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2.3.2009 | Von:
Patricia F. Zeckert

Die Internationale Leipziger Buchmesse

Autoren und Leser

In den qualitativen Interviews erinnern sich Zeitzeugen nur sehr selten an Lesungen, die während der Buchmesse stattfanden. Das literarische Rahmenprogramm der DDR-Buchmesse reichte keinesfalls an die Ausmaße von "Leipzig liest" heran. Spricht man heute von 1900 Veranstaltungen mit Zehntausenden Besuchern - man schmückt sich damit, größtes Lesefestival Europas zu sein -, waren es in den 1980er Jahren etwa 30 Veranstaltungen, zu denen um die 2000 Gäste kamen. Die öffentliche Wahrnehmung war damals vergleichsweise gering, zumal literarische Veranstaltungen vornehmlich nicht in Zusammenhang mit der Buchmesse gebracht wurden, sondern vielmehr zum Messekulturprogramm zählten, das Leipzig für seine Gäste auf die Beine stellte.

Zu den Ideen, die für die Neugestaltung der Buchmesse Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre eingebracht wurden, gehörten auch öffentliche Veranstaltungen. Die HV rief die Verlage in den Direktiven stets dazu auf, die Messe als wirkungsvolle Gelegenheit für "literaturpropagandistische Veranstaltungen" - eine Mischung aus Lese- und Absatzförderung - zu nutzen. Es fanden nicht nur Autorenlesungen und Buchvorstellungen statt, sondern auch Lichtbildpräsentationen, musikalisch-literarische Abende oder politisch-theoretische Vorträge zum Beispiel des Dietz Verlags "über die Bedeutung der Theorie von Karl Marx für das entwickelte gesellschaftliche System des Sozialismus in der DDR".[24] Typische Orte waren die Buchhandlung Franz-Mehring-Haus - einst größte Buchhandlung der DDR, mittlerweile aktuellster Verlust der "Buchstadt" -, das Gohliser Schlösschen oder die Alte Handelsbörse.

Auswärtige Messegäste berücksichtigte man beim Verkauf der Eintrittskarten bevorzugt. Entsprechend schwierig war es für den Durchschnittsbürger, begehrte Veranstaltungen zu besuchen. Bei einer Buchvorstellung mit Reiner Kunze Anfang der 1970er Jahre mussten sich Mitarbeiter des Reclam-Verlags mit aller Kraft gegen die Saaltüren stemmen, weil eine Menschenmasse ohne Karten auf Einlass drängte - sogar durch die Toilettenfenster. Diese Veranstaltungen waren ein begehrtes Austauschforum für Literaturbegeisterte; hier konnte man Autoren erleben, ihren Gedanken folgen und Fragen stellen. Lesungen beliebter DDR-Schriftsteller wie Erwin Strittmatter, Christa Wolf, Volker Braun, Stephan Hermlin oder Franz Fühmann gehörten zu den attraktivsten; ebenso wie die selten begrüßten ausländischen Autoren aus der Sowjetunion, der Schweiz oder Österreich wie Erich Fried oder Adolf Muschg. Vereinzelt stellten sich ab den 1970er Jahren sogar westdeutsche Schriftsteller dem DDR-Publikum vor. Veranstaltungen mit Rolf Hochhuth, Martin Walser oder Peter Härtling platzten aus allen Nähten.

Fußnoten

24.
Vgl. Bericht der Abt. Literaturverbreitung und -propaganda über die Leipziger Frühjahrsmesse 1968, BArch, DY 30/IV A2/9.04/499.