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23.1.2009 | Von:
Carsten Wippermann
Berthold Bodo Flaig

Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten

Das Milieukonzept

In der vorliegenden Studie wurden zum ersten Mal die Lebenswelten und Lebensstile von Menschen mit unterschiedlichem Migrationshintergrund, so wie sie sich durch das Leben in Deutschland entwickelt haben, mit dem gesellschaftswissenschaftlichen Ansatz der Sinus-Milieus® untersucht. Ziel war ein unverfälschtes Kennenlernen und Verstehen der Alltagswelt von Migranten, ihrer Wertorientierungen, Lebensziele, Wünsche und Zukunftserwartungen. Der Sinus-Milieuansatz beruht auf drei Jahrzehnten sozialwissenschaftlicher Forschung und orientiert sich an der Lebensweltanalyse moderner Gesellschaften. Die Sinus-Milieus® gruppieren Menschen, die sich in ihrer Lebensauffassung und Lebensweise ähneln. In der modernen Milieutheorie prägen drei Hauptdimensionen konstitutiv ein Milieu: Wertorientierungen, Lebensstil, die soziale Lage.

Ergebnis dieses Ansatzes ist ein facettenreiches Bild der deutschen Migranten-Population, das viele hierzulande verbreitete Negativ-Klischees widerlegt. Die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland sind keine soziokulturell homogene Gruppe. Vielmehr zeigt sich eine vielfältige und differenzierte Milieulandschaft. Insgesamt acht Migranten-Milieus mit jeweils ganz unterschiedlichen Lebensauffassungen und Lebensweisen konnten identifiziert werden. Die Migranten-Milieus unterscheiden sich weniger nach ethnischer Herkunft und sozialer Lage als nach ihren Wertvorstellungen, Lebensstilen und ästhetischen Vorlieben. Dabei finden sich gemeinsame lebensweltliche Muster bei Migranten aus unterschiedlichen Herkunftskulturen. Mit anderen Worten: Menschen des gleichen Milieus mit unterschiedlichem Migrationshintergrund verbindet mehr miteinander als mit dem Rest ihrer Landsleute aus anderen Milieus.
  • Man kann also nicht von der Herkunftskultur auf das Milieu schließen.
  • Und man kann auch nicht vom Milieu auf die Herkunftskultur schließen.

    Die Grenzen zwischen den Milieus sind fließend; Lebenswelten sind nicht so (scheinbar) exakt eingrenzbar wie soziale Schichten. Wir nennen das die Unschärferelation der Alltagswirklichkeit. Ein grundlegender Bestandteil des Milieu-Konzepts ist, dass es zwischen den Milieus Berührungspunkte und Übergänge gibt. Diese Überlappungspotentiale sowie die Position der Migranten-Milieus in der deutschen Gesellschaft nach sozialer Lage und Grundorientierung veranschaulicht Abbildung 3 (vgl. PDF-Version): Je höher ein Milieu in dieser Grafik angesiedelt ist, desto gehobener sind Bildung, Einkommen und Berufsgruppe; je weiter rechts es positioniert ist, desto moderner ist die Grundorientierung.

    Ziel der beschriebenen Lebensweltstudie war es nicht, Migranten in (neue) Schubladen zu stecken und zu stigmatisieren, sondern im Gegenteil: eine empirisch fundierte Sehhilfe zur Verfügung zu stellen, um das Selbstverständnis und die Alltagskulturen der Menschen mit Migrationshintergrund besser zu verstehen und allzu beliebten Projektionen, Pauschalierungen und Präjudizierungen vorzubeugen. Somit ist das Migranten-Milieumodell eben kein in Blei gegossenes (Norm)Bild, sondern ein Instrument zur Schärfung des Blicks, zur Identifizierung von Diskriminierungen sowie auch zur Relativierung von Stellvertreter- und Repräsentationsansprüchen, die ein Teil der ethnischen Verbände (meist unwidersprochen) für sich reklamieren. In Bezug auf die Grundorientierung, das heißt die Wertebilder, Lebensziele und Integrationsniveaus, ist dieses Gesellschaftsmodell der Migranten-Milieus deutlich trennschärfer als Variablen wie Ethnie oder Bildung. Die Differenzen zwischen den Milieus betragen in relevanten Bereichen der Einstellung und des Verhaltens bis zu 60 Prozentpunkte.

    Im Unterschied zum Milieumodell für die deutsche Gesamtbevölkerung (www.sinus-milieus.de ) liegen Migranten-Milieus meist nicht eindeutig in einem Werteabschnitt, sondern sind wertemäßig heterogener, erstrecken sich oft über zwei Werteachsen. Diese Lagerungen sind möglicherweise das Resultat einer multikulturellen Adaption (Lebenswelten mit und zwischen alten und neuen Welten und Wertemustern). Das ist zum einen ein Indikator für die starke Dynamik des Wertewandels bei einem großen Teil der Migranten. Zum anderen manifestiert sich darin die Notwendigkeit und Bereitschaft zur Veränderung, zur bikulturellen Kompetenz und Flexibilität. Das führt zu der These, dass die Ressourcen an kulturellem Kapital von Migranten in Deutschland bisher weitgehend unterschätzt werden, weil der Begriff "Migrant" spontan das Bild vom retardierten, anomischen, starren, unbeweglichen Fremden und Außenseiter evoziert, der Halt in seiner ethnischen Enklave sucht und dessen Horizont von ethnischen oder religiösen Verbänden begrenzt wird. Tatsächlich haben nur 22 % aller Menschen mit Migrationshintergrund schon einmal eine religiöse Vereinigung (Kirchengemeinde, ausländische Mission, Moschee u. ä.) besucht; nur 15 % einen ethnischen Kulturverein und gar nur 5 % haben schon einmal eine Organisation mit politischen Anliegen oder eine politische Vertretung kontaktiert.