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17.2.2009 | Von:
Stefan Niggemeier

Selbstbewusst anders sein - Essay

Dinge tun, die andere nicht tun

Es ist nicht so, dass es den Öffentlich-Rechtlichen an Profil mangelte. Es mangelt ihnen an öffentlich-rechtlichem Profil. Sie müssen sich zu einem Teil aus dem Wettlauf mit den Privaten verabschieden und stattdessen an ihrer Unverwechselbarkeit, ihrer Identität arbeiten. Es geht nicht darum, aus ARD und ZDF Nischenprogramme zu machen. Eine hohe Zuschauerzahl ist auch und gerade bei guten Programmen ein Wert. Aber es ist ein relativer Wert. Ein Programm, das einzigartig ist, nachhaltig, relevant oder innovativ, darf es nicht schwer haben, sich intern gegen ein Programm durchzusetzen, das womöglich mehr Zuschauer erreicht, aber die Kopie eines seelenlosen, beliebigen, gerade angesagten Formates ist.

Natürlich gibt es auch jetzt schon Beispiele dafür, dass ARD und ZDF einzelne Nischen dieser Art pflegen. Sie haben sich trotz mauer Quoten dazu durchgerungen, an Sendungen wie der rasanten Krimiserie "Kriminaldauerdienst" (ZDF) oder der klugen und im besten Sinne leichten Familienserie "Türkisch für Anfänger" (ARD) festzuhalten. Aber das sind noch viel zu seltene Ausnahmen. Öffentlich-rechtlich sein muss bedeuten: Dinge tun, die andere nicht tun. Und Dinge lassen, die andere tun. Verzweifelt klammern sich ARD und ZDF an das Recht, Werbung auszustrahlen und nach 20 Uhr noch Sponsorenhinweise - dabei würde die Unangreifbarkeit und Unterscheidbarkeit, die sie durch einen Verzicht gewönnen, ungleich mehr wiegen als der Verlust der überschaubaren Einnahmen.

Das ZDF scheint nicht einzusehen, dass es nicht darum geht, ob Thomas Gottschalk das Recht hat oder nicht, in "Wetten, dass . . ?" demonstrativ das Logo eines Werbepartners sekundenlang in die Kamera zu halten. Es geht darum, dass das ZDF dafür Gebühren erhält, dass er das nicht tun muss. ARD und ZDF müssten offensiv erklären, was sie alles nicht machen, weil sie öffentlich-rechtlich sind: Sie müssten auf faule Kompromisse wie die Autowerbung in "Wetten, dass . . ?" verzichteten, mutig und entschlossen gegen Schleichwerbung vorgehen, auf Paparazzi-Aufnahmen in ihren Boulevardmagazinen und peinliche Eigen-PR in ihren Nachrichten verzichten, und Hubert Burda müsste seine Werbeveranstaltung namens "Bambi"-Verleihung selbstverständlich von einem Privatsender übertragen lassen. Sie sollten stolz und laut bekennen, was es für sie bedeutet, öffentlich-rechtlich zu sein, und sich daran messen lassen.

Das wird der eigentliche Test sein, von dem das Überleben dieses Modells abhängt, nicht von der Frage, ob man "Marktführer" war, weil man zwei Promille mehr Marktanteil hatte als RTL. Wir brauchen starke öffentlich-rechtliche Sender, in Zukunft vielleicht mehr denn je.