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23.1.2009 | Von:
Naika Foroutan
Isabel Schäfer

Hybride Identitäten - muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa

Das Dilemma der Desintegration

Träger hybrider Identitäten gelten in der öffentlichen Wahrnehmung als "Ausländer". Die ständig auftauchende Frage "Woher kommst Du?", die sicher meist auf Interesse beruht, führt bei regelmäßiger Wiederkehr zu dem Bewusstsein, anders: anderer Herkunft zu sein. Für Kinder und Jugendliche kann dies zu einem sozialen Dilemma führen. Dabei hatten 2006 bereits 23 Prozent der in Deutschland geborenen Kinder mindestens ein ausländisches Elternteil, also beinahe jedes vierte Kind.[9]

Desintegration findet auf drei Ebenen statt: auf der sozial-strukturellen, institutionellen und personalen.

Auf der sozial-strukturellen Ebene sticht die ungleich schlechtere Verteilung von Bildungschancen, Ausbildungs- und Arbeitsplätzen hervor. Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund sind deutlich stärker von Erwerbslosigkeit betroffen; hinzu kommt, dass in Deutschland die soziale Herkunft stärker als in den meisten anderen OECD-Staaten über Bildungschancen entscheidet - wie PISA und andere Studien gezeigt haben. Hauptschulabsolventen und -absolventinnen haben überproportional häufig einen Migrationshintergrund; Jugendliche mit Migrationshintergrund sind seit Jahren von der angespannten Situation am Ausbildungsmarkt besonders stark betroffen. So absolvieren nur 25 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund eine duale Ausbildung gegenüber 59 Prozent ihrer deutschen Altersgenossen.[10] Diese Aussagen gelten nicht nur für muslimische Migrantinnen und Migranten, sondern für alle Menschen mit einem Migrationshintergrund. Nach den Ergebnissen der Langzeitstudie von Wilhelm Heitmeyer, in der gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland untersucht wird, ist jedoch in Deutschland parallel zu einem hohen Grad an Fremdenfeindlichkeit eine ansteigende Islamophobie zu beobachten, was den Status muslimischer Migrantinnen und Migranten zusätzlich belastet.[11]

Auf der institutionellen Ebene sticht der staatsbürgerschaftliche Status der zweiten und dritten Einwanderergeneration hervor. Die Hürden, die in Deutschland geborene Angehörige der zweiten und dritten Migrantengeneration überwinden müssen, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten, erschweren den Zugang zur "kollektiven Identität" in Deutschland. Somit versiegt eine potentielle Quelle positiver Identität in Form erfahrener Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft. Der oftmals mit lästigen Behördengängen verbundene Status als "Fremde(r)" oder "Ausländer(in)" kann sogar als zu geringe "soziale Mobilität" begriffen werden und zu Desintegrationserfahrungen führen.

Auf der personalen Ebene, also innerhalb der sozialen Lebenswelt lebt - so lautet eine häufig vertretene Kultur-Konflikt-These - die zweite Einwanderergeneration "zwischen zwei Kulturen." Mit dieser "Unentschiedenheit" sollen die unterschiedlichen gesellschaftlich defizitären Merkmale von niedrigem Bildungsniveau bis hin zur Kriminalität erklärt werden. Dem ist entgegenzusetzen, dass der gefühlte Zwang zur einseitigen kulturellen Verortung insbesondere für muslimische Jugendliche problematisch ist, empfinden sich diese doch selbst als hybrid: halb/halb, deutsch/muslimisch, französisch/muslimisch, europäisch/muslimisch. Sie sehen sich ständig unter doppeltem Entscheidungsdruck.[12] Die daraus resultierende spezifische Problematik für hier geborene und aufgewachsene Generationen besteht "zum einen in der Entfremdung von der Herkunftskultur und im Sinnverlust bzw. Sinnloswerden traditioneller heimatlicher Werte und Normen, zum anderen in der Erfahrung des Ausgeschlossenseins, der Randständigkeit".[13] Besonders unter muslimischen Migrantinnen und Migranten der zweiten und dritten Generation ist ein gewisses Identifikationsdilemma durch die Nichtanerkennung ihres hybriden Identitätsstatus zu beobachten. Auf der einen Seite sind sie einem äußeren Assimilationsdruck durch die deutsche Gesellschaft ausgesetzt; diesem nachzugeben, garantiert jedoch nicht, dass ihre Identität nun von der Mehrheitsgesellschaft als "deutsch" anerkannt wird. Auf der anderen Seite fordert die Assimilation von ihnen eine Verneinung und Loslösung von elterlichen Werten, und damit geht der Verlust traditioneller Sicherheiten, familiärer Bindungen und sicherer Identität einher. "Solchermaßen entstandene Identitätskrisen können (...) zur Flucht in eine negative Identität führen, d.h. das Gefühl sozialer Minderwertigkeit wird zu einem negativen Selbstbild verinnerlicht, wobei häufig auffälliges und abweichendes Verhalten als bewusste oder unbewusste Strategie zur Lösung der eigenen Identitätsprobleme dient."[14]

Die Folgen können Desintegration, Radikalisierung, Islamismus, anti-westliche Diskurse sein. Die Herausbildung von "Gegenidentitäten" als Reaktion auf mangelnde Integrationsleistungen moderner Gesellschaften bedroht die systemische Struktur Deutschlands und anderer westeuropäischer Einwanderungsländer. Kollektive stellen ihre innere Verbundenheit und Identität häufig durch Abgrenzung nach außen her.[15] Problematisch wird dieser natürliche Mechanismus, wenn er pathologische Ausmaße annimmt und Abgrenzung mit der Konstruktion von Feindbildern einhergeht. Auf diese Weise wird die Verantwortung für die eigene Desintegrationserfahrung einer bestimmten Gruppe "ethnisch Anderer" - nämlich der deutschen Mehrheitsgesellschaft - zugeschoben. Diese kollektive Schuldzuschreibung ermöglicht es den radikalisierten Personen, ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten, auch wenn dieses teilweise durch negative Merkmale beschrieben wird, wie etwa "Kanake" oder "Gangster". Hauptsache, man ist kein "Opfer." Besonders brisant wäre ein Abdriften der zweiten und dritten Generation der muslimischen Migranten in Richtung des islamischen Fundamentalismus, der gleichzeitig Modernität und Tradition zu vereinen scheint.[16] Ein Teil dieser jungen, desorientierten Menschen sucht in den kraftstrotzenden radikalen Parolen der Islamisten eine Möglichkeit, die eigene Identität neu zu definieren. Sie spüren, dass sie durch Anlehnung an radikal-politische Gruppierungen Kraft und Selbstsicherheit gewinnen, eine Aura der Angst produzieren und stärkere Beachtung finden.

Identitätsfindung ist ein steter Prozess, der zwischen dem Selbstbild, das der Einzelne von sich entwirft, und dem Bild entsteht, das sich seine sozialen Handlungspartner in wechselnden Zusammenhängen von ihm machen. Gelingende Identitätsfindung ist auf Anerkennung durch die Anderen angewiesen.[17] Misslingt dieser Prozess, kommt es zur Herausbildung negativer Identität - etwa in Gestalt der zu beobachtenden freiwilligen Desintegration der Nachgeborenen. Die Generation, die am weitesten vom Heimatkontext entfernt, aber noch nicht im Aufnahmeland verankert ist, durchlebt häufig eine Identitätskrise, die als "Nachgeborenenphänomen" bezeichnet wird. Der Identitätsverlust führt zu Selbstverachtung und Aggressionen gegenüber der Außenwelt. Durch den Rückgriff auf traditionelle Muster der imaginierten Herkunftskultur, deren Verklärung und Überhöhung gegenüber der deutschen Mehrheitskultur, erlangen die Betroffenen vermeintliche Stärke und Selbstbewusstsein. Als Folge ihres hybriden, vagen Identitätsdilemmas erfinden und konstruieren sie teilweise imaginierte und teilweise historisch weit zurückreichende "neue" Identitäten.[18]

Parallel dazu können Desintegrationserfahrungen auch zum Erstarken neuer Identitätsmuster führen. So ist innerhalb der muslimischen Communities in Deutschland und Europa das Entstehen einer islamischen Neo-Identität zu beobachten, die sich teilweise durch Abgrenzung zum Deutschsein und durch ein ostentatives Bekenntnis zum Islam definiert, ohne jedoch Gewalt auszuüben. Der angenommene "Neo-Islam" entspricht jedoch keineswegs den traditionellen Lebensformen der Elterngeneration. Vielmehr schaffen sich junge Muslime auf diese Weise eigene Räume, in denen sie - losgelöst von den traditionellen Vorstellungen - eigene, biographisch variable Vorstellungen verwirklichen können. Diese Variationen reichen von sozialen, peripheren Islambekenntnissen bis hin zu teilweise pop-artigen Ausformungen. Der Neo-Islam wird als intersubjektives Kriterium verstanden, um sich in einer veränderten Gesellschaft neu zu positionieren, und zwar sowohl gegenüber den Eltern und dem traditionalen Umfeld, als auch gegenüber den westeuropäischen Mehrheitsgesellschaften; er markiert sozusagen einen "dritten Weg". "In dem Maße, wie die Kinder der Immigranten zu Erwachsenen geworden sind und dieselben Konsum-, Bildungs-, Freizeit- und Berufsvorstellungen wie ihre Altersgenossen aus nicht eingewanderten Familien teilen, haben sich die Bedürfnisse der Einwanderer hinsichtlich der Religion verändert. Der Islam ist immer weniger ein Verbindungselement zur ,Heimat.` Er wird mehr und mehr zu einem Aspekt, an dem sich Zuschreibungen im bundesrepublikanischen Alltag festmachen und an den sich individuelle, soziale sowie politische Auseinandersetzungen knüpfen."[19] Dieser Neo-Islam beinhaltet sowohl die Tendenz einer politisch offenen, partizipativen personalen Entwicklung, als auch die Möglichkeiten der Radikalisierung und Entfernung, je nachdem, welchem Einfluss und welchen Gruppenstrukturen sich Neo-Muslime zuwenden.

Fußnoten

9.
Daten siehe: www.verband-binationaler.de/seiten/file/zahlen_und_
fakten.shtml (18.9. 2008).
10.
Vgl. Bundesagentur für Arbeit, BA startet Sofortprogramm für jugendliche Migranten. Presse Info 058 vom 15.8. 2006, in: www.arbeitsagentur.de/nn_124484/ zentraler-Content/A01-Allgemein-Info/A011-Presse/Presse/2006/Presse-06-058.html.
11.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zustände: Folge 6, Frankfurt/M., 2008.
12.
Nichtanerkennung gilt als eine Form der Unterdrückung, die den Anderen in ein falsches, deformiertes Dasein einschließt. Vgl. Charles Taylor, Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung, Frankfurt/M., 1993, S. 13ff.
13.
Oliver Hämmig, Zwischen zwei Kulturen. Spannungen, Konflikte und ihre Bewältigung bei der zweiten Ausländergeneration, Opladen 2000, S. 34.
14.
Kai von Klitzing, Psychische Störungen bei ausländischen Arbeiterkindern, in: Heribert Kentenich u.a. (Hrsg.), Zwischen zwei Kulturen - was macht Ausländer krank?, Berlin 1984, S. 143.
15.
Vgl. Josef Berghold, Feindbilder und Verständigung. Grundfragen der politischen Psychologie, Opladen 2002.
16.
Vgl. Wilhelm Heitmeyer/Joachim Müller/Helmut Schröder, Verlockender Fundamentalismus. Türkische Jugendliche in Deutschland, Frankfurt/M., 1997.
17.
Vgl. Jürgen Habermas, Die Einbeziehung des Anderen. Studien zur politischen Theorie, Frankfurt/M., 1996.
18.
Vgl. Eric Hobsbawm/Terence Ranger (eds.), The Invention of Tradition, Cambridge 1992.
19.
Nikola Tietze, in: Berliner Debatte INITIAL, 14 (2003) 4/5, S. 197 - 207, in: www.linksnet.de/artikel.php?id=1149 (5.9. 2008).