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23.1.2009 | Von:
Carsten Wippermann
Berthold Bodo Flaig

Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten

Pluralisierung von Migrationskulturen

Aufgrund der ethnischen Vielfalt in der Population ist der Reflex erklärbar, die Befunde - und damit die Migranten selbst - nach ihrer Herkunftskultur zu segmentieren und als weitere Variable allenfalls noch die Formalbildung zu berücksichtigen. Entsprechende Differenzierungen sind - wie die Studienergebnisse zeigen - sowohl in Bezug auf Ethnie, als auch in Bezug auf Bildung statistisch signifikant (Gruppenunterschiede von bis zu 25 Prozentpunkten). Damit aber bleiben wir im Fahrwasser der konventionellen Migranten-Forschung. Die Studiengruppe unter Federführung des SINUS-Instituts ist aber noch einen Schritt weitergegangen, in dem sie zusätzlich die alltäglichen Lebenswelten der Befragten ethnien-übergreifend und mehrdimensional (Werte, Lebensstile, soziale Lagen) sortiert hat. Dabei zeigt sich eine Pluralität von Lebensauffassungen und Lebensweisen, die nicht auf eine Ethnie (oder auf zwei) zurückgeführt werden kann.

Der langfristige Wertewandel in Deutschland und die bis in die 1950er Jahre zurückreichende Migrationsgeschichte der Nachkriegszeit (damit verbunden zum Teil sehr verschiedene Ursachen und Motive) haben die kulturelle Identität jener Menschen geprägt, die gemeinhin als Migranten bezeichnet werden. Jeder neue Migrationsschub hat zu Diffusion, Imitation und auch Distinktion innerhalb der Gesamtheit der Menschen mit Migrationshintergrund geführt. Abbildung 2 (vgl. PDF-Version) illustriert in einem groben Überblick die verschiedenen Grundorientierungen, die aktuell die Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund prägen und die in Deutschland die soziokulturelle Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen etabliert haben.

Vor diesem Hintergrund lassen sich Migranten nicht länger als eine homogene Gruppe begreifen. Ebenso wenig ist eine Unterscheidung nach ethnischer Zugehörigkeit ausreichend. Vielmehr gibt es innerhalb einer Ethnie (z.B. Türken) alle diese Grundorientierungen. Damit zeigt sich: Die Herkunftskultur prägt zwar die Identität maßgeblich, aber sie determiniert nicht den grundlegenden Werte-Mix. Ethnische Zugehörigkeit, Religion und Migrationshintergrund sind wichtige Faktoren der Lebenswelt, sind aber nicht milieukonstitutiv. Es gibt zwar ein Milieu ("Religiös-verwurzeltes Milieu"), das von seiner religiösen Bindung geprägt ist. Aber man muss dem Reflex widerstehen, hier die "Islamisten" versammelt zu sehen. Bei 47 % des Milieus ist der Migrationshintergrund türkisch; 54 % sind muslimischen Glaubens. Das bedeutet aber auch, dass in diesem Milieu etwa zur Hälfte andere Herkunftsländer und Religionen (auch: christliche!) vorkommen.