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2.3.2009 | Von:
Patricia F. Zeckert

Die Internationale Leipziger Buchmesse

Schein und Sein

Dass die große Schau der DDR-Verlage in weiten Teilen nur ein Bluff war, zeigte die Menge an Blindbänden, die sich in den Regalen befanden, also Muster des fertigen Buches mit leeren Seiten. Auf der Frühjahrsmesse 1965 betraf das mehr als 800 Titel, die erst zur Herbstmesse im Original gezeigt werden konnten, zusätzlich zu 1900 Neuerscheinungen und weiteren rund 7000 Titeln aus der lieferbaren Produktion.[16] Die Blindbände blieben ein drängendes Problem. Wie in einem Messeabschlussbericht deutlich wird, unterhöhlten sie die Informationsfunktion der Messe für Buchhandel, Geschäftspartner und Publikum: "Es fällt negativ auf, dass auf allen Gebieten eine große Zahl von Blindtiteln ausgestellt wird. Diese Unsitte bewirkt, dass es kaum möglich ist, sich einen realen Überblick über das tatsächliche Angebot zu schaffen."[17] Berechtigterweise nannte die FAZ die Leipziger Buchmesse eine "Leistungsschau der Blindbände".[18]

Über die Gründe wissen Verlagsmitarbeiter zu berichten, dass der Messetermin im März ungünstig im Jahresablauf lag. Denn erst im April bekamen die Verlage die Papierzuteilungen für das laufende Jahr, sodass im März noch keine Novitäten gedruckt werden konnten. Was an neuen Titeln in den Regalen stand, waren Phantome oder aber so genannte Überhänge, die im vergangenen Jahr nicht geschafft und dann im Januar und Februar gebracht wurden. Den Verlagsmitarbeitern blieb nichts anderes übrig, als mühevoll die Ausstellungsmuster zusammenzubasteln und den Hülsen noch kurz vor der Standabnahme die fertigen Schutzumschläge überzustreifen.

Trotz dieser Mängel in der Präsentation orderten die Buchhändler der DDR in großen Mengen, sodass die Vertriebsmitarbeiter der Verlage den ganzen Tag damit beschäftigt waren, Bestellungen zu schreiben. Diese Vormerker gingen in die Hunderttausende; von ihnen wurde anschließend nur ein Bruchteil tatsächlich gedruckt. In der Tat traten die literarischen Versorgungslücken auf der Messe deutlich zutage: Die Menge der überzeichneten Titel schwankte in den 1960er Jahren zwischen zwei- und dreihundert, mehrheitlich Belletristik. Die Buchhändler bestellten an den Messetagen auch mehr als geplant beim Kinderbuchverlag, aus dessen Neuerscheinungen und Nachauflagen 68 von 92 Titeln zur Herbstmesse 1969 überzeichnet waren.[19] Diese Fehler im System hintertrieben regelrecht den Gedanken einer "Leseland"-Leistungsschau.

Fußnoten

16.
Vgl. Bericht der HV über die Herbstmesse 1965, BArch, DY 30/IV A2/9.04/498.
17.
Bericht der Abt. Literaturverbreitung und -propaganda über die Frühjahrsmesse 1968, BArch, DY 30/IV A2/9.04/499.
18.
Rolf Michaelis, Bücherherbst im Jahr der roten Nelken, in: FAZ vom 4.9. 1969.
19.
Bericht der Abt. Literaturverbreitung und -propaganda über die Buchmesse Herbst 1969, BArch, DY 30/IV A2/9.04/500.