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2.3.2009 | Von:
Patricia F. Zeckert

Die Internationale Leipziger Buchmesse

"Leseland"-Hygiene

Die Staatsführung nahm in Kauf, dass mit den auswärtigen Ausstellern auch unerwünschte Ideen ins Land kamen. Doch versuchte sie diese unter Kontrolle zu halten, indem sie die Exponate der Verlage aus der Bundesrepublik und den "kapitalistischen Ländern" zensierte. Über die Jahre etablierte sich dafür ein wirksamer Apparat: Mitarbeiter der Zollverwaltung und des Buch-Exports sortierten das Ausstellungsgut vor. Dabei konnte man sich auf die Expertise des dafür abgestellten Personals nicht unbedingt verlassen. Entsprechend informierte der IM "Lektor", der als einziger beruflicher Lektor bei dieser Gruppe mitwirkte, die Staatssicherheit: "So konnte es zum Beispiel passieren, dass ein jüngerer Mitarbeiter (...) in völliger Unkenntnis einen Band des Hanser-Verlages (Marxismus-Leninismus) aussondern wollte, den der Verlag Hanser in Lizenz (DDR-Dietz-Verlag) verlegt hat. Der genannte Mitarbeiter nahm an, dass dieser Band eine Hetzschrift sei."[4] Man kann sich ausmalen, dass die Vorkontrolleure Titel aus übermäßiger Vorsicht zensierten, zugleich aber aus Unkenntnis Ausstellungsgut passieren ließen, das anderen als "antisozialistisch" galt.

Anschließend nahm sich eine Gutachterkommission, bestehend aus ideologisch geschulten Genossen der HV, im Hauptberuf Zensoren, der kniffligen Fälle an und verfasste Berichte über die Tendenzen im "negativ-feindlichen" Ausstellungsgut. Danach erfolgte eine abschließende Nachkontrolle am Abend vor der Messeeröffnung, bei der die Gutachter auf einem Rundgang durch das Messehaus am Markt sicherstellten, dass sich kein unerwünschter Nachzügler in die Regale geschlichen hatte.

Wie eine Zensorin der HV heute berichtet, kannten die Kommissionsmitglieder die Schwerpunkte zu beschlagnahmender Literatur durch ihre berufsbedingte Rezeption der westdeutschen Presse. Von mehreren tausend Titeln aus der Bundesrepublik beschlagnahmte die Kommission je nach politischer Großwetterlage und Menge der unliebsamen Aussteller ein- bis zweihundert. Die in der Sprache des Zolls "unter Verfügungsverbot gestellten Bücher" erreichten 1973 mit 271 Titeln allein aus der Bundesrepublik einen Höhepunkt. Darunter fand sich Literatur über China und den Maoismus, Trotzkis Werke, Bücher von Wolf Biermann, Günter Grass und Alexander Solschenizyn.[5] Bis auf einige Jahre, in denen das Beschlagnahmungsbarometer aus verschiedenen Gründen wieder nach oben ausschlug, zensierte die Kommission rein quantitativ betrachtet in rückläufigen Quoten. Im Jahr 1989 monierte sie nur noch 24 Werke, dazu zählten "Durch die Erde ein Riß" von Erich Loest und "Die wunderbaren Jahre" von Reiner Kunze - auch Solschenizyn-Titel duldete man immer noch nicht.[6]

Was die Kontrolle der ausgestellten DDR-Produktion angeht, so war sie bereits durch die erteilten Druckgenehmigungen auf Linie gebracht worden. Weil aber die Präsentationen der Verlage zu wünschen übrig ließen, führte die für die Messe zuständige Parteileitung der Abteilung Literatur und Buchwesen zur Frühjahrsmesse 1960 einen Wettbewerb um die beste Standgestaltung ein.[7] Bald darauf forderte die Abteilung Literaturpropaganda von den Verlagen außerdem ein so genanntes Drehbuch, das die "ideologisch-künstlerische" Standkonzeption inklusive der Aussagen und Gestaltungsideen enthielt,[8] denn noch immer zeigten sich Probleme in der geringen Aussagekraft der Präsentationen. Die Verlage sollten mehr Wert auf die ästhetische Gestaltung legen, informativer und individueller über ihr Programm informieren, den Export betonen und dabei zugleich politische Themen einbinden, wie beispielsweise den 20. Jahrestag der SED zur Frühjahrsmesse 1966.[9]

Eine weitere Tradition der Buchmesse, um eine wirkungsvolle Zurschaustellung des DDR-Verlagsschaffens zu gewährleisten, stellte die Abnahmekommission dar. Sie inspizierte auf einem Rundgang im Messehaus die ausgestellte Produktion der DDR-Verlage letztmalig vor der Eröffnung. Funktionäre aus den Abteilungen Wissenschaften und Kultur des ZK der SED, der Leiter der HV und verschiedene weitere Institutionen des Buchwesens gaben bei dieser Generalprobe letzte Anweisungen, etwa, Erich Honecker größer darzustellen oder die Marx-Titel stärker im Vordergrund zu platzieren. Denn die Messe sollte ihren Beitrag leisten "zur Darstellung der sozialistischen deutschen Nation, zur Verbreitung und Pflege ihres Erbes, zur Propagierung der marxistisch-leninistischen Weltanschauung und zur sozialistischen Lebensweise sowie zur Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ideologie".[10]

Fußnoten

4.
Bericht des IM "Reinhardt" zu einer Information von "Lektor", 9.3. 1975, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1112/91, Bd. II/2, Bl. 97.
5.
Dienststelle Buchmesse [der Zollverwaltung], Aufstellung der zur LFM 1973 auf Sicherstellung entschiedenen Buchexponate, BStU, MfS, HA XX, 13018, Bl. 30 - 77.
6.
Einschätzung zu politisch-operativ beachtenswerten Erscheinungen im Zusammenhang mit der Internationalen Leipziger Buchmesse 1989, 16.3.1989, BStU, MfS, HA XX/AKG, 6661, Bl. 68 - 70.
7.
Schreiben der Abt. Literatur und Buchwesen, Vorbereitende Parteileitung für das Hansahaus an alle Parteisekretäre der beteiligten Verlage, 11.1.1960, BArch, DY 30/IV 2/9.04/695, Bl. 109f., hier Bl. 109.
8.
Schreiben der Abt. Literatur und Buchwesen an alle Verlagsleiter, 9.4. 1962, BArch, DR 1/1055.
9.
Vgl. Bericht Frühjahrsmesse 1966 der HV, 28.3. 1966, BArch, DY 30/IV A2/9.04/499.
10.
Messebericht der Abt. Literaturverbreitung und -propaganda, 27.3. 1979, BArch, DR 1/1703, Bl. 421 - 436, hier Bl. 421.