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2.3.2009 | Von:
Patricia F. Zeckert

Die Internationale Leipziger Buchmesse

"Leseland"-Propaganda

Die Buchmesse war konzipiert als Leistungsschau der Errungenschaften des DDR-Verlagswesens. Damit die Welt davon Kenntnis nehmen konnte, fand seit 1958 traditionell immer am Vormittag des Messe-Montags eine Pressekonferenz statt. Einen Tag zuvor war in glanzvollem Rahmen und mit hochkarätiger Besetzung die feierliche Eröffnung über die Bühne gegangen. Im Verlauf der Messe folgten weitere Empfänge, auf denen sich das "Leseland" und die Buchstadt feierten.

Die Pressekonferenz, als deren offizieller Ausrichter der Börsenverein agierte, besuchten immer um die 200 Journalisten und Verlagsvertreter. Etwa ein Viertel der Anwesenden rekrutierte sich aus Abgesandten der Verlags- und Buchhandelsinstitutionen, des Ministeriums für Außenhandel und Innerdeutschen Handel, des Rates der Stadt, der SED und des Leipziger Messeamts. Weitere 20 bis 50 Teilnehmer kamen aus Westdeutschland. Dabei waren schon in den Anfangsjahren wichtige überregionale Tageszeitungen wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) präsent. Von Mitte der 1960er Jahre an schrieben die Blätter regelmäßig über die Buchmesse, wobei es nach und nach Usus wurde, im Feuilleton mindestens dreimal durch Korrespondenten aus Leipzig zu berichten: anlässlich der Eröffnungsveranstaltung oder der Pressekonferenz, zu den Neuerscheinungen und nach Ende der Buchschau. Aus dieser umfangreichen Notiznahme durch die westdeutsche Presse kann man schlussfolgern, dass die akkreditierten Journalisten die Buchmesse als kulturpolitisches Barometer nutzten. Auf der Pressekonferenz bot sich ihnen die Möglichkeit, den Verantwortlichen des Literaturbetriebs Fragen zu stellen, mal mehr und mal weniger kritische.

Schon die alljährliche Auswahl des Podiums verdeutlicht, welch standfeste ideologische Wand den Medienvertretern vorgesetzt wurde: der stellvertretende Minister für Kultur, der amtierende Vorsteher des Börsenvereins, wichtige Verleger wie die von Volk und Welt, Aufbau, Dietz oder des Akademie-Verlags, manchmal zusätzlich einige repräsentative Autoren. Ablauf und Themen der Konferenz erscheinen im Nachhinein monoton, wiederkehrend und politisch-standardisiert. Es hatte sich eingebürgert, dass der Börsenvereinsvorsteher zuerst die Bilanz des DDR-Buchschaffens und seine Ziele im kommenden Jahr vortrug: Zahlen zur Buch- und Titelproduktion, zu Lizenz- und Exportgeschäften, Details über die Programmschwerpunkte der aktuellen Verlagsproduktionen meist unter politischen Vorzeichen wie die Vorbereitung bestimmter Parteitage, DDR-Jahrestage und Jubiläen "sozialistischer Idole" wie Lenin, Ernst Thälmann oder Karl Marx, außerdem Ausführungen zum buchkünstlerischen Engagement, etwa während der Ausstellung der "Schönsten Bücher" oder bei einer der alle sechs Jahre stattfindenden "Internationalen Buchkunstausstellungen" (iba), weiterhin Informationen zu DDR-Buchausstellungen im Ausland und zu sonstigen Kooperationen mit den sozialistischen Ländern - eben alle aktuellen Eckdaten des "Leselandes".

Von 1973 an hatte Klaus Höpcke die Funktion des stellvertretenden Ministers für Kultur und Leiters der HV inne. Der "Buchminister" war bekannt für seine Rede- und Wortgewandtheit; davon legen auch die stenografischen Protokolle der Pressekonferenzen Zeugnis ab. Er nutzte diese Bühne, um die Verdienste der DDR in punkto Buch ausgiebig zu demonstrieren. Dass dabei Manipulation im Spiel war, verdeutlichen die in den Akten dokumentierten umfangreichen Vor- und Nachbereitungen der Veranstaltung: Von der ersten Pressekonferenz an verordnete der Börsenverein, abgesegnet von der HV bzw. deren Vorgängerinstitutionen, den Journalisten aus der DDR im Vorfeld Fragen, die sie während der Veranstaltung stellen sollten und die ausgesuchte, inhaltlich ergänzende Themen inszenierten.[11] Gleichfalls bestimmte er das Podiumspersonal, das sich auf deren Beantwortung vorzubereiten hatte.

Auf der Pressekonferenz der Buchmesse 1980 etwa fragten einige der DDR-Presse- und Rundfunkorgane trotz vorheriger Zusicherungen nichts, sodass die "Konzeption" der Veranstaltung platzte, weil wesentliche "Fragenkomplexe" unter den Tisch gefallen waren. Höpcke wartete, wie er in einem Brief an den stellvertretenden Leiter der Abteilung Agitation des ZK der SED, Klaus Raddatz, mitteilte, vergeblich auf eine Frage des Rundfunks zum Schaffen von Debütanten, "eine Frage, in deren Beantwortung wir mit Hinweisen auf eine ganze Reihe von Werken aus der Feder von Autoren jüngerer Jahrgänge belegen wollten, wie hier vom ideologisch-künstlerischen Gehalt her das Sozialistische im Werk der Älteren aufgegriffen und fortgeführt wird (was, wie Du weißt, politisch nicht unwichtig ist, um Spekulationen des Gegners auf die Jungen bei uns zurückzuweisen)."[12] Das gewünschte "offensive Auftreten der DDR-Massenmedien" schlug fehl. Stattdessen musste man zusehen, wie sich die Vertreter der westdeutschen Medien "wieder stärker in den Mittelpunkt der Pressekonferenz" rückten,[13] nämlich mit Fragen zu den Ausreisen der Schriftsteller, zu Nachauflagen von Verbandsausgeschlossenen, sich hinauszögernden Erscheinungsterminen oder zur Stalinkritik in der DDR.

Die selbstsicheren westdeutschen Fragesteller waren für die Pressekonferenz eine unberechenbare Unbekannte. Um auch auf deren Fragen vorbereitet zu sein, spionierte die Staatssicherheit in ihrem Umfeld mit IM, die Informationen zu geplanten Fragen der Journalisten und ihren etwaigen Übereinkünften zu ihrem Verhalten auf der Pressekonferenz sammelten. So hätten sich die Medienvertreter 1977 in Erwartung eines "große(n) kulturpolitische(n) Knall(s)" vorgenommen, provozierend zu Biermann zu fragen und damit das Präsidium der Pressekonferenz "in die Enge zu treiben"[14] - was aber am Ende nicht gelang. Insofern gab es aus dieser Richtung zu erwartende Fragen, auf die sich Höpcke einstellen konnte, sodass er stets "entsprechend der mit der Kulturabteilung des ZK der SED abgestimmten, parteilich-konsequenten und sachlichen Form" reagierte.[15]

Die DDR sollte also über das "Leseland" hinausweisend um jeden Preis und mit Unterstützung der inländischen Medien sowie der Staatssicherheit vor der internationalen, aber vor allem vor der westdeutschen Öffentlichkeit eine gute Figur machen. Trotz der politischen Vereinnahmung des Kommunikationsinstruments Pressekonferenz bot sie eine Plattform, um deutsch-deutsche Literaturprozesse ausloten zu können.

Fußnoten

11.
Vgl. Pressestelle des Börsenvereins Offermanns an HV Verlagswesen Junge, 2.9. 1958, SächsStA-L, 21766 Börsenverein II, Nr. 1097, Bl. 37.
12.
Höpcke an Raddatz, 12.3. 1980, BStU, MfS, HA XX, 11868, Bd. 2, Bl. 478f., hier Bl. 479; Hervorhebung im Original.
13.
Vgl. Information der HA XX zur Pressekonferenz, 10.3. 1980, BStU, MfS, HA XX, 2269, Bl. 18 - 21, hier Bl. 19.
14.
Vgl. HA XX, Einsatzgruppe Messe, Bericht über politisch-operative Aktivitäten zur Buchmesse, 19.3. 1977, BStU, MfS, HA XX, 11866, Bl. 230 - 251, hier Bl. 247.
15.
Vgl. Information der HA XX, Einsatzgruppe Messe zur Pressekonferenz, 12.3. 1979, BStU, MfS, HA XX, 6874, Bl. 94 - 96, hier Bl. 96.