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17.2.2009 | Von:
Richard Collins

Die BBC, das Internet und "Public Value"

Gemeinwohl - "Public Value"

Im Jahr 2004 veröffentlichte die BBC ihr "Manifest" zur Erneuerung ihrer Charta,[8] "Building Public Value", worin sie verkündete: Die BBC "soll stets den allgemeinen Nutzen prüfen bei allem, was sie tut - ihren Angeboten, ihren kommerziellen Aktivitäten, ihrem Betätigungsfeld und ihrer Reichweite".[9] Einerseits überraschte diese Betonung des "Gemeinwohls" nicht: Ist es nicht genau das, wofür öffentliche Organisationen da sind - der Allgemeinheit, die sie finanziert, zu dienen? Andererseits ist die Hinwendung der BBC zu Gemeinwohlwerten verwunderlich. Denn Public Value ist ein bestimmter Ansatz beim Management öffentlicher Einrichtungen, der durch den US-Wissenschaftler und Management-Theoretiker Mark Moore (Harvard) erfolgreich in Umlauf gebracht wurde.[10] Nach Moore handelt es sich um ein Verfahren, bei dem Anbieter mit Nutzern zusammenarbeiten, um Ergebnisse zu erzielen, die den Anforderungen der Nutzer besser entsprechen. Es basiert auf den beiden Prinzipien Co-Production und Contestation; während Ersteres gemeinsame Entscheidungsfindungen zwischen Anbieter und Nutzer bezeichnet, bedeutet Letzteres Konkurrenz und Wettbewerb. Das Dokument "Building Public Value" der BBC zitierte Moore ausdrücklich (wie auch einige andere staatliche Institutionen Großbritanniens in ihren damaligen Grundsätzen) und schien sich somit diese tief greifenden Prinzipien zu eigen zu machen, wie zahlreiche Kommentatoren bestätigten.[11]

Wie aber sollte die BBC gemeinsame Entscheidungsverfahren und Wettbewerb herstellen? In entscheidenden Punkten war keines dieser Prinzipien mit dem grundlegenden Ethos und Auftrag der BBC vereinbar. Das klassische Sender-Empfänger-Rundfunkangebot (one to many), wie die BBC es bereitstellt, macht schon an sich die Mitbestimmung anderer schwierig. Das liegt nicht nur daran, dass kein direkter Kontakt zwischen Nutzern und Anbietern besteht, sondern auch daran, dass die Unabhängigkeit, die ein Herzstück der Funktion und des Auftrags der BBC als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt ausmacht, eindeutig gegen die Zusammenarbeit bei der Organisationsführung spricht, die wiederum allerdings immanenter Teil einer Gemeinschaftsproduktion ist. Was die Konkurrenz betrifft, wird zur "Verteidigung" der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten und der BBC üblicherweise das Argument herangezogen, dass Wettbewerb, sprich Konkurrenz, auf dem alles andere als perfekten Rundfunkmarkt keinen Erfolg haben kann und dass es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ja deshalb gibt, weil Wettbewerb allein nicht in der Lage ist, das öffentliche Interesse sicherzustellen.[12]

Die BBC sollte bisher (und soll auch weiterhin) unabhängig sein, wie also kam sie dazu, ein Mitentscheidungsrecht einzuführen? Und, wenn sie eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt bleiben soll (statt einer von vielen kommerziellen Sendern), wie konnte sie die Gesetze des Wettbewerbs akzeptieren? Offensichtlich war etwas anderes gemeint - was genau, lässt sich heute schwer sagen, da das "Manifest" namens "Building Public Value" inzwischen nicht mehr auf der Webseite der BBC verfügbar ist. Der schwache, leicht verfälschte Widerhall des Radikalismus dieses Dokuments schwingt in der heutigen BBC vorwiegend in Form von Management- und Regulierungsvorgängen mit, insbesondere beim "Public Value Test", sowie zeitweise als eine unspezifische, nie in Frage gestellte gewohnheitsmäßige Würdigung des normalen Bürgers als bedeutenden Nutzer des BBC-Angebots.

Fußnoten

8.
Die Königliche Charta der BBC bildet ihre verfassungsmäßige Grundlage und ist Gegenstand regelmäßiger Überprüfungen - für gewöhnlich in zehnjährigen Abständen.
9.
BBC, Building Public Value, London 2004, S. 5.
10.
Vgl. Mark Moore, Creating Public Value. Strategic Management in Government, Cambridge/MA 2005.
11.
Vgl. David Elstein, Building Public Value: a new definition of public service broadcasting?, London 2004, in: http://accessible.iea.org.uk/files/upld-news217pdf?.pdf (28. 12. 2008).
12.
Vgl. Andrew Graham, Broadcasting Policy in the Multimedia Age, in: ders. et al., Public Purposes in Broadcasting, Luton 1999, S. 17-46.