, wird für Christa Wolf zur eindrucksvollen Mutprobe in aufgeheiztem Klima. Sie wendet sich gegen eine engstirnige Kulturpolitik, gegen Sichtweisen, die "jede kritische Äußerung an irgendeinem Staats- oder Parteifunktionär als parteischädigend ansehen. (...) Es ist nicht richtig (...), die Schriftsteller in eine Defensive zu drängen, so daß sie immer nur beteuern können: Genossen, wir sind nicht parteifeindlich." Mehr noch als diese Kritik an der Kulturpolitik beeindruckt ihre entschiedene Verteidigung von Werner Bräunigs Wismut-Roman "Rummelplatz", dessen auszugsweiser Vorabdruck in der "Neuen Deutschen Literatur" die Empörung der Parteimandarine ausgelöst hatte: "Meiner Ansicht nach zeugen diese Auszüge in der NDL nicht von antisozialistischer Haltung, wie ihm vorgeworfen wird. In diesem Punkt kann ich mich nicht einverstanden erklären. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren."[6]

Es kann als sicher gelten, dass ein solcher Satz in diesem Gremium niemals zuvor gefallen war. Hier meldete sich ein Gewissen zu Wort gegen die geforderte Disziplin und Unterwerfung gegenüber einer Parteiführung, die erneut unmissverständlich für sich reklamiert hatte, immer Recht zu haben. Das Gewissen ist der Kern der persönlichen Integrität, und wer die Fähigkeit und Leidenschaft Christa Wolfs kennt, die Psyche einer Person zu erfassen, wird nicht überrascht sein, wenn sie die Erfahrung des "Kahlschlagplenums" als Zäsur in ihrer Biografie benennt.[7] Im Gespräch mit Günter Gaus blickte Christa Wolf auf dieses einschneidende Ereignis 1993 zurück: "nach diesem 11. Plenum 1965 war ich sehr lange in einer tiefen Depression, in einem klinischen Sinn. Das war eine solche Kraftanstrengung, sich dort hinzustellen, daß danach einfach eine Art Einbruch kam. (...) Danach habe ich Bücher geschrieben und Dinge gemacht, die ich sonst nicht hätte machen können."[8]

Fußnoten

5.
Zit. nach Hermann Weber/Fred Oldenburg, 25 Jahre SED. Chronik einer Partei, Köln 1971, S. 161. Später werden die Wolfs den Liedrefrain Louis Fürnbergs ironisch mit dem Buchtitel "Die Phantasie hat allemal recht" (der von Bettina von Arnim entlehnt ist) konterkarieren, und der Almanach zum 70. Geburtstag Gerhard Wolfs trägt den Titel "Die Poesie hat immer recht" (nach dem Gedicht von Friederike Kempner "Die Poesie, die Poesie, die Poesie hat immer recht").
6.
Christa Wolf, Diskussionsbeitrag, in: Günter Agde (Hrsg.), Kahlschlag. Das 11. Plenum des ZK der SED. Studien und Dokumente, Berlin 2000 (2., erw. Aufl.), S. 262f. Zu den Umständen vgl. auch dies., Erinnerungsbericht, ebd., S. 344 - 354.
7.
Einen instruktiven Überblick zu Biographie und Werk bietet immer noch Therese Hörnigk, Christa Wolf, Berlin 1989.
8.
Zur Person: Christa Wolf im Gespräch mit Günter Gaus, in: Hermann Vinke (Hrsg.), Akteneinsicht. Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog. Eine Dokumentation, Hamburg 1993, S. 257.