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17.2.2009 | Von:
Stefan Niggemeier

Selbstbewusst anders sein - Essay

Der Wert des Qualitätsjournalismus

Eigentlich müssten die Menschen gerade in Krisenzeiten den Wert dieser Institutionen erkennen. Die Gebührenfinanzierung soll gewährleisten, dass sie gerade dann, wenn es allen anderen schlecht geht, wenn bewährte publizistische Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren und das Privatfernsehen ächzt und spart, nicht auch gefährdet werden, sondern ihrer gesellschaftlichen Aufgabe nachkommen können. In der öffentlichen Debatte aber wird - nicht nur von interessierter Seite - daraus eine Neiddiskussion: Warum soll es, wenn es allen schlechter geht, ARD und ZDF nicht auch schlechter gehen? Warum wird deren Gebühr sogar noch erhöht? Es gibt kaum eine Stimme, die in dieser Debatte darauf verweist, dass eine solche Argumentation den Sinn der Rundfunkgebühren und des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an sich auf den Kopf stellt; dass im Gegenteil gilt: Je schlechter die publizistischen Arbeitsbedingungen sind, umso wichtiger ist es, dass ARD und ZDF noch gut ausgestattet sind.

Jenseits der aktuellen Wirtschaftskrise steht die Frage im Raum, ob und wie in Zukunft guter Journalismus finanziert werden kann. Der Abwanderung des Publikums ins Internet steht kein entsprechender Geldfluss gegenüber: Die Medienunternehmen verlieren in ihren klassischen Märkten mehr als sie online gewinnen. In den Vereinigten Staaten gibt es schon Modelle, wie investigativer Journalismus durch Stiftungen finanziert werden kann. In der Debatte darüber fehlt auffallend der Gedanke, dass ARD und ZDF die natürlichen Institutionen wären, die solche Formen, die sich privatwirtschaftlich nur schwer oder gar nicht refinanzieren lassen, aber für eine Demokratie elementar sind, ermöglichen können. In der Auseinandersetzung um die Frage, was die öffentlich-rechtlichen Sender im Internet tun dürfen, dominiert der Gedanke, dass starke öffentlich-rechtliche Sender im Internet den Privaten das Leben dort schwer machen würden. Dass sie aber auch Garanten sein könnten für eine Publizistik, die nicht von reinem Quotendenken getrieben ist (das im Internet noch dominanter und verheerender ist als im Fernsehen) - dieser Gedanke kommt viel zu kurz.

Das liegt natürlich daran, dass die Verleger die Debatte mit ihren eigenen Interessen prägen. Es hängt aber auch damit zusammen, dass ARD und ZDF viel zu wenig als solche publizistischen Institutionen wahrgenommen werden - und das ist nicht zuletzt ihre eigene Schuld. Relevante, nachrichtliche Inhalte scheinen bei ihnen immer in der Defensive zu sein. Ohne Not hat die ARD ihre politischen Magazine kastriert, das ZDF-"Auslandsjournal", einstmals um 19:30 Uhr im Programm, läuft nur noch nach dem "heute journal", die Regionalmagazine haben Landespolitik und brisante Recherchen längst durch harmlose Besuche in der Nachbarschaft ersetzt, der traditionsreiche ZDF-"Länderspiegel" ist zum Restverwertungsmagazin mit Human-Interest-Schwerpunkt verkommen, Auslandskorrespondenten beschweren sich über schlechte Arbeitsbedingungen und mangelnde Sendeplätze.

Die ARD zeigt keinen "Brennpunkt" zu den Anschlägen auf Mumbai, um die "Bambi"-Verleihung nicht zu verschieben, nimmt aber einen Winter-"Brennpunkt" ins Programm, der atemlos berichtet, dass es nichts zu berichten gibt. Das WDR-Fernsehen informiert seine Zuschauer sogar mehrere Tage in Folge in Sondersendungen zur Primetime darüber, wie Menschen in Nordrhein-Westfalen Schlittschuh laufen. Das kann man natürlich machen, und die Zuschauer belohnen es kurzfristig mit hohen Quoten, aber langfristig darf man sich dann nicht wundern, wenn die Leute nicht mehr als flauschig-harmlose Inhalte vom Programm erwarten, die sie gerne sehen, aber auf die sie auch gut verzichten könnten, wenn sie müssten.