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17.2.2009 | Von:
Jürgen Wilke

Die zweite Säule des "dualen Systems": Privater Rundfunk

Programme

Die ausschließliche Finanzierung durch Werbung schlägt sich notwendigerweise in den Programmen der privaten Rundfunkveranstalter nieder. Denn diese müssen sich primär an den Einschaltquoten ausrichten. Laut Bundesverfassungsgericht müssen sie deshalb auch nur einen "Grundstandard" erfüllen, nicht aber - wie die öffentlich-rechtlichen Programme - eine "Grundversorgung" bieten. Im privaten Hörfunk haben sich vorzugsweise "Formatradios" herausgebildet, die sich auf bestimmte "Musikfarben" und damit auch Hörerschaften spezialisiert haben.

Um sich Marktanteile zu erkämpfen, mussten die privaten Fernsehanbieter ihre Programme auf Sparten und Genres ausdehnen, die bis dahin nicht oder nur wenig bedient worden waren. Die Notwendigkeit von Programminnovationen war somit besonders groß. Zu Anfang erregten bei RTL plus Erotik-Sendungen Aufsehen ("Tutti Frutti"). Neu eingeführt wurden das "Frühstücksfernsehen" und nachmittägliche Talkshows, in denen sich die Moderatoren menschlicher Alltagsprobleme annehmen. Für die Nachrichtensendungen, für die mehrere Formate erprobt worden waren, entschied man sich schließlich für mehr "Boulevardisierung".[12] Anfang der 1990er Jahre entdeckten die Programmverantwortlichen "Reality-TV" als neues Format. Über Jahre hinweg erfolgreich liefen Gewinnspiele ("Der Preis ist heiß", "Glücksrad"), Telenovelas ("Verliebt in Berlin"), Seifenopern ("Gute Zeiten, schlechte Zeiten"), Doku-Soaps ("Notruf") sowie auch die Quizshow "Wer wird Millionär?". Zeitweise stimulierten die Erfolge deutscher Sportler das Interesse an Übertragungen der Formel 1-Rennen und der Skisprung-Wettbewerbe. Entwickelt wurden auch eigene Action-Serien, Comedy- und Klatsch-Shows. Auch Gerichtsshows erwiesen sich als besonders populär. Erfolgreiche amerikanische Serien ("Sex and the City", "Desperate Housewives", "Criminal Minds") wurden in Lizenz übernommen. Bleiben hinreichende Einschaltquoten aus, werden die Sendungen in der Regel schnell wieder abgesetzt.

Gewisse Unterschiede der Sender zeigen sich in den Programmstatistiken.[13] RTL wendet eine höhere Sendedauer für Information auf als Sat.1, dafür bietet Sat.1 mehr nonfiktionale Unterhaltung. Pro Sieben hat einen hohen Spielfilmanteil. Um die Zuschauer zu binden, setzen die Sender Mittel der Programmgestaltung gezielt ein. So werden bestimmte Sendezeiten stets mit den gleichen Programmen besetzt (Stripping). Durch das sogenannte Blocking (auch Stacking oder Audience Flow) sollen die Zuschauer davon abgehalten werden, umzuschalten. Zu diesem Zweck werden beispielsweise mehrere Programme des gleichen Genres oder mit der gleichen Thematik hintereinander platziert. Um Zuschauer von der Konkurrenz wegzulocken, wird "Gegenprogrammierung" betrieben.

Die großen Sendergruppen sind durch den Rundfunkstaatsvertrag bei einem Marktanteil eines Senders von 10 Prozent zu "vielfaltssichernden Maßnahmen" verpflichtet und müssen deshalb in bestimmtem Umfang unabhängigen Dritten Sendezeit zur Verfügung stellen. Es gibt solche Fensterprogramme von regionaler und bundesweiter Reichweite. Bei RTL sind dies unter anderem "Spiegel TV Magazin" und "Stern TV", bei Sat.1 "Spiegel TV Reportage" sowie "Weck Up" und "Planetopia". Produziert werden diese Sendungen von eigenständigen Unternehmen, gleich mehrere zum Beispiel von der Development Company for Television Program (DCTP), einem Geschöpf des Filmemachers Alexander Kluge. Gewiss tragen diese Sendungen, welche die Sender aus ihren Werbeeinnahmen finanzieren müssen, ohne Einfluss auf den Inhalt und die Werbewirksamkeit zu haben, zum Informationsgehalt und zur Vielfalt der Mutterprogramme bei. Für die Veranstalter der Fensterprogramme, so Roger Schawinski, der ehemalige Senderchef von Sat.1, seien diese Sendeplätze eine "Lizenz zum Gelddrucken".[14]

Die Programme der privaten Fernsehsender boten und bieten immer wieder Anlass zur öffentlichen Kritik. Besonders war dies bei "Big Brother" der Fall, einer Sendereihe, in dem die Fernsehkamera den Zuschauer zum Voyeur macht. Gezeigt wird, wie sich Menschen, die gemeinsam in eine Wohnung gesperrt sind, verhalten. Unmut erregten auch die Austragung privater Konflikte in den nachmittäglichen Talkshows und die öffentliche Bloßstellung in den Castingshows ("Deutschland sucht den Superstar"). Die Resonanz auf derartige Sendungen nahm mitunter aber nach einiger Zeit von selbst wieder ab. Während die Kritiker moralische Einwände vorbrachten oder mit ihrem Geschmack argumentierten, verwiesen die Sender in solchen Fällen auf die Reichweiten und das Interesse des Publikums. Legendär wurden diesbezüglich Aussagen von Helmut Thoma, dem ersten Geschäftsführer von RTL ("Im Seichten kann man nicht ertrinken" / "Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler").

Unbestritten hat der private Rundfunk Programminnovationen hervorgebracht, von denen manche auch von den öffentlich-rechtlichen Sendern aufgegriffen wurden. Ja, diese reagierten in ihren Programmen auf die private Konkurrenz. Schon in den 1990er Jahren zogen sich ARD und ZDF den Vorwurf zu, sie passten sich zunehmend den Privaten an. Es war von einer "Konvergenz" der Programme die Rede.[15] Während ARD und ZDF dem widersprachen - unter Hinweis auf Daten, die allerdings in ihrem Auftrag erhoben wurden[16] -, stützten andere Untersuchungen diese These bzw. deuteten auf eine wechselseitige Konvergenz hin.[17] Anspruchsvolle Sendungen wurden von den öffentlich-rechtlichen Sendern ins Spätprogramm verschoben oder in das Sprachraum-Programm 3sat ausgelagert.

Fußnoten

12.
Vgl. Ralf Bartel, Fernsehnachrichten im Wettbewerb. Die Strategien der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter, Köln-Weimar-Wien 1997.
13.
Zuletzt: Udo Michael Krüger/Thomas Zapf-Schramm, Sparten, Sendungsformen und Inhalte im deutschen Fernsehangebot 2007, in: Media Perspektiven, (2008) 4, S. 166-189.
14.
Roger Schawinski, Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft, Zürich 2007, S. 117ff.
15.
Vgl. Heribert Schatz, Rundfunkentwicklung im "dualen System": Die Konvergenzhypothese, in: Otfried Jarren (Hrsg.), Politische Kommunikation in Hörfunk und Fernsehen, Opladen 1994, S. 67-79.
16.
Vgl. U. M. Krüger/T. Zapf-Schramm (Anm. 13).
17.
Vgl. Klaus Merten, Konvergenz der deutschen Fernsehprogramme. Eine Langzeituntersuchung von 1980-1993, Münster 1994.