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23.1.2009 | Von:
Carsten Wippermann
Berthold Bodo Flaig

Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten

Menschen mit Migrationshintergrund bilden kein besonderes, erst recht kein einheitliches Segment in der Gesellschaft. Negativ-Klischees entsprechende Teilgruppen sind marginale Randgruppen.

Einleitung

In den aktuellen Debatten und medialen Berichten zur sozialen Integration von Migranten, zu Gewalt von (jugendlichen) Migranten, zu Zwangsverheiratung und arrangierten Ehen sowie im politisch-verbandlichen Konflikt rund um den Integrationsgipfel besteht die Neigung, Menschen mit Migrationshintergrund implizit durch Begriffswahl und Themenhorizont entweder zu stigmatisieren und auf die Problemliste zu schieben, oder sie zu bemitleiden und als Opfer zu stilisieren.










Über wen reden wir eigentlich, wenn wir von "Migranten" reden? Die Grundgesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund ist komplex definiert. Wir folgen hier der Bestimmung des Statistischen Bundesamtes (vgl. Abbildung 1 der PDF-Version):[1]

Nach Daten des Statistischen Bundesamts umfasst die Gesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland 15,3 Millionen. Das ist ein Anteil von 18,6 % an der Wohnbevölkerung. 8,9 % davon sind Ausländer; 9,7 % sind eingebürgerte Deutsche mit Migrationshintergrund. Betrachtet man die Teilgruppe derjenigen, die in Familien leben, ist der Anteil noch höher: In Deutschland gibt es derzeit nach Angaben des Mikrozensus 8,57 Millionen Familien, davon 2,33 Millionen mit Migrationshintergrund - das sind 27,2 %.[2] In diesen leben etwa vier Millionen Kinder. Jedes dritte Kind unter fünf Jahren wächst heute in einer Familie mit Migrationshintergrund auf. Die geographische Sozialstrukturanalyse zeigt, dass Migranten in Deutschland nicht gleichmäßig verteilt sind. Es gibt eine deutliche Konzentration auf Westdeutschland, wo 91 % (2,12 Millionen) der Familien mit Migrationshintergrund leben.

Die Ende 2008 abgeschlossene SINUS-Studie über Migranten-Milieus in Deutschland, von der wir im Folgenden berichten, zeigt: Von der Grundgesamtheit der Menschen mitMigrationshintergrund sind 16 % in Deutschland geboren; 84 % sind (seit 1950) zugewandert. In der quantitativen Bedeutung des Migrationshintergrunds stehen - nimmt man Ausländer und Eingebürgerte zusammen - die Länder der Ex-Sowjetunion mittlerweile an der Spitze und haben die Türkei abgelöst (vgl. Tabelle der PDF-Version).

Fußnoten

1.
Nicht zu dieser Gruppe gehören Menschen, die sich als Touristen, Geschäftsreisende o. ä. nur kurzfristig in Deutschland aufhalten (keinen Wohnsitz haben), oder nur vorübergehend zu Ausbildungszwecken/zum Studium nach Deutschland gekommen sind.
2.
Familien mit Migrationshintergrund sind im Mikrozensus definiert als "Eltern-Kind-Gemeinschaften, bei denen mindestens ein Elternteil eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt oder die deutsche Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung oder - wie im Fall der Spätaussiedler - durch einbürgerungsgleiche Maßnahmen erhalten hat".