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27.1.2009 | Von:
Marita Wiggerthale

Macht Handel Hunger?

Charakteristika des Weltagrarmarktes

Jahrzehntelang gab es ein Überangebot an Agrarprodukten, das die Preise auf dem Weltmarkt drückte.[4] Agrarsubventionen in Milliardenhöhe beförderten den massiven Ausbau der landwirtschaftlichen Produktion in den Industrieländern. Allein in der Zeit von 1997 bis 2001 sank der Preis für Reis um 43 %, für Baumwolle um 39 %, für Zucker um 24 % und für Weizen um 20 %.[5] Niedrige Preise bedeuteten für Kleinbauern niedrige Einkommen. Somit entfielen auch die zur Aufrechterhaltung bzw. Ausweitung der Nahrungsmittelproduktion notwendigen Anreize.[6] Doch die Zeiten permanent niedriger Weltmarktpreise sind vorbei. Endlich besteht wieder ein Anreiz in die Grundnahrungsmittelproduktion zu investieren, besteht die Aussicht, dass Kleinbauern höhere Einnahmen erzielen und damit ihre Lebenssituation verbessern können.

In den vergangenen zehn Jahren blieb die Weltgetreideproduktion bis auf die Jahre 2004/05 hinter dem Verbrauch zurück. Dabei werden 36 % des produzierten Weltgetreides für Futtermittel aufgewendet. In der EU beträgt der Anteil der Futtermittel am Weizenverbrauch sogar 45 %.[7] Noch immer aber gilt: Es gibt genug Nahrungsmittel für alle. Ohne den Agrartreibstoffboom wäre die Frage der drohenden Nahrungsmittelknappheit noch heute kein stark diskutiertes Thema.[8] Unstrittig ist, dass die Nahrungsmittelproduktion - in den Entwicklungsländern - gesteigert werden muss. Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO zufolge ist eine Verdopplung der landwirtschaftlichen Produktion bis 2050 notwendig, um die dann weltweit neun Milliarden Menschen ernähren zu können.[9]

Genauso beispiellos wie der Anstieg der Preise war auch ihr Fall. So sind seit März 2008 die Weizenpreise um 50 % und seit Mai 2008 die Maispreise um 40 % gefallen.[10] Dieser Preisrückgang ist zum einen auf teilweise gute Ernten, zum anderen auf den Abzug spekulativen Kapitals aus den Rohstoffmärkten zurückzuführen. Dennoch lagen im Oktober 2008 die Nahrungsmittelpreise noch um 28 % über dem Niveau von Oktober 2006.[11] Von Experten wird zukünftig insgesamt ein höheres Basispreisniveau vorhergesagt. Im Vergleich zum Zeitraum von 1998 bis 2007 erwarten die OECD und die FAO einen durchschnittlichen Anstieg der nominalen Preise bis 2017 um 20 % für Rind- und Schweinefleisch, um 30 % für Roh- und Weißzucker, um 40 bis 60 % für Weizen, Mais und Milchpulver, um mehr als 60 % für Butter und Ölsaaten und um mehr als 80 % für pflanzliche Öle.[12] Trotz aller Unsicherheit bei der Voraussage von Preisentwicklungen besteht Einigkeit darüber, dass die Weltmarktpreise stärker als in der Vergangenheit schwanken werden. In vielen Entwicklungsländern sind die Kleinbauern den Preisschwankungen des Marktes schutzlos ausgeliefert.

Für die Analyse der Nahrungsmittelkrise ist es wichtig, die Angebotsseite auf dem Weltagrarmarkt näher zu betrachten: Denn nur wenige Länder produzieren in großem Umfang für den Weltmarkt. 2007/08 werden 88 % des Weltmaismarktes von den drei Exporteuren USA (63 %), Argentinien und Brasilien abgedeckt. Ähnliches gilt für Reis. Dort entfallen 83 % des Weltreismarktes auf die fünf Exportländer Thailand (29 %), Vietnam, USA, Pakistan und Indien. Beim Weizen werden 74 % des Weltmarktangebotes von den USA (30 %), Kanada, den EU-27, Russland und Argentinien bestritten.[13] Diese Schieflage auf dem Weltmarkt macht deutlich, dass wetterbedingte Ernteausfälle oder politisch bedingte (Export-)Verknappungen in diesen Ländern sehr schnell globale Auswirkungen haben können. Darüber hinaus gilt zu bedenken, dass nur vier Konzerne - Cargill, Louis Dreyfus, Archer Daniels Midland und Bunge - ca. 73 % des Weltgetreidemarktes kontrollieren.[14]

Den wenigen Exportländern und Konzernen steht eine große Anzahl von Ländern gegenüber, die von Nahrungsmittelimporten abhängig sind - Tendenz steigend. Viele waren zuvor Netto-Nahrungsmittelexporteure. Die Liberalisierung und Deregulierung der Landwirtschaft hat viele Entwicklungsländer von Nahrungsmittelimporten abhängig gemacht. Während die LDCs (Least Developed Countries) Ende der 1970er Jahre noch einen Netto-Überschuss bei den Agrarexporten von ein bis zwei Mrd. US-Dollar erwirtschafteten, beträgt ihr Nettodefizit im Jahr 1999 4,4 Mrd. US-Dollar. Das gleiche Bild ergibt sich bei den NFIDCs (Net Food Importing Developing Countries) mit 2 - 3 Mrd. US-Dollar an Überschüssen Ende der 1970er Jahre und 4 Mrd. US-Dollar an Defiziten Ende der 1990er Jahre.[15] Allein im Zeitraum von 1986 bis 2007 stieg die Zahl der LIFDCs (Low Income Food Deficit Countries) von 65 auf 82 Länder.[16] Insgesamt sind zwei Drittel der Entwicklungsländer Netto-Nahrungsmittelimporteure (105 von 148).[17]

Seit den 1980er Jahren haben sich die Weizen- und Reisimporte der LDCs verdoppelt. Diese Abhängigkeit von Nahrungsmittelimporten wird in Zukunft weiter steigen.[18] Länder wie Mexiko, Ägypten und die Philippinen, die von der Nahrungsmittelkrise stark betroffen waren, gehören heute zu den fünf größten Importeuren von Mais, Weizen bzw. Reis. Vielen Entwicklungsländern ist ihre Abhängigkeit vom Weltmarkt zum Verhängnis geworden. Jahrzehntelang wurde ihnen weisgemacht, dass die Öffnung ihrer Märkte, der Import von billigen Nahrungsmitteln und die Fokussierung auf die Produktion einiger weniger Exportprodukte der richtige Weg sei. Aber dieser Weg führte, wie die Erfahrung zeigt, in die Hungerkrise.

Fußnoten

4.
Vgl. Don Mitchell/Panos Varangis, A Decline in Commodity Prices: Challenges and Possible Solutions, in: FAO, Consultation on agricultural commodity price problems, Rome 2002.
5.
Vgl. UNCTAD, The Least Developed Countries Report, Geneva 2002, S. 5.
6.
Vgl. Hartwig De Haen, Issues in World Commodity Markets, in: FAO, Consultation on agricultural commodity price problems, Rome 2002, siehe: http://www.fao.org/DOCREP/006/Y4344E/
y4344e 03.htm TopOfPage (8.12. 2008).
7.
Vgl. FAO, World agriculture: towards 2015/2030. An FAO Perspective, Rome 2003, in: http://www.fao.org/docrep/004/Y3557E/
Y3557E00.HTM (8.12. 2008).
8.
Vgl. Christian Bickert, Strukturen der Weltversorgung mit Getreide und Ölsaaten, Frankfurt/M. 2008, S. 20.
9.
Vgl. FAO, Diouf appeals for new world agricultural order, in: http://www.fao.org/news/story/en/item/
8569/icode/ (8.12. 2008).
10.
Vgl. USDA, Grain: World Markets and Trade, in: http://www.fas.usda.gov/grain/circular/
2008/11 - 08/graintoc.asp (8.12. 2008).
11.
Vgl. FAO, Food Price Indices, in: http://www.fao.org/worldfoodsituation/
FoodPricesIndex/en/ (4.12. 2008).
12.
Vgl. OECD/FAO, Agricultural Outlook 2008 - 2017, Paris/Rome 2008, in: http://www.fao.org/es/ESC/common/
ecg/550/en/AgOut2017E.pdf, S. 11 (8.12. 2008).
13.
Vgl. USDA (Anm. 10).
14.
Vgl. Canadian Wheat Board, Annual Report 2006 - 2007, Winnipeg 2008, in: http://www.cwb.ca/public/en / about / investor / annual / pdf / 06 - 07 / 2006 - 07_ annu al-report.pdf, S. 34 (8.12. 2008).
15.
Vgl. FAO, Statement Circulated by H.E. Mr Hartwig de Haen, WTO Ministerial Conference in Cancún, 10 - 14 September 2003, WT/MIN(03)/ST/61.
16.
Vgl. ders., The LIFDC Classification - An Exploration, in: http://www.fao.org/DOCREP/MEETING/
004/Y6691E/Y6691e00.HTM P38_3697 (30.11. 2008).
17.
Vgl. Weltbank, Who Are the Net Food Importing Countries?, Washington DC 2008.
18.
Vgl. UNDP/FAO, Globalization, Agriculture and the Least Developed Countries, Istanbul 2007, in: http://www.un.int/turkey/2.pdf, S. 3 (8.12. 2008).