30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
APUZ Dossier Bild

counter
2.3.2009 | Von:
Patricia F. Zeckert

Die Internationale Leipziger Buchmesse

Buchbeschaffung

Für das Publikum erfüllten sich in Leipzig Sehnsüchte, die vor allem jenseits der Mauern des "Leselandes" lagen. Die Buchmesse ist in der kollektiven Erinnerung zu einem "Fenster zur Welt" bzw. in den Westen geworden. Unbestreitbar stellte die Bücherschau einen der wichtigsten Kanäle neben der Deutschen Bibliothek, dem deutsch-deutschen Schmuggelverkehr und dem Postversand dar, um an Westbücher zu gelangen. Das Besondere an der Messe war, dass sich der westdeutsche Buchmarkt in seiner Vielfalt und vor allem in seiner Aktualität überblicken sowie haptisch erfahren ließ und jeder hier ohne große Umstände Zugang hatte - abgesehen von der Alterseinschränkung ab 14 Jahren. Von dieser günstigen Möglichkeit machten die Buchinteressierten ausgiebig Gebrauch: Zu den Erinnerungsmustern an die Messe zählen Menschenmassen, dichtes Gedränge und die Hitze im Messehaus am Markt. Aus der ganzen DDR reisten Besucher an und nahmen dafür sogar Urlaub. Obwohl dieser Ansturm für die geschäftlichen Kontakte manchmal lästig war, schränkte das Messeamt den Zutritt privater Besucher zugunsten von Fachbesuchertagen nie ein, wie beispielsweise in Frankfurt praktiziert.

Die Zahl der Verlage aus Westdeutschland rangierte seit Anfang der 1970er Jahre zwischen 30 und 40 Einzelausstellern, wobei zusätzlich mehrere hundert Verlage an wenigen Gemeinschaftsständen auftraten. Die Ausstellerstruktur zeigt, dass hauptsächlich wissenschaftliche und Fachverlage zu den Leipzig-Treuen zählten, denn die DDR investierte ihre Importdevisen vor allem dort und hatte für erzählende Literatur kaum finanzielle Mittel übrig. Doch besuchten auch die großen Belletristik- und Sachbuchverlage der Bundesrepublik die Messe, sodass sich dem DDR-Leser ein beeindruckender Querschnitt durch die westdeutsche Verlagslandschaft darbot. Häuser wie Rowohlt, dtv, Hanser, Luchterhand, Suhrkamp oder Bertelsmann gehörten zu den Attraktionen der Buchmesse. Oben erwähnter "Lektor" berichtete 1981, dass sich irrtümlicherweise am Stand von Gustav Fischer - Verlag medizinischer Fachliteratur - Menschentrauben gebildet hätten. Die Besucher seien der Annahme gewesen, es handele sich um den S. Fischer Verlag, der allerdings zu dieser Messe nicht zu den Ausstellern zählte.[20] Solche Irrtümer waren indes Einzelfälle, denn unter den westdeutschen Verlagsmitarbeitern galt das Leipziger Publikum als extrem gut informiert über die West-Programme, wie man an den detaillierten Fragen erkennen konnte.

Überdies zeigte das bundesrepublikanische Standpersonal viel Verständnis für die literarischen Bedürfnisse der neugierigen DDR-Leser: Legendär ist die westliche Toleranz gegenüber Buchdiebstählen, die meist in einem Atemzug mit der Messe genannt werden. Uwe Tellkamp thematisiert dieses Phänomen in seinem Roman "Der Turm". Dort beschreibt er den Buchmessebesuch der "Locusta bibliophilia", der ostdeutschen Bücherheuschrecke, die sich von Werken aus dem "Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet" ernährt. Diese literarische Darstellung offenbart stellvertretend für Zeitzeugenberichte die Planung, Ausrüstung, die Strategien, Angriffsarten, Ängste und die Beute der Bücher stehlenden Geschwader.[21] Der Staatssicherheit galt dergleichen als gefährliches, wenngleich unlösbares Problem, vor allem wegen der "ideologischen Zersetzung", die der Bevölkerung drohte, aber auch, weil der gute Ruf der Messe Schaden nahm. So dokumentierte sie zwar ausführlich Hintergründe zu gestellten Bücherdieben, doch bildeten diese mengenmäßig nur einen Bruchteil der Langfinger insgesamt ab.[22] Diese Sisyphusarbeit teilten sich die MfS-Mitarbeiter im Messehaus am Markt mit der Volkspolizei.

Etwas weniger als die Hälfte der Befragten einer qualitativen Untersuchung,[23] welche die Motive des Buchmessebesuchs der DDR-Leser ergründet, nutzte die Messe tatsächlich für die materielle Literaturbeschaffung. Dabei stahl die Mehrheit unorganisiert, gezielt und wenige Titel. Nur in Einzelfällen handelte es sich um wahre Klaugeschwader ähnlich den erwähnten Bücherheuschrecken. Vor allem Studenten wandten diese Methode an und besuchten die Messe, um gezielt Bücher "zu besorgen". Sie sprachen sich untereinander über gemeinsame Treffpunkte ab und kooperierten mit Kellnerinnen in Cafés, um die "Beute" zwischenzulagern. Die Untersuchung zeigt auch, dass es jenseits der mythischen Reduktion der Buchmesse auf den Klau den Typ Besucher gab, der Westliteratur vor Ort zur Kenntnis nahm, weil er das Stehlen als zu riskant empfand oder ihm andere Bezugswege offen standen. Ein weiterer Typus ging hauptsächlich auf die Messe, um von der einmaligen breiten Übersicht über die ostdeutschen Neuerscheinungen zu profitieren. Wie der Befragte R. betraten diese Personen das Messehaus gut vorbereitet: Er informierte sich im Vorfeld durch den Vorankündigungsdienst des Leipziger Kommissions- und Großbuchhandels, ein Branchenarbeitsmittel, das die wichtigsten Titelangaben der Neuerscheinungen enthielt. Eine optische Vorstellung konnte er aber nur auf der Messe gewinnen und die genauen Termine von den Verlagsmitarbeitern erfahren. R. schrieb sich Listen mit interessanten Titeln, die er dann "abarbeitete". Gleich nach seinem Messebesuch eilte er in die Buchhandlung, um beim Bestellen möglichst unter den Ersten zu sein und die Chance zu erhöhen, tatsächlich ein Exemplar der Auflage zu erhalten.

Fußnoten

20.
Vgl. Information des "Lektor", 15.3. 1981, BStU, MfS, BV Leipzig, AIM 1112/91, Bd. II/3, Bl. 60.
21.
Uwe Tellkamp, Der Turm, Frankfurt/M. 2008, S. 308 - 312.
22.
Details dazu in einem Beitrag der Autorin in Siegfried Lokatis/Ingrid Sonntag (Hrsg.), Heimliche Leser in der DDR. Kontrolle und Verbreitung unerlaubter Literatur, Berlin 2008, S. 232 - 244.
23.
Durchgeführt mit 18 Interviewpartnern im Dezember 2008 mit Unterstützung von Studenten des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig.