APUZ Dossier Bild

2.3.2009 | Von:
Rüdiger Thomas

Lebensmuster - Wege zu Christa Wolf

Das Eigene und das Fremde

Im Frühjahr 1990 veröffentlicht Christa Wolf die Erzählung "Was bleibt", ein Text, der persönliche Erfahrungen mit den Praktiken des Überwachungsstaates thematisiert. Er handelt von Angst und Ohnmacht, der Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit und Solidarität und von der Schwierigkeit, in den Bedrückungen und Alpträumen der eigenen Existenz eine authentische Sprache zu finden. Die Erzählung ist 1979 entstanden und offensichtlich ein Paralleltext zu "Kein Ort Nirgends". Dass Christa Wolf diesen Text im Jahr seiner Entstehung in der DDR nicht publizieren konnte, ist nachvollziehbar. Missverständnisse löste ihr Vermerk aus, dass sie den Text im Sommer 1990 überarbeitet habe (was stilistisch, nicht inhaltlich gemeint war). Die Frage nach der Klarheit und Wahrheit der Geschichte, die Christa Wolf erzählt, verwandelte sich rasch in eine Frage nach der Konsequenz und Wahrhaftigkeit ihrer politischen Haltung, die sie in 40 Jahren DDR eingenommen hatte. Über den "Literaturstreit", der damit ausgelöst wurde und der im Vorwurf der "Gesinnungsästhetik" (Ulrich Greiner) sein denkwürdiges Stichwort gefunden hat, ist so viel geschrieben worden,[32] dass eine Bemerkung genügen soll: Es ist erstaunlich, dass nicht die einflussreichen angepassten Autoren, sondern die beiden wichtigsten ostdeutschen Dichter, Christa Wolf und Heiner Müller, in den Mittelpunkt einer gesinnungspolitischen Kontroverse gerieten, die fast ausschließlich von der westdeutschen Literaturkritik bestritten wurde und im Januar 1993 in entrüsteten Anklagen einer Kollaboration mit dem Überwachungsstaat kulminierte.

Christa Wolf hatte 1961 mit der "Moskauer Novelle" ihr erstes literarisches Werk publiziert. Zuvor war sie nach dem Abschluss des Germanistikstudiums 1953 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Schriftstellerverband, seit 1956 als Cheflektorin im Verlag "Neues Leben", 1958/59 als Redakteurin der Zeitschrift "Neue Deutsche Literatur" und bis 1962 als freischaffende Lektorin für den Mitteldeutschen Verlag in Halle tätig. Danach zog die Familie mit zwei Töchtern nach Kleinmachnow, wo Christa Wolfs literarische Karriere ihren Anfang nahm. Einbezogen in den kulturellen Funktionsbereich war sie von der Staatssicherheit am 24. März 1959 als "Gesellschaftliche Informantin" (GI) geworben und unter dem Decknamen "Margarete" geführt worden, wie ihr einziger handschriftlicher Bericht ausweist. Dass Christa Wolf die Mitarbeit unangenehm war, zeigen zwei Fakten: Sie hat wiederholt Termine ausfallen lassen und sich geweigert, Begegnungen in konspirativen Wohnungen zu vereinbaren. Insgesamt sind sieben Gespräche mit einem Mitarbeiter der Staatssicherheit dokumentiert, davon drei in Berlin, die vermutlich mit ihrer Tätigkeit als Redakteurin der NDL zusammenhingen, und vier Gespräche in Halle, in ihrer eigenen Wohnung im Beisein von Gerhard Wolf - ein Verstoß gegen die Regel der Konspiration. Als am 21. Januar 1993 die "Berliner Zeitung" den Vorgang aufgedeckt hatte, eskalierten Verdächtigungen und Vorwürfe, voran "Bild", "Die Welt" und "Der Spiegel". Nachdem Christa Wolf - als Beschuldigte wurden ihr die Akten später zugänglich als den Medien - von dem Sachverhalt im kalifornischen Santa Monica erfahren hatte, initiierte sie die Publikation des Vorgangs.[33] Der Befund zeigt: Die Staatsicherheit hielt den Ertrag der Gespräche für unergiebig, und so endete die Affäre im Februar 1962.

Nach Kenntnis der Fakten musste die Vehemenz der Attacken, denen Christa Wolf ausgesetzt war, erstaunen und befremden. Obwohl die Autorin auch einfühlende Deutungen des Vorgangs lesen konnte, wirkte vor allem das Pathos irritierend, mit dem sich Fritz J. Raddatz in der "Zeit" über Christa Wolf und - den mit unbewiesenen Vorwürfen mitverdächtigten - Heiner Müller entrüstete: "Mir scheint, beide haben nicht nur ihrer Biographie geschadet; sie haben ihr Werk beschädigt."[34] Hatte Raddatz übersehen, dass Christa Wolfs erstes wichtiges Buch erst erschienen war, als die von ihr enttäuschte Staatssicherheit sie bereits abgeschrieben hatte? Und hatte er absichtsvoll außer acht gelassen, dass die Wolfs seit 1968/69 unter den Decknamen "Skorpion" (für Gerhard Wolf) und "Doppelzüngler" (für beide gemeinsam) permanent und in gewaltigem Umfang bis zum Ende der DDR observiert worden sind?[35] Hatten die selbstgerechten Moralisierer Christa Wolfs mutige Intervention auf dem "Kahlschlagplenum" und ihren Protest gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns vergessen?

Dass Christa Wolf irritiert und verbittert reagierte, lässt sich nachvollziehen. Nach Lektüre der Akten gewann sie im Gespräch mit Günter Gaus die Einsicht: "Ein fremder Mensch tritt mir da gegenüber. Das bin nicht ich. Das muß man erst einmal verarbeiten. (...) Wer war ich eigentlich damals? Es ist ein schreckliches Entfremdungsgefühl, was mich überkommt, wenn ich das lese."[36] Die Antwort auf diese Frage ist einfacher, als es scheint: Es war der Entschluss, sich unabhängig zu machen von Institutionen und Apparaten, der die Entfremdung aufgehoben und die politische Person Christa Wolf verändert hat. Rekapituliert man die Kontroversen, die als "Literaturstreit" und als "Bilderstreit" in die Kulturgeschichte eingegangen sind,[37] so wird deutlich, dass die Auseinandersetzung um Christa Wolf auf symptomatische Weise den Anspruch einer westdeutschen Hegemonialkultur im deutschen Einigungsprozess manifestiert.

Fußnoten

32.
Vgl. insbesondere Thomas Anz (Hrsg.), "Es geht nicht um Christa Wolf". Der Literaturstreit im vereinten Deutschland, München 1991.
33.
Vgl. Akteneinsicht (Anm. 8), S. 19 - 139.
34.
Fritz J. Raddatz, Von der Beschädigung der Literatur durch ihre Urheber, in: Die Zeit vom 29.1. 1993, S. 51.
35.
Vgl. Akteneinsicht (Anm. 8), S. 275 - 290.
36.
Zur Person, in: Akteneinsicht (Anm. 8), S. 256.
37.
Vgl. Rüdiger Thomas, Wie sich die Bilder gleichen. Ein Rückblick auf den deutsch-deutschen Literatur- und Bilderstreit, in: Deutschland Archiv, 40 (2007) 5, S. 872 - 882.