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23.1.2009 | Von:
Carsten Wippermann
Berthold Bodo Flaig

Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten

Defizitperspektive und Integrations-"Frage" sind Engführungen

In den westlichen Gesellschaften werden seit den 1970er Jahren (rückblickend bis in die 1950er Jahre) mehrere Etappen des Wertewandels diagnostiziert, die zur Gleichzeitigkeit von Wertemustern und Lebensstilen geführt haben, die in unterschiedlichen Phasen der Nachkriegsgeschichte formativ waren. Beobachtet werden die vielfältigen Manifestationen von Individualisierung, von Pluralisierung der Lebensformen und Lebensstile - basierend auf der Grundeinsicht, dass nicht allein Herkunft und soziale Lage, sondern zunehmend die Werte sowie das korporierte und inkorporierte kulturelle Kapital die Dynamik von Diffusion und Distinktion antreiben und beschleunigen.

Doch in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund setzen diese differenzierten Analysen in der Regel aus. So werden (formal oder augenscheinlich) Nicht-Deutsche in die Container-Kategorie der "Migranten" eingeordnet mit der unausgesprochenen Erwartung, man wisse damit schon (irgend)etwas über ihre Werte, ihre soziale Lage, ihren Lebensstil - so als determiniere der ethnische Hintergrund die Orientierung und dann auch den Alltag des Einzelnen.[3] Dabei stellt bereits das Label "Migrant" - auch aus Sicht der Menschen mit Migrationshintergrund - eine pauschalisierende, stigmatisierende und auch diskriminierende Globalkategorie dar, denn es transportiert implizit die Botschaft, es handele sich um eine homogene Gruppe mit hoher Binnenkommunikation, unverbrüchlicher Solidarität qua Ethnie und/oder Ausländerstatus, sowie mit prinzipiell ähnlichen Werten, Interessen und Lebensstilen. Berichte über "Migranten" befassen sich meist mit "Problemlagen" und stehen damit von vornherein im Horizont einer Defizitperspektive, meist mit der Frage nach der (mangelnden) Integration, scheinbar getrieben von der Sorge um Anomie, Devianz und Parallelwelten, im weiteren gespeist von Ängsten vor Fundamentalismus, Gewalt, Unkontrollierbarem.[4]

Die empirische Sozialforschung enttarnt solches als Irrtum bzw. als mikroskopischen Blick auf ein kleines Segment, das in keiner Weise stellvertretend ist für die Gesamtheit der Migranten. So dürfen Befunde aus Stadtteilen und Schulen mit hohem Ausländeranteil nicht übertragen werden auf die Gesamtpopulation der Menschen mit Migrationshintergrund.

Jene typischen Perspektiven geben mehr Auskunft über uns selbst als über die Migranten. Denn in der kollektiven Rede über Migranten spiegelt sich eine ethnozentristische (deutsch-nationale) Haltung mit der binären Codierung vom "Eigenen" und "Fremden" wider. Dabei werden "die Fremden" wiederum binär unterschieden in Integrationsfähige/-willige versus Integrationsverweigerer mangels Kompetenz oder Bereitschaft. Auch die vor einigen Jahren angezettelte und immer wieder revitalisierte Diskussion um die "deutsche Leitkultur" reproduzierte und festigte diese Perspektive, ohne sie produktiv (dialektisch) aufzuheben. Von "den Deutschen" zu sprechen als einer homogenen Gruppe, würde lächerlich und wirklichkeitsfern wirken. Doch in Bezug auf Migranten geschieht oft genau das. Solche Projektionen werden der pluralen Wirklichkeit unserer Gesellschaft nicht gerecht. Es lohnt, die Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund einmal genauer anzuschauen - und zwar nicht reflexhaft der Defizitfrage nach dem Grad der Integration (bzw. ihres Scheiterns) folgend.

Fußnoten

3.
Ein besonderes Augenmerk sollte der Reflexion über die Grenzen unserer Sprache gelten: Schon der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat darauf hingewiesen, dass die Grenzen unserer Sprache die Grenzen unserer Welt bedeuten. Wenn wir über die Menschen mit Migrationshintergrund sprechen, sind wir in der Gefahr, diesen Menschen ein Label aufzudrücken, das ihrer Identität und Alltagswirklichkeit nicht gerecht wird - mehr noch, es droht subkutan die Gefahr der Stigmatisierung durch Sprache, die einen bestimmten Verweisungszusammenhang öffnet.
4.
Vgl. Siegfried Frech/Karl-Heinz Meier-Braun, (Hrsg.) Die offene Gesellschaft. Zuwanderung und Integration. Schwalbach/Ts. 2007.