APUZ Dossier Bild

17.2.2009 | Von:
Jürgen Wilke

Die zweite Säule des "dualen Systems": Privater Rundfunk

Start und Entwicklung des privaten Rundfunks

Der 1. Januar 1984 gilt als das Startdatum des privaten Rundfunks in Deutschland. An diesem Tag strahlte die in Ludwigshafen angesiedelte Anstalt für Kabelkommunikation (AKK) erstmals Rundfunkprogramme aus, die unter Beteiligung privatwirtschaftlich organisierter Programmanbieter zustande kamen. Manche sprachen von einem "Urknall im Medienlabor",[6] ein zwar plastisches, aber angesichts der Vorgeschichte nicht ganz zutreffendes Bild. Zu den neuen Programmanbietern gehörte die Programmgesellschaft für Kabel- und Satellitenrundfunk (PKS), aus der später der Programmanbieter Sat.1 hervorging. Aus Luxemburg begann zugleich die Ausstrahlung von RTL plus. Bereits zwei Monate nach Projektbeginn wurde der AKK die Vergabe eines Satellitenkanals an diese privaten Programmanbieter zugestanden. Damit war eine "Entbindung" des privaten Rundfunks über das Versuchsgebiet hinaus vollzogen. In dem Rundfunkstaatsvertrag der Bundesländer von 1987 wurde die generelle Zulassung privater Programmanbieter festgeschrieben und das Notwendige an gemeinsamen Bestimmungen für das Nebeneinander von öffentlich-rechtlichem und privatem Rundfunk getroffen. Das betraf insbesondere die Finanzierungs- und Werberegelungen.

Im Zuge der Privatisierung des Rundfunks ist es in den folgenden Jahren in Deutschland zu einer enormen Ausweitung der elektronischen Medien gekommen. Das gilt sowohl für die Zahl der Veranstalter als auch für die Programmangebote und die Nutzung durch Hörer und Zuschauer. In der Bundesrepublik sind heute mehr als 300 Radioprogramme zu empfangen, knapp 250 davon sind private.[7] Pro Bundesland gibt es jeweils mindestens einen privaten Landessender sowie - mehr oder weniger stark ausgeprägt- auch regionale und lokale Sender. Im Einzelnen verfolgten die Länder unterschiedliche Strategien. Die starke Regionalisierung, wie sie in Bayern und Baden-Württemberg anfänglich angestrebt wurde, musste wegen mangelnder Rentabilität der Sendegebiete einer stärkeren Konzentration bzw. Kettenbildung weichen.

Die Entwicklung privater Fernsehanbieter fand in Deutschland in mehreren Wellen statt. Die Anfangsphase 1985/86 war durch die Etablierung der zwei privaten Vollprogramme Sat.1 und RTL plus gekennzeichnet. Das Ruder bei Sat.1 übernahm mehrheitlich der Filmhändler Leo Kirch, der sich dabei auf seine reichhaltigen Programmressourcen stützen konnte. In der zweiten Gründungsphase kamen ab 1989 die beiden Vollprogramme Pro Sieben und Tele 5 (zuvor Musicbox) hinzu. 1991 begann der Pay-TV-Sender Premiere den Sendebetrieb. Die nächste Expansion begann 1992/93 mit sechs weiteren Anbietern, worunter sich fünf Spartenprogramme befanden: n-tv (Nachrichten), Vox (Information), Kabelkanal (Unterhaltung), VIVA (Musiksendungen) sowie das Deutsche Sport-Fernsehen (DSF), das an die Stelle von Tele 5 trat. In der nächsten Expansionsphase Mitte der 1990er Jahre verdoppelte sich die Zahl der privaten TV-Angebote in Deutschland durch weitere Spartenprogramme auf rund 20. Ende der 1990er Jahre kamen mit Bloomberg TV und N24 noch zwei Nachrichtenprogramme hinzu (beide mit Schwerpunkt Wirtschaft). Zur gleichen Zeit wurde der Versuch unternommen, in Deutschland auch Pay-TV zu etablieren. Auch hierbei war Leo Kirch die treibende Kraft.

Zu einer weiteren expansiven Vermehrung der Fernsehprogramme hat in den vergangenen Jahren die Digitalisierung geführt. Durch die Erweiterung der Übertragungskapazitäten wurde Platz für zahlreiche weitere Angebote geschaffen. Zumeist handelt es sich um Spartenkanäle und Spezial- bzw. Zielgruppenprogramme. Überdies stehen seit einigen Jahren mit dem Internet und inzwischen mit dem Mobiltelefon weitere Übertragungswege auch für Fernsehangebote zur Verfügung. 2007 wurden in Deutschland insgesamt 354 Fernsehprogramme (inklusive Teleshopping-Kanäle) gezählt, wozu noch ausländische Programme hinzukommen, die ebenfalls hier empfangbar sind.[8] Mit der Vielzahl von Voll- und Spartenprogrammen (sowie den öffentlich-rechtlichen Programmen) besitzt Deutschland ein im internationalen Vergleich einzigartig breit gefächertes Free-TV-Angebot.

Fußnoten

6.
Stephan Ory/Rainer Sura, Der Urknall im Medienlabor. Das Kabelpilotprojekt Ludwigshafen, Berlin 1987.
7.
Vgl. Frank Böckelmann, Hörfunk in Deutschland. Rahmenbedingungen und Wettbewerbssituation, Bestandsaufnahme 2006, Berlin 2006.
8.
Vgl. Arbeitsgemeinschaft der Landesmedienanstalten in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), ALM-Jahrbuch 2007, Berlin 2008.