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27.1.2009 | Von:
Marita Wiggerthale

Macht Handel Hunger?

Wege aus der chronischen Welternährungskrise

Die Rahmenbedingungen im Welthandel haben strukturell eine große Bedeutung, wenn es um die Frage nach den Ursachen des Hungers in der Welt und der Nahrungsmittelkrise geht. Letztere hat noch einmal die dramatischen Folgen einer sehr starken Weltmarktabhängigkeit deutlich gemacht. Denn es waren insbesondere jene Länder, die im hohen Maße von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, die von der Krise betroffen waren. Die zweite wichtige Erkenntnis ist, dass diejenigen Länder, die in die kleinbäuerliche Landwirtschaft investiert, soziale Sicherungssysteme eingeführt oder die Löhne für Arbeiterinnen und Arbeiter angehoben haben, weniger von der Krise betroffen waren. Gleiches gilt für Länder, die ihre Programme und Maßnahmen auf hungergefährdete und marginalisierte Gruppen ausgerichtet haben.

Was muss sich ändern, damit die Menschen in den armen Ländern nicht mehr unter Hunger und Preisexplosionen auf dem Weltmarkt leiden müssen? Erstens: Der lokalen Nahrungsmittelproduktion muss in den Netto-Nahrungsmittelimportländern absolute Priorität eingeräumt werden. Es gilt die Investition in eine ökologische, nachhaltige, kleinbäuerliche Landwirtschaft signifikant zu erhöhen. Dabei ist eine angepasste, die Bodenfruchtbarkeit verbessernde Landbewirtschaftung in Zeiten des Klimawandels drängender denn je. Der Weltagrarbericht[34] hat deutlich gemacht: Nur eine Steigerung der Nahrungsmittelproduktion, die traditionelles Wissen integriert, auf Kleinbauern zugeschnitten ist und den Erhalt und den Aufbau der Bodenfruchtbarkeit in den Mittelpunkt stellt, ist geeignet, um den Hunger nachhaltig zu bekämpfen. Die Möglichkeit des Schutzes der Grundnahrungsmittelproduktion ist dafür genauso unerlässlich wie der Aufbau einer Lagerhaltung auf nationaler Ebene zur Abfederung von Preisschwankungen. Ergo müssen den Entwicklungsländern die notwendigen politischen Spielräume in der Agrar-, Handels- und Investitionspolitik erhalten bzw. neu eröffnet werden. Zweitens: Die Probleme der Landarbeiterinnen und Landarbeiter müssen stärker in den Mittelpunkt gerückt werden. Das heißt: Bestehende nationale Arbeitsgesetze müssen auch für sie umgesetzt werden. Die Regierungen im Süden und im Norden sollten sich darüber hinaus dafür einsetzen, dass Unternehmen grundlegende Arbeitsrechte - Gewerkschaftsfreiheit, Recht auf Kollektivverhandlungen, Verbot von Zwangsarbeit, Kinderarbeit und Diskriminierung, Gesundheit und Arbeitssicherheit, Existenz sichernder Lohn - beachten. Dies gilt auch für die internationalen Geschäfte der Supermarktketten und großen Importunternehmen. Die Forderung richtet sich aber auch an die Unternehmen selbst: Sie sollen ihre Zulieferer fair behandeln, für ihre Arbeiterinnen und Arbeiter menschenwürdige Arbeitsbedingungen und eine angemessene Entlohnung gewährleisten sowie eine Ressourcen schonende, umweltgerechte Produktion sicherstellen. Drittens: Angesichts der Verantwortung der Industrienationen für den Klimawandel und für die Globalisierung westlicher Konsum- und Produktionsmuster muss in den reichen Ländern ein Umdenken stattfinden. Der Verbrauch von Soja-Futtermitteln muss reduziert, die Fleischproduktion den natürlichen Bedingungen in Deutschland bzw. der EU angepasst werden. In der EU und den USA ist eine konsequente Abkehr von der exportorientierten, intensiven Landbewirtschaftung hin zu einer extensiveren, umweltfreundlicheren Landbewirtschaftung mit einer entsprechenden Gestaltung des Subventionssystems dringend erforderlich.

Fußnoten

34.
Vgl. http://www.agassessment-watch.org/backgro und.htm (4.12. 2008).