APUZ Dossier Bild

27.1.2009 | Von:
Hans Rudolf Herren

Die Ernährungskrise - Ursachen und Empfehlungen

Vernachlässigte und fehlgeleitete Landwirtschaft

Die Preisexplosion war nicht zuletzt eine Nachwirkung allzu billiger Nahrungsmittel in der Vergangenheit. Weltweit waren die Agrarmärkte in den vergangenen drei bis vier Jahrzehnten geprägt durch Überschüsse und laufend sinkende Produzentenpreise. Manche Entwicklungsländer hatten ihre Landwirtschaft vernachlässigt, wie auch die Industrieländer dieser im Rahmen ihrer Entwicklungspolitik zu wenig Aufmerksamkeit schenkten. Zwischen 1990 und 2000 sind die Investitionen der Entwicklungshilfe in den Landwirt- schaftsbereich real um 50 Prozent gesunken.[5] 2005 flossen dreimal weniger Entwicklungsgelder in die afrikanische Landwirtschaft als 1990. Die Folge war, dass die Nahrungsmittelproduktion nur noch zögerlich wuchs und mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten konnte. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts wurde nur in einem Jahr - 2004 - mehr Getreide geerntet als verbraucht. Die Lagerbestände halbierten sich in dieser Zeit. Im Frühling 2007 betrugen diese nur noch 15 Prozent des jährlichen Verbrauchs.[6]

Die Investitionen in die Landwirtschaft waren in den 1990er Jahren nicht bloß spärlicher geworden, sie flossen auch in die falschen Kanäle. In den Entwicklungsländern wurde die exportorientierte Produktion gefördert. Man brauchte Devisen, nicht zuletzt für den Schuldendienst. Für den Bedarf der Bevölkerung gab es billige Nahrungsmittel zu kaufen, denn die Industrieländer verkauften ihre Überschüsse mit milliardenschweren Exportsubventionen weltweit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hatte manche verschuldeten Länder gezwungen, ihre Grenzen für Nahrungsmittelimporte zu öffnen. Die lokalen, kleinbäuerlichen Produzenten wurden vom Markt verdrängt.

Die Menschen, die heute in den Großstädten der Entwicklungsländer Hunger leiden, weil sie sich das tägliche Brot nicht mehr leisten können, sind denn auch oft ehemalige Kleinbauern, deren Existenz durch den weltweiten Agrarhandel und eine verfehlte Landwirtschaftspolitik zerstört wurden.

Fußnoten

5.
Vgl. Jacques Diouf, Direktor der FAO, Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) vom 10.2. 2008.
6.
Vgl. Werner Harder, Die Landwirtschaft als Schlüsselfaktor der Zukunft, in: UMWELT 2/2008, Magazin des Bundesamtes für Umwelt (BAFU), Bern 2008, S. 10. Siehe Link unter: www.bafu.admin.ch/dokumentation/umwelt/
06358/index.html?lang=de (12.12. 2008).