APUZ Dossier Bild

17.2.2009 | Von:
Richard Collins

Die BBC, das Internet und "Public Value"

Strategieänderungen

Die BBC hat einen weithin anerkannten, stark frequentierten und hoch geschätzten Bestand an Online-Angeboten, welcher ihren konventionellen Hörfunk und Fernsehrundfunk ergänzt und erweitert. Sie hat ein neues, auf den BBC-Trust zugeschnittenes Führungssystem, das vor Entscheidungen über wesentliche neue Angebote einen formalen Public Value Test vorsieht - auch wenn dieser prinzipiell und auch in der Praxis losgelöst ist von der leidenschaftlichen und reformerischen Rhetorik Mark Moores, die auch die reformierte BBC-Charta "Building Public Value" geprägt hatte. Zudem ist die BBC eine sicher (und in den Augen vieler großzügig) finanzierte Organisation in einer Zeit, in der die Rezession und durch das Internet beschleunigte strukturelle Veränderungen die Geschäftsmodelle der konkurrierenden Sender vernichten und deren wirtschaftliches Überleben gefährden.

Vor diesem Hintergrund lautet die politische Schlüsselfrage in Großbritannien nicht, ob die BBC weiterhin Online-Dienste anbieten soll - darüber, dass sie es soll, besteht fast vollkommene Übereinstimmung. Sie lautet vielmehr, ob die BBC, sowohl in ihrer Online- als auch in ihrer Offline-Form, zu groß und zu dominant ist und daher eine Gefährdung für Pluralität und Vielfältigkeit darstellt, deren Wahrung aber eines der Hauptargumente für die Existenz öffentlich-rechtlicher Medien ist.

Die Frage, wie Medienvielfalt sichergestellt werden soll, wird durch das Internet sowohl in positiver als auch negativer Weise aufgeworfen. Positiv betrachtet, bietet (und bot) das Internet neuen und anderen Informationsanbietern hervorragende Gelegenheiten, die Pluralität und Vielfalt zu erweitern. Aus negativer Sicht hat das Internet eine akute Krise bei "althergebrachten" Medien hervorgerufen und bedroht das Überleben bestehender Informations- und Nachrichtenanbieter. Dieser veränderte Kontext mit seinen sowohl positiven als auch negativen Implikationen stellt den Status etablierter Formen öffentlicher Einmischung in die britischen Medien in Frage - von denen die BBC mit Abstand am wichtigsten ist.

Die Ofcom ist durch den Communications Act von 2003 verpflichtet, den Zustand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks im Vereinigten Königreich regelmäßig zu prüfen. In ihrem jüngsten Bericht ermittelte sie die Gefahren für werbefinanzierte öffentlich-rechtliche Medien und das daraus folgende Risiko, die BBC könnte innerhalb einer Medienlandschaft mit verminderter Vielfalt, Diversität und Qualität des Rundfunk- (und Internet-)Angebots zur einzigen Bezugsquelle öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Großbritannien werden. Die pessimistische Prognose der Ofcom wird durch die heftige Krise gerechtfertigt, die jetzt Channel 4 und auch ITV und vielleicht sogar auch Five befallen hat. Die Ofcom hat mehrere Szenarien vorgeschlagen, wie den Problemen begegnet werden könnte, darunter die Schaffung eines sogenannten "Public Service Publishers" (PSP), der die Versorgung des Fernsehens (und möglicherweis auch des Hörfunks und des Internets) mit öffentlich-rechtlichen Inhalten finanzieren würde.

Neuerdings verwendet die Ofcom den Begriff "Public Service Publisher" nicht mehr, sondern verweist stattdessen auf ein mögliches "weiterentwickeltes wettbewerbsfähiges Finanzierungsmodell", falls "die Zuschauer sich rasch neuen Plattformen und Inhaltsformen zuwenden", bei denen "die BBC Grundpfeiler der Versorgung bleiben würde, aber die zusätzliche Förderung einem größeren Kreis an Anbietern geöffnet würde".[20] Es lässt sich darüber streiten, wie schnell sich die Zuschauer neuen Plattformen und neuen Inhaltsformen zuwenden (der bereits eingangs zitierte Hinweis des BBC-Generaldirektors, dass Rundfunkübertragungen "kein besonders effizienter Übertragungsweg" seien, weisen jedoch darauf hin, dass dieser Übergang möglicherweise recht schnell verlaufen wird), aber die entscheidende Frage lautet selbstverständlich, woher "zusätzliche Mittel" kommen sollen. Höhere Gebühren scheinen in Zeiten der Kreditkrise unvorstellbar, ebenso wie eine Branchenabgabe (eine Möglichkeit, die von der Ofcom in Erwägung gezogen worden war - wenngleich auch nur, um rasch wieder verworfen zu werden). Außer der Neuverteilung der Fernsehgebühren, in deren Genuss zur Zeit ausschließlich die BBC kommt, scheint es nur einige wenige Alternativen zu geben. Die BBC leistet erbitterten Widerstand gegen ein Top-Slicing, de facto eine Teilung der Rundfunkgebühren mit anderen Sendern (obwohl dies zwischen 1927 und 1961 bereits der Fall war; zudem kann man sagen, dass die Gebühren schon heute geteilt werden, wenn man berücksichtigt, welche Rolle die BBC für die Umsetzung der von der Regierung vorangetriebenen Digitalisierungspolitik spielt). Angesichts des derzeit dringenden Finanzbedarfs für Channel 4 hat die BBC verschiedene Arten der "Partnerschaft" mit Channel 4 und anderen Organisationen angeboten (darunter die Beteiligung am iPlayer, an digitalen Produktionstechniken und regionalen Einrichtungen). Ein anderer Vorschlag lautet (allerdings nicht von der BBC!), dass die BBC ihre kommerziellen Aktivitäten an Channel 4 übertragen soll, wodurch dieser sich über die Gewinne freuen dürfte, die derzeit der BBC zugute kommen - Top-Slicing unter einem anderen Namen.

Es bestehen Zweifel, dass "Partnerschaften" einen zukunftsweisenden Weg darstellen. Es ist unklar, ob beide Parteien einer solchen Partnerschaft bereitwillige - und somit potentiell erfolgreiche - Partner wären. Des Weiteren hat die britische Wettbewerbskommission im Dezember 2008 festgestellt, dass ein geplantes Gemeinschaftsprojekt von BBC Worldwide, ITV und Channel 4 (das Video-on-Demand-Angebot "Project Kangaroo") den Wettbewerb auf dem britischen Video-on-Demand-Markt wahrscheinlich erheblich schwächen würde. Insbesondere kam die Kommission zu dem Ergebnis, dass das Projekt zu einem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit auf Groß- und Einzelhandelsebene führen würde.

Ungeachtet dessen, dass das "Project Kangaroo" vermutlich nicht richtig in Gang kommen wird, verfolgt die BBC aktiv weitere innovative Online-Initiativen. Anfang Dezember 2008 verkündete die BBC beispielsweise, dass sie mit ITV und der British Telecom zusammenarbeiten werde, um On-Demand-Fernsehen über Breitbandzugang anzubieten. Gleichzeitig lud sie andere öffentlich-rechtliche Rundfunksender, Geräteentwickler und Internetdienstanbieter ein, sich ihnen anzuschließen. Die BBC-Pressestelle verkündete, diese Initiative werde "eine neue Generation beitragsfreier Geräte bedeuten, die sowohl frei empfangbare Kanäle und eine große Auswahl an On-Demand-TV-Diensten wie den iPlayer und den ITV Player übertragen, als auch Filme, Sendungen und interaktive Inhalte von einer Reihe anderer Anbieter".[21]

Fußnoten

20.
Ofcom, Second Public Service Broadcasting Review - phase 2: preparing for the digital future, in: www.ofcom.org.uk/consult/
condocs/psb2_phase2/summary/ (31. 12. 2008).
21.
BBC-Pressemitteilung vom 11. 12. 2008, in: www. bbc.co.uk/pressoffice/pressreleases/
stories/2008/12_ december/11/partnership2.shtml (27. 12. 2008).