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23.1.2009 | Von:
Carsten Wippermann
Berthold Bodo Flaig

Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten

"Multikulti" ist nicht gescheitert, sondern Realität

Diese Befunde dürfen keineswegs zu einem stilisierenden Blick auf Menschen mit Migrationshintergrund führen. Zwangsheiraten und arrangierte Ehen (oft in Verbindung mit dem Import von Bräuten oder der Heiratsverschleppung, bei der Bräute im Heimatland zur Ehe gezwungen werden) gibt es, und sie erfüllen den Straftatbestand der Nötigung.[6] Diese Fälle und Strukturen dürfen weder bagatellisiert noch generalisiert werden. Ein holistischer, lebensweltlicher Blick hilft bei der Einordnung und quantitativen Bewertung: Offensichtlich ist hier nur eine kleine Gruppe der Migranten betroffen, die lebensweltlich klar identifiziert werden kann und die im Gefüge der Migranten-Milieus in einer exzentrischen Positionalität (und Selbstpositionierung als kulturelle Enklave) lokalisiert ist.[7]

Vor diesem Hintergrund ist die These von Seyran Ates,[8] Multikulti in Deutschland sei gescheitert, kultursoziologisch und bildungspolitisch (erst recht in Bezug auf das gesellschaftliche Selbstverständnis) brisant. Die These ist empirisch unzutreffend und weist einen Kategorienfehler auf: Denn "multikulti" ist etwas anderes als "multi-ethnisch". Allein in der autochthonen deutschen Bevölkerung gibt es eine Vielzahl von Teilkulturen. Diese Multikulturalität in einer durch funktionale Differenzierung und Individualisierung erzeugten Pluralität der Lebensformen und Lebensstile als "gescheitert" zu bezeichnen, nur weil auch hier Gewalt und Straftaten unterschiedlicher Art und Stilistik vorkommen, liefe auf die groteske These hinaus, die plurale demokratische Gesellschaft sei gescheitert. Multi-ethnisch im Sinne einer Kultur der Diversität ist keineswegs gescheitert. Die Integration der Menschen mit Migrationshintergrund unterscheidet sich bei mindestens 80 % nicht von jener der autochthonen deutschen Bevölkerung. Die implizite Annahme, dass "Deutsche" per Staatsbürgerschaft und Sprache a piori integriert seien und nur durch eigene aktive Devianz (meist durch Straftaten) sich desintegrieren würden, denunziert den spezifischen Integrationsbegriff, der auf Migranten angewandt wird und der von Desintegration ausgeht, aktive Integration als Leistung versteht und Migranten auf diesen Horizont reduziert. Wie sehr sind deutsche Rechtsradikale, Mallorca-Ballermänner, Hedonisten, Hochadelige oder Finanzmanager integriert? Haben wir aufgrund manifester Probleme an Schulen und in Stadtteilen sowie seitens der Kriminalstatistik vielleicht den Begriff der Integration selbst zu eng gefasst und gleichzeitig zum letztrelevanten Maßstab gemacht, an dem Migranten gemessen werden - ohne die neue Qualität, die Ressourcen und das kulturelle Kapital dieser Menschen wahrzunehmen?

Fußnoten

6.
Vgl. Seyran Ates, Die Ehe als Waffe, in: Die Zeit, Nr. 44/2008, S. 13.
7.
Vgl. Werner Schiffauer, Parallelgesellschaften. Wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? Für eine kluge Politik der Differenz, Bielefeld 2008.
8.
Seyran Ates, Der Multikulti-Irrtum, Berlin 2008.