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2.3.2009 | Von:
Rüdiger Thomas

Lebensmuster - Wege zu Christa Wolf

Selbsterkundung

Einen wesentlichen Impuls für Christa Wolfs künstlerische Entwicklung vermittelt 1966 das Werk Ingeborg Bachmanns. Auf Bachmanns programmatisches Diktum: "Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar" reagiert sie mit dem Essay "Die zumutbare Wahrheit", dessen Schlüsselworte "Selbstbehauptung als Prozess" heißen.[9] So bereichert die Beschäftigung mit der deutschsprachigen Literatur im Westen - "neben der Bachmann vor allem Enzensberger, Grass, wichtig waren Böll, Paul Celan, Max Frisch"[10] - auch erkennbar das ästhetische Konzept von Christa Wolf, deren Werk sich kaum denken lässt ohne das permanente Gespräch mit ihrem Ehemann und geistigen Partner Gerhard Wolf, mit dem sie seit 1951 verheiratet ist.[11]

"Nachdenken über Christa T." kann als Kulminations- und Wendepunkt in der DDR-Literatur am Ausgang der 1960er Jahre bezeichnet werden,[12] der bei vielen Autoren einen unaufhaltsamen Prozess der Desillusionierung gegenüber der Emphase einer sozialistischen Aufbauromantik verstärkt. Christa T. ist, wie Christa Wolf in einer Vorbemerkung schreibt, "eine literarische Figur", in die authentische "Zitate aus Tagebüchern, Skizzen und Briefen" verwoben sind.[13] Unverkennbar ist, dass zwischen Christa T. und Christa Wolf viele Parallelen bestehen.[14] Christa T., Mitte Dreißig, einst Neulehrerin, dann Germanistikstudentin, Ehefrau und Mutter von drei Kindern, ist an Leukämie gestorben. Die Erzählerin blickt über einen Zeitraum von 19 Jahren (von 1944 bis 1963) auf die Geschichte eines Menschen zurück, der sich vor "schrecklich strahlenden Helden" ebenso gefürchtet hat wie vor den "Phantasielosen" und den "Tatsachenmenschen". Sie war skeptisch gegen "die heftigen, sich überschlagenden Worte, die geschwungenen Fahnen, die überlauten Lieder, die hoch über unseren Köpfen im Takt klatschenden Hände. Sie hat gefühlt, wie die Worte sich zu verwandeln beginnen, wenn nicht mehr guter Glaube und Ungeschick und Übereifer sie hervorschleudern, sondern Berechnung, Schläue, Anpassungstrieb."[15]

Christa T. hat sich den Anforderungen gesellschaftlicher Funktionalisierung kategorisch entzogen. Stattdessen hat sie versucht, ihre "Selbstbehauptung und Selbstentdeckung"[16] im Prozess des einsamen Schreibens zu verwirklichen. Ihre literarischen Texte bilden Bruchstücke einer Spurensuche, bei der die Annäherung an die verlorene Freundin Christa T. zur kritischen Selbstbefragung der Christa W. gerät. Eher beiläufig erfährt der aufmerksame Leser, wann eine Episode der Erzählung spielt: "im Frühsommer dreiundfünfzig", und an anderer Stelle wird apostrophiert, was seinerzeit das Land erschütterte. Auf der Treppe der Humboldt-Universität fällt in einer Nacht der lakonische Satz: "Die Ordnung ist endgültig durcheinandergekommen."[17] So erscheint alles, was Christa T. als bedrängend empfindet, nicht erst als Alptraum der Gegenwart, es ist vielmehr bereits in einer Zeit verankert, die, als das Buch erscheint, schon viele Jahre zurückliegt. Argwöhnische Parteifunktionäre haben die Brisanz des Buches durchaus erkannt. Die allgegenwärtigen Protokollanten des Überwachungsstaates hatten bereits 1965 eine desillusionierte Bemerkung Christa Wolfs von einer Parteiversammlung des Schriftstellerverbandes in Potsdam überliefert, die eine Woche vor Beginn des "Kahlschlagplenums" stattfand: "Wenn die Kulturpolitik so weitergeht, wie sie sich gegenwärtig abzeichnet, kann ich meine ganzen Manuskripte ebenfalls verbrennen."[18]

So weit ging die Zensurpraxis im Jahr, als die Träume von einem Sozialismus "mit menschlichem Antlitz" durch die sowjetische Okkupation der CSSR brutal ausgelöscht wurden, dann doch nicht, obwohl sich der Mitteldeutsche Verlag nachträglich von dem Buch distanzierte und damit 1971 Christa Wolfs Wechsel zum Aufbau-Verlag bewirkte. "Nachdenken über Christa T." erschien Ende 1968 schließlich in einer verschwindend kleinen Auflage im Volksbuchhandel als "Bückware". Die Irritationen, die das Buch ausgelöst hatte, fasste Max Walter Schulz auf dem VI. Schriftstellerkongress Ende Mai 1969 mit den abwehrenden Worten zusammen: "Sozialistisch-realistische Literatur verfügt weder über den inneren noch über den äußeren Auftrag, dem Individualismus auf ihrem gesellschaftlichen Gelände sonst wie schöne Denkmäler zu setzen."[19]

Nach dem erzwungenen Rücktritt Ulbrichts schlug Honecker zunächst eine neue, überraschende Tonlage an. Seine Formeln von der "Breite und Vielfalt" und von der "Suche nach neuen Formen" die er auf dem VIII. SED-Parteitag im Juni 1971 verwendete, mehr noch seine im Dezember 1971 getroffene Feststellung, es solle "keine Tabus" geben, wurden voreilig in illusionärem Optimismus von all jenen falsch verstanden, die übersehen hatten, dass der neue Parteichef seine Avancen an die Kunstschaffenden mit einer entschiedenen Einschränkung versehen hatte: Das sollte gelten, wenn man "von der festen Position des Sozialismus ausgeht".[20] Immerhin waren für kurze Zeit Lockerungen des rigiden Kurses, den Honecker 1965 noch selbst in vorderster Frontlinie verfochten hatte, erkennbar. So konnten Bücher erscheinen, deren Veröffentlichung zuvor blockiert worden war. Dazu zählen Stefan Heyms "König David Bericht", Ulrich Plenzdorfs "Die neuen Leiden des jungen W." und Brigitte Reimanns "Franziska Linkerhand"; 1972 wurde endlich auch Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T." mit einer zweiten Auflage einem großen Leserkreis zugänglich.

Fußnoten

9.
Christa Wolf, Die zumutbare Wahrheit - Prosa der Ingeborg Bachmann, in: dies., Lesen und Schreiben. Aufsätze und Betrachtungen, Berlin 1973, S. 87 - 102, hier: S. 90. An anderer Stelle heißt es - sicher auch selbstbezüglich - über die Bachmann: "Sie sieht: Keine Hoffnung auf Veränderung mehr im Rahmen des Gegebenen." (S. 100) Der Bachmann-Essay konnte erst 1972, sechs Jahre nach seiner Entstehung im Dezember 1966, publiziert werden.
10.
Vgl. "Vor den Bildern sterben die Wörter". Rüdiger Thomas im Gespräch mit Christa und Gerhard Wolf, in: Eckhart Gillen (Hrsg.), Deutschlandbilder, Kunst aus einem geteilten Land, Köln 1997, S. 572 - 576, hier: S. 572 (G. Wolf).
11.
Ihre Beziehung zu Gerhard Wolf hat Christa Wolf eindrucksvoll beschrieben: Er und ich, in: Peter Böthig (Hrsg.), Die Poesie hat immer recht. Gerhard Wolf Autor Herausgeber Verleger. Ein Almanach zum 70. Geburtstag, Berlin 1998, S. 145 - 165. Dort heißt es, "seine Zustimmung gibt mir in der Phase totalen Zweifels jene Sicherheitszone, auf die ich mich im Notfall immer zurückziehen kann" (S. 154).
12.
Im Vergleich mit dem "Geteilten Himmel" findet Christa Wolf zu einer neuen Erzählstruktur, die für spätere Werke bestimmend bleibt. "Ich muß zugeben, daß wir damals alle noch ziemlich provinziell waren, auch in unseren Kenntnissen der Weltliteratur. Es gibt einen Roman von Aragon [gemeint ist "La semaine sante", dt.: Die Karwoche, R.T.], der mich damals durch seine nicht chronologische, assoziative Struktur angeregt hat. Bei Christa T. habe ich die zum ersten Mal angewendet und gemerkt, daß ich damit eigentlich zu mir selber finde." Schreiben im Zeitbezug. Gespräch mit Aafke Steenhuis, in: Christa Wolf, Im Dialog. Aktuelle Texte, Frankfurt/M. 1990, S. 140.
13.
Ein wichtiger Impuls für das Buch war der Tod einer engen Jugendfreundin, Christa Tabbert, im Februar 1963: "Ein Mensch, der mir nahe war, starb, zu früh. Ich wehre mich gegen diesen Tod. Ich suche nach einem Mittel, mich wirksam wehren zu können. Ich schreibe, suchend. Es ergibt sich, daß ich eben dieses Suchen festhalten muß, so ehrlich wie möglich, so genau wie möglich." Selbstinterview, in: Christa Wolf, Die Dimension des Autors. Essays und Aufsätze. Reden und Gespräche, Berlin-Weimar 1986, Bd. 1, S. 31.
14.
So schon Hans Mayer, Christa Wolf. Nachdenken über Christa T., in: Neue Rundschau, 81 (1970) 1, S. 180 - 186.
15.
Christa Wolf, Nachdenken über Christa T., Halle 1968, S. 72, S. 66, S. 71.
16.
Ebd., S. 73.
17.
Ebd., S. 90 u. S. 219f. Vgl. die aufschlussreiche Interpretation von Heinrich Mohr, Produktive Sehnsucht: Struktur, Thematik und politische Relevanz von Christa Wolfs "Nachdenken über Christa T.", in: Angela Drescher (Hrsg.), Christa Wolf. Ein Arbeitsbuch. Studien - Dokumente - Bibliographie, Berlin-Weimar 1989, S. 32 - 62, hier: S. 51.
18.
Auskunftsbericht, 21.12. 1965, in: Akteneinsicht (Anm. 8), S. 23.
19.
Max Walter Schulz, Das Neue und das Bleibende in unserer Literatur, in: VI. Deutscher Schriftstellerkongreß vom 28. bis 30. Mai 1969 in Berlin. Protokoll, Berlin 1969, S. 56.
20.
Schlusswort Erich Honeckers auf der 4. Tagung des ZK, zit. nach Gisela Rüß (Hrsg.), Dokumente zur Kunst-, Literatur- und Kulturpolitik der SED 1971 - 1974, Stuttgart 1976, S. 287.