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23.1.2009 | Von:
Carsten Wippermann
Berthold Bodo Flaig

Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten

Der Lebenswelt-Ansatz

In der Migranten-Milieu-Studie des SINUS-Instituts (2007/2008) ging es darum, die subjektive Perspektive von Menschen mit Migrationshintergrund in Bezug auf die Gesellschaft (Deutschland, Herkunftsland) sowie in Bezug auf sich selbst (kulturelle, soziale, ethnische Identität) zu explorieren, die alltägliche Lebenswelt des Einzelnen zu verstehen, um darauf aufbauend typische Muster zu identifizieren und quantitativ-repräsentativ zu messen und zu modellieren.[5] Ein wichtiges konzeptionelles Element war es, Migranten nicht aufgrund ihrer Ethnie vorab einem Segment zuzuordnen, die Ethnie also nicht als Vorfilter zu betrachten, sondern nurmehr als ein Interpretament. Der zentrale Befund ist, dass es in der Population der Menschen mit Migrationshintergrund (ebenso wie in der autochthonen bzw. einheimischen deutschen Bevölkerung) eine bemerkenswerte Vielfalt von Lebensauffassungen und Lebensweisen gibt. Es wird der empirischen Wirklichkeit nicht gerecht, diese Menschen weiterhin als "besondere" Gruppe in unserer Gesellschaft zu betrachten. Vielmehr zeigen sie sich als integrierender Teil dieser multikulturellen, von Diversität geprägten Gesellschaft.

Um die bisher in der deutschen Migrantenforschung dominante und meist selbstverständliche, nahezu vorbewusste Defizit-Perspektive empirisch auf den Prüfstand zu stellen, haben wir unterschiedlichste Indikatoren für Integration erhoben. Aus diesem Kontext seien einige Befunde aufgeführt:
  • 83 % der befragten Menschen mit Migrationshintergrund leben gern in Deutschland (42 % sogar "sehr gern"); 82 % fühlen sich mit Deutschland eng verbunden. Gleichzeitig fühlen sich 68 % mit ihrem Herkunftsland eng verbunden. Daraus folgt, dass die Verbundenheit mit dem Herkunftsland und mit Deutschland zwei unabhängige Merkmale sind, die einander nicht ausschließen.
  • Bei 65 % der Menschen mit Migrationshintergrund wird in der Familie Deutsch gesprochen - bei 34 % ausschließlich oder hauptsächlich; bei 31 % sowohl Deutsch, als auch eine andere Sprache. Aber auch bei 35 % wird in der Familie ausschließlich (17 %) oder überwiegend (18 %) nicht Deutsch gesprochen. (Diese Zahlen beruhen auf der Selbstauskunft der Befragten).
  • 82 % sprechen mit ihren engsten Freunden Deutsch - 30 % ausschließlich, 17 % überwiegend und 35 % sowohl Deutsch als auch eine andere Sprache. Dagegen sprechen 18 % ausschließlich (6 %) oder überwiegend (11 %) im engen Freundeskreis eine andere Sprache (jeweils wieder Selbstauskunft).
  • 80 % der Migranten sagen, dass Leistung für sie ein persönlich wichtiger Wert ist.
  • Bildung und Wissen sind für 74 % wichtige Werte.
  • Erfolg im Beruf und Karriere sind für 73 % angestrebte Ziele.
  • Viel Freizeit ist für 57 % wichtig als (Lebens)Wert.
  • Religion und Glaube sind für 51 % wichtig.
  • Etwas Schöpferisches, Phantasievolles tun ist für 49 % ein wichtiger Teil ihres Lebens.
  • Kunst und Kultur sind wichtige Sphären für 37 %.
  • 66 % der Migranten interessieren sich für die Politik in Deutschland (20 % sogar "sehr"); für die Politik in ihrem Herkunftsland interessieren sich 58 % (18 % "sehr"). Nur 10 % interessieren sich überhaupt nicht für Politik in Deutschland und 15 % überhaupt nicht für die Politik in ihrem Herkunftsland.
  • 55 % der Menschen mit Migrationshintergrund haben keine deutsche Staatsangehörigkeit. Von diesen haben 36 % eine Einbürgerungsabsicht, 64 % nicht.

    Instruktiv, viele Klischees und Vorurteile aufbrechend sind auch Vergleichszahlen zur deutschen Bevölkerung ohne Migrationshintergrund in Bezug auf Alter, Bildung und Einkommen: Hinsichtlich ihrer Altersstruktur ist die Migranten-Population etwas jünger als die einheimische Bevölkerung. In Bezug auf die Bildungsstruktur ist das Spektrum in der Migranten-Population breiter: Es gibt einen höheren Anteil an Menschen ohne oder mit nur geringer Schulbildung, aber auch - überraschend - einen etwas höheren Anteil an Akademikern als bei Menschen ohne Migrationshintergrund. Was das Einkommen betrifft, so verdienen Menschen mit Migrationshintergrund im Schnitt deutlich weniger als die autochthone deutsche Bevölkerung - das gilt vor allem für Frauen und auch für männliche wie weibliche Akademiker.

    Die SINUS-Studie zeigt: Es gibt in weiten Teilen der Migranten-Population ein hohes Maß an kultureller Adaption und Integrationsbereitschaft. Viele Angehörige dieser Gruppe, insbesondere in den soziokulturell modernen Lebenswelten, haben ein bi-kulturelles Selbstbewusstsein, einige sogar eine post-integrative Perspektive. Das heißt, dass sie sich selbst gar nicht als "Migrant(in)" verstehen, sondern als selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft und Kultur in diesem Land leben. Sie fühlen sich (und sind) besser integriert als viele in der autochthonen Bevölkerung, so dass die Frage nach der Integration auf sie befremdlich wirkt, auch diskriminierend. Und viele sehen Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit als Bereicherung - für sich selbst und für die Gesellschaft.

    Es gibt in der Population der Menschen mit Migrationshintergrund aber auch einen nicht zu vernachlässigenden Teil, der in sozialer, kultureller und politischer Hinsicht als "problematisch" gelten kann und für den sich die Fragen nach der Integration, der sozialen Schließung und auch der Parallelgesellschaft ernsthaft stellen:
  • 14 % aller Migranten haben noch nie eine deutsche Familie zu Hause besucht - in diesem Teilsegment ist die soziale Abschottung (aktiv, aber auch passiv!) sehr ausgeprägt.
  • 17 % wissen nicht, in welche Kultur sie gehören.
  • 28 % betrachten ihr Herkunftsland als ihre eigentliche Heimat - in Deutschland verdienen sie nur ihr Geld.
  • 50 % verbringen viel Zeit mit Menschen, die den gleichen Migrationshintergrund haben.

  • Fußnoten

    5.
    Inhaltlich und finanziell getragen wurde das Forschungsprogramm vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), Bundesverband für Wohneigentum und Stadtentwicklung (vhw), Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Deutscher Caritas Verband (DCV), Dresdner Bank, Konrad-Adenauer-Stiftung, SINUS Sociovision, Staatskanzlei NRW (operativ: Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW (LDS)), SWR Medienforschung/Programmstrategie. Der konzeptionelle und methodische Rahmen des Forschungsprogramms wurde entwickelt vom sozialwissenschaftlichen SINUS-Institut (Heidelberg). Grundgesamtheit waren Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ab 14 Jahren. Die Stichprobe für die Repräsentativbefragung (N = 2072) wurde in enger Kooperation mit dem Statistischen Bundesamt sowie den Statistischen Landesämtern auf der Grundlage von Kennziffern aus dem Mikrozensus 2005 entwickelt. Die Stichprobenziehung und Durchführung der Interviews übernahm das Feldinstitut marplan (Offenbach). Erhebungsform waren voll-standardisierte, persönlich-mündliche Interviews (PAPI) mit einer Dauer von ca. zwei Stunden. Die Erhebung fand im Zeitraum Juni bis August 2008 statt. Die statistische und inhaltliche Analyse übernahm das SINUS-Institut.