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27.1.2009 | Von:
Hans Rudolf Herren

Die Ernährungskrise - Ursachen und Empfehlungen

Veränderte Ernährungsgewohnheiten

Während die Nahrungsmittelproduktion stagnierte, wuchs die Nachfrage ungebremst. Jährlich nimmt die Weltbevölkerung um 70 bis 80 Millionen Menschen zu. Allein deswegen steigt der Bedarf an Nahrungskalorien jedes Jahr um ein Prozent. Weil immer mehr Menschen auch Fleisch und andere tierische Produkte essen, wächst die Nachfrage noch stärker. In China wird heute fünfmal mehr Fleisch verzehrt als 1980,[7] weltweit hat sich die Fleischproduktion seit 1970 verdoppelt.[8] Eine Kalorie aus der Tierproduktion erfordert zwei bis sieben pflanzliche Kalorien.

Null Nahrungskalorien liefern die Pflanzen, die für den Tank angebaut werden. Etwa zehn Prozent der globalen Maisernte werden zu Treibstoff verarbeitet, in den USA sind es gar 30 Prozent.[9] Im Westen haben Agro-Treibstoffe eindeutig zur Verknappung und damit Verteuerung der Nahrungsmittel auf dem Weltmarkt beigetragen - in den USA auch indirekt, indem sie immer größere Anbauflächen beanspruchen, auf Kosten von Weizen und anderen Nahrungspflanzen. Der tendenziell steigende Ölpreis bewirkt, dass Agrartreibstoffe preislich allmählich konkurrenzfähig werden, zumal ihre Produktion gebietsweise subventioniert wird. Begründet wird dies mit dem Klimaschutz: Nachwachsende Treibstoffe haben eine bessere CO2-Bilanz als fossile. Doch der Effekt ist minimal, der Flächenverbrauch gigantisch. Der Ersatz von einem Prozent des Weltverbrauchs an Diesel und Benzin würde acht Millionen Hektar Agrarboden benötigen - acht-mal die landwirtschaftliche Nutzfläche der Schweiz.

Fußnoten

7.
Vgl. Dominique Baillard, Getreide wächst nicht an der Börse, in: Le Monde diplomatique, deutsche Ausgabe, vom 9.5. 2008, S. 10 f.
8.
Vgl. Matthias Brake, Nicht nur Biosprit macht Hunger, Telepolis vom 22.4. 2008, in: www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27774/1.htm (12.12. 2008).
9.
Vgl. FAO, The state of food and agriculture 2008. Biofuels: prospects, risks and opportunities, Rome 2008, in: www.fao.org/docrep/011/i0100e/i0100e00.htm (12.12. 2008).