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2.3.2009 | Von:
Rüdiger Thomas

Lebensmuster - Wege zu Christa Wolf

Wildes Denken

Mit "Medea" (1996) hat Christa Wolf die Mythenerkundung zu einem eindrucksvollen Abschluss geführt, in dem eine weit zurückblickende Spurensuche bis in die vorantike Überlieferung mit existenzieller Selbstreflexion sinnfällig verschränkt erscheint. "Medea" ist uns aus der Tragödie des Euripides als doppelte Kindsmörderin überliefert; sie war mit Jason und dem vom Vater geraubten Goldenen Vlies der Argonauten aus Kolchis in das ferne Korinth geflohen, bevor sie aus Eifersucht über die verratene Liebe Jasons als wilde Fremde einen unbegreiflichen Racheakt vornimmt.

Das Drama einer unmenschlichen Untat wird für Christa Wolf zur Grundfrage nach den Mechanismen, mit denen Schuldzuweisungen konstruiert und "Sündenböcke" produziert werden. Ihre Zweifel an der Wahrheit des von Euripides berichteten Geschehens führen sie zu der sicheren Überzeugung, dass der Ursprung der Geschichte ganz anders war und erst Machtinteressen und Gewaltfantasien eine Figur hervorgebracht haben, die der Gesellschaft als Entlastung für eigenes Fehlverhalten dient.

Die Tatsache, "daß eine Frau zum Sündenbock gemacht wird", ist nach Christa Wolf auch damit zu erklären, "daß die Autorin eben dieses Problem in dieser Zeit selbst sehr stark empfunden hat",[38] doch warnt sie vor einer vordergründigen Lesart. Denn der Kern "dieses mutigen, scharfsinnigen, brillanten und notwendigen Buches"[39] ist eine grundlegende Kritik am Patriarchat: "seit ich über Kassandra gearbeitet habe, ist mir ganz klar, daß die Geschichte des Patriarchats die Geschichte der Frauen aus der Mythologie umgeformt hat. (...) In die Richtung z.B. der Kassandra, also einer Frau, der niemand glaubt. Noch stärker ist diese Umformung bei Medea. Die wilde Frau, das war etwas, das ist etwas, was das Patriarchat nicht erträgt - aus gutem Grund."[40]

Mit "Medea" scheint ein Prozess abgeschlossen, in dem Christa Wolf sich selbst gefunden hat, auch wenn ihr vieles in der Lebenswelt des vereinten Deutschlands fremd geblieben ist: "Wildes Denken", das sie sich im Prozess des Schreibens angeeignet hat, weitet den Blick und lässt die Trauer über verlorene Utopien ertragen, ohne zu resignieren. So konnte sich Christa Wolf "Leibhaftig"(2002) nicht nur an Schmerz und Krankheit, sondern auch an die Paradoxien des Lebens in der DDR erinnern und viele neue Freunde in jenem Land gewinnen, das nun auch das ihre ist.

In einem einfühlsamen Text zu "Medea" hat die Turiner Germanistin Anna Chiarloni vor zwölf Jahren eine Erkenntnis formuliert, die heute ein Wunsch von Christa Wolf zu ihrem 80. Geburtstag sein könnte: "In der Mitte Europas hat plötzlich die Wende zwei Kulturen zusammengeworfen. Wichtig wäre es, daß jeder dem anderen die Möglichkeit gäbe, seine eigene Geschichte zu erzählen. Damit eine Erinnerungsgemeinschaft entsteht, die differenzierte Erfahrungen unterscheidet, erduldet und aufbewahrt."[41]

Fußnoten

38.
Christa Wolf im Gespräch nach der Medea-Lesung im FrauenMuseum in Bonn am 23.2. 1997, in: Marianne Hochgeschurz (Hrsg.), Christa Wolfs Medea. Voraussetzungen zu einem Text, Berlin 1998, S. 58.
39.
Margaret Atwood, Zu Christa Wolfs Medea, in: ebd., S. 74.
40.
Christa Wolf im Gespräch (Anm. 38), S. 59.
41.
Anna Chiarloni, Medea und ihre Interpreten, in: M. Hochgeschurz (Anm. 38), S. 119.