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5.2.2009 | Von:
Tobias J. Knoblich
Oliver Scheytt

Zur Begründung von Cultural Governance

Kulturelle Infrastruktur für den "Kulturbürger"

"Kulturelle Infrastruktur" ist in intensiver Auseinandersetzung mit den Termini "Kulturelle Grundversorgung" sowie "Kulturelle Daseinsvorsorge" als zentraler Leitbegriff herausgearbeitet worden.[19] Noch in den 1980er Jahren wurde das Leitbild eines "schlanken Staates" oder auch eines "Minimalstaates" propagiert. Angesichts der Finanzkrise wird deutlich, dass diese Leitbilder kaum mehr zeitgemäß sind: Die Leitbilder eines "Gewährleistungsstaates" oder eines "aktivierenden Staates" betonen die Rolle einer staatlichen Grundsicherung. Der Staat trägt entscheidende Verantwortung dafür, dass kulturelle Infrastruktur erhalten und fortentwickelt wird. Der Begriff der kulturellen Infrastruktur entspricht einer Gesamtsicht auf das Zusammenwirken von Staat, Markt und Gesellschaft und auf die verschiedenen Rollen des Bürgers als souveräner, engagierter Nutzer von Kultureinrichtungen. Er hat sich im Verlauf der Arbeit der Enquete-Kommission als konsensfähiger Terminus für ein kulturpolitisches Grundmodell herausgestellt, anhand dessen sich die Rolle des Kulturstaates entwickeln und definieren lässt.[20]

Die kulturelle Infrastruktur umfasst die Angebote aller Kulturakteure, nicht nur die des Staates. Ein wohl verstandenes Konzept eines "aktivierenden Kulturstaates" setzt auf eine Cultural Governance, die unter Einbeziehung von Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft eine Infrastruktur entwickelt, die ein qualifiziertes, rechtlich wie finanziell planvoll gesichertes kulturelles Angebot garantiert. Dabei geht es um die Inklusion eines jeden Kulturbürgers, während ein "schlanker Staat" auf ein Verständnis von kultureller Angebotspolitik abzielt, nach dem lediglich elementare Leistungen durch die öffentlichen Hände vorgehalten werden sollen. Auch denjenigen jedoch ist kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, die in Hinblick auf Einkommen, soziale Anerkennung und Selbstwertgefühl zu den Schwächeren gehören.

Cultural Governance setzt auf Inklusion. Sie bezieht nicht nur die unterschiedlichsten Akteure bei der kulturpolitischen Steuerung und Leistungsentwicklung ein, sondern achtet auf ein ausgewogenes kulturelles Angebot für alle Bevölkerungskreise. Nicht einer allein, nicht nur auf der Basis einseitig festgelegter Ziele, nicht nur akteurszentriert wird kulturpolitisches Handeln begründet, sondern im Zusammenspiel der beteiligten, mehr oder weniger institutionalisierten Träger kulturellen Lebens. Partizipation, Mitwirkung und Kooperation sind wesentliche Elemente der Steuerung und der Teilung von Verantwortung. Staat und Kommunen nehmen - auch unter Berücksichtigung künstlerischer und kultureller Freiheit (Art. 5 Abs. 3 GG) - Trägerschafts- und Förderaufgaben dialogisch wahr, bis hin zur legislativen Tätigkeit des Staates, die im Kulturbereich ohnehin eher rahmensetzend denn interventionistisch auszurichten ist.

Zentraler Bezugspunkt ist aber immer das kulturelle Wohl jeder einzelnen Person. Jedes Individuum wird durch die Kultur befähigt, über sich nachzudenken. Durch Kultur erkennen wir Werte und treffen wir Entscheidungen in der Sinnsuche. Erst durch Kultur drücken sich die Menschen aus, werden sie sich ihrer selbst bewusst und schaffen Werke, durch die sie ihre Begrenztheit überschreiten.[21]

In der globalisierten und medialisierten Gesellschaft ist die Persönlichkeitsbildung entscheidend. Diese ist nicht allein durch einen "bildungsbürgerlichen Kanon" zu erfassen und zu bestimmen. Es bedarf umfassender "Kulturkompetenz", um die richtige Wahl in der unerschöpflichen Vielfalt medialer, kultureller Einwirkungen und Angebote zu treffen. Um dies deutlich werden zu lassen, bietet es sich an, im Dreiklang von Individuum, Gesellschaft und Staat das Individuum als Kulturbürger in den Blick zu nehmen, auch, um sich vom allzu lange prägenden Leitbild des Bildungsbürgers klassischer Prägung zu entfernen.

Cultural Governance sollte auf den freien, mündigen und vor allem kompetenten Kulturbürger zielen, der in der Lage ist, mit der Komplexität von Kultur umzugehen. Er ist nicht nur als Nutzer und Besucher ansprechbar, sondern auch als Kulturförderer und als Aktiver in eigenen künstlerischen oder kulturellen Betätigungsfeldern und schließlich auch als Akteur in kulturpolitischen Prozessen. Die Kulturkompetenz des Individuums und ihre Förderung werden zur zentralen kulturpolitischen Zielsetzung. Ästhetische Phänomene und Produkte zu verstehen und mit ihnen selbständig umzugehen, ist entscheidend für die Selbstbestimmung des Einzelnen in der "offenen Gesellschaft". Der kompetente Kulturbürger wird sich aktiv einbringen in Prozesse der Cultural Governance, in welcher Konstellation auch immer.[22] Eine der wichtigsten Aufgaben gegenwärtiger Kulturpolitik besteht folglich darin, mit Maßnahmen zur kulturellen Bildung nachwachsende Generationen umfassend zu fördern und damit die motivationelle Grundlage für lebenslanges kulturelles Interesse, Lernen und Engagement zu verstärken.

Fußnoten

19.
Vgl. ebd., S. 281.
20.
Vgl. Schlussbericht (Anm. 10), insbes.S. 84ff., sowie O. Scheytt (Anm. 11), S. 283.
21.
Sinngemäße Wiedergabe der Definition des Begriffes Kultur der UNESCO-Weltkonferenz über Kulturpolitik in Mexico City von 1982, in: Thomas Röbke (Hrsg.), Zwanzig Jahre neue Kulturpolitik. Erklärungen und Dokumente 1972 - 1992, Essen 1992, S. 55.
22.
Vgl. dazu O. Scheytt (Anm. 11), S. 72ff.