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23.1.2009 | Von:
Naika Foroutan
Isabel Schäfer

Hybride Identitäten - muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa

Muslimischsein in Europa

In allen westeuropäischen Nachbarländern ist die Situation vergleichbar, auch wenn die Geschichte der Migrationsbewegungen in den ehemaligen Kolonialmächten (wie Frankreich, Großbritannien, Niederlande) teilweise viel weiter zurückreicht oder - wie zum Beispiel in Spanien - Migration ein eher jüngeres Phänomen darstellt. Die ablehnende Haltung der deutschen Aufnahmegesellschaft gegenüber muslimischen Einwanderern findet jedoch hier ihre Entsprechung, ist doch seit den Anschlägen vom 11. September 2001 in allen westeuropäischen Ländern eine steigende Islamophobie zu beobachten.[20] Laut Umfragen des Pew Centers von 2005 und 2006 haben Bürgerinnen und Bürger in EU-Ländern mit einem großen Anteil an muslimischen Einwanderern eine negative Haltung gegenüber diesen: in Spanien 62, Deutschland 54, Frankreich 35 und in Großbritannien 20 Prozent.[21] Auswirkungen des transnationalen Terrorismus und spätestens die Anschläge von Madrid 2004 und London 2005 stürzten Europa in eine Identitätskrise und markierten das Ende des Multikulturalismus vergangener Jahre.[22] Seither wächst das Misstrauen gegenüber Europäern muslimischen Glaubens: Die Grenzen zwischen Innen (Staatszugehörigkeit, Diskriminierung, Stigmatisierung) und Außen (internationale Konflikte, radikaler Islamismus, internationaler Terrorismus) verwischen sich zunehmend. Identitätszuschreibungen von Außen zufolge sind Muslime oft nicht nur eine religiöse Gruppe, sondern auch eine Gruppe, die politische und ideologische Vorstellungen miteinander verbindet, um sich gegen Europa zu positionieren.

Die Ansätze der Migrations- und Integrationspolitiken in den verschiedenen EU-Mitgliedstaaten sind sehr unterschiedlich, auch was ihren Erfolg betrifft.[23] Auf EU-Ebene gibt es bislang - mit Ausnahme einiger Maßnahmen der Antidiskriminierung und des Kulturdialogs, der Arbeiten des European Monitoring Centre on Racism and Xenophobia in Wien (EUMC, seit 2007 in EU Agency for Fundamental Rights/FRA umbenannt) sowie der neueren Versuche der europäischen Innenminister, die Migrationspolitik zu harmonisieren, - vergleichsweise wenig Integrationsaktivitäten. Eine gemeinsame Migrationspolitik der EU existiert bislang nur ansatzweise. In Europa leben ca. 15 Millionen Muslime; das entspricht in etwa drei Prozent der Gesamtbevölkerung der EU. Zentrale Herkunftsländer sind die Maghrebstaaten (33,6 Prozent), die Türkei (28,3 Prozent) und der indische Subkontinent (12,0 Prozent).[24]

Die Identitätsfrage stellt sich hier auf mehreren sich überlagernden Ebenen. Zum einen gilt es zu klären, ob französisch-muslimische, britisch-muslimische, spanisch-muslimische etc. Identitäten als etwas Gegenteiliges empfunden oder ob Gleichzeitigkeit und Vereinbarkeit hybrider Identitätsmerkmale nicht als selbstverständlich wahrgenommen werden.[25] Inwiefern geraten britische Muslime in Solidaritätskonflikte mit dem Britischsein, wie dies zum Beispiel im Fall der Rushdie-Affäre oder im Irakkrieg der Fall war? Zum anderen kommt hier in Form der "europäischen Identität" noch eine weitere Identitätsebene hinzu: Innerhalb der EU dreht sich die Debatte nicht nur um das Spannungsverhältnis nationale - europäische Identität, sondern auch zunehmend um die Vereinbarkeit und Gleichzeitigkeit von lokalen, regionalen, nationalen, europäischen Identitäten, um den Schutz von Minderheiten und der kulturellen Vielfalt (cultural diversity) sowie um die Vereinbarkeit von "Muslimsein" und "europäischem Staatsbürgersein." Vielfalt wird als ein Grundpfeiler der europäischen Demokratie definiert. Inwiefern der Islam Teil dieser zu schützenden Vielfalt ist, wurde bislang nicht geklärt. Das Projekt Europa ist als eine Gemeinschaft der Bürgerinnen und Bürger zu verstehen, die sich unabhängig von nationalen Kontexten definiert, als eine "postnationale Konstellation."[26] Konzepte wie die "postnationale Staatsbürgerschaft" oder wie der "Verfassungspatriotismus"[27] vertreten in diesem Kontext die Loslösung der staatsbürgerschaftlichen Rechte und Pflichten vom homogenen Konzept der nationalen Identität. Danach gilt es, kosmopolitische und multikulturelle Identitäten zu unterstützen.[28] Die Identifikation mit der EU als politisch-gesellschaftliches Projekt sowie mit den Brüsseler Institutionen ist jedoch europaweit sehr gering.[29] Warum sollte sich ein europäischer Muslim mehr (oder weniger) mit der EU definieren als ein europäischer Christ, Jude oder Atheist?

Nicht zuletzt belastet die Identitätsproblematik immer wieder die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei. So wird einerseits betont, dass ein islamisches Land kein Mitglied der EU werden könne; andererseits wird Europa als ein "christlicher Club" bezeichnet. Laut einer Euro-Barometer-Umfrage aus dem Jahre 2005 waren 66 Prozent der befragten Europäer der Meinung, dass die kulturellen Unterschiede zwischen der Türkei und Europa zu groß seien, um deren Beitritt zu ermöglichen. Die Bevölkerung Frankreichs und Deutschlands, ebenso wie jene Österreichs, Zyperns und Griechenlands, steht einem Beitritt der Türkei sehr kritisch gegenüber; bis zu 80 Prozent der Befragten lehnen diesen ab.[30] In den entsprechenden politischen Diskursen wird eine europäische Identität mit kulturellen Referenzen wie das "jüdisch-christliche Erbe Europas" konstruiert und die islamisch geprägte Welt als kulturelles Abgrenzungsmodell benutzt.[31] Die Türkei wird stärker als ein "muslimisches Land", weniger als geostrategischer Partner wahrgenommen. Dass die muslimische Religion seit Jahrhunderten ein Teil von Europas Geschichte und Kultur ist und seit Jahrhunderten ebenso Traditionen des Austauschs und der gegenseitigen Inspiration existieren, wird viel zu selten thematisiert.[32]

Von Seiten der EU wird eine europäische Identität konstruiert, um tiefer liegende Krisen gesellschaftlicher Solidarität und Legitimationsdefizite zu überdecken. Gleichzeitig nutzen radikale muslimische Prediger Europa als Abgrenzungsmodell für antiwestliche Diskurse. Die Versuche, einen theoretischen Ansatz für die Vereinbarkeit von europäischem Gedankengut, Liberalismus und Pluralismus und dem muslimischen Glauben zu entwickeln, wird unter dem Begriff "Euro-Islam" diskutiert. Hier sind vor allem Bassam Tibi und Tarik Ramadan zu nennen.[33] Andere Autoren beschwören eine "Islamisierung Europas" herauf,[34] wiederum andere beobachten eine "Europäisierung des Islam."[35] Letzteres wäre eine Art hybride Identitätsstruktur im Sinne der vorangestellten Definition und würde eine friedliche Koexistenz verschiedener Glaubenssysteme unter einem gemeinsamen europäischen Dach bedeuten, die auf gegenseitigem Respekt beruht.

Der Islam wird in Europa sehr unterschiedlich und vielfältig gelebt, entsprechend den unterschiedlichen Traditionen der jeweiligen Herkunftsländer und den Gestaltungsmöglichkeiten in den Aufnahmegesellschaften. Die Reaktionen muslimischer Migrantinnen und Migranten auf mangelnde Anerkennung reichen - wie bereits für Deutschland beschrieben - von Assimilation und Integration bis hin zu freiwilliger Desintegration und Identifizierung mit transnationalen Netzwerken.[36] Auch die Ausformulierung einer Neo-Islam-Identität in einem positiven Sinne lässt sich nicht nur in Deutschland beobachten: Dieses neue Selbstbewusstsein äußert sich auf verschiedene Weise: So fordern etwa französische Einwanderer der zweiten und dritten Generation aus den Pariser Vorstädten explizit ihre Rechte als französische Staatsbürger ein.[37] Französisch-muslimische oder britisch-muslimische Eliten zeigen stärkere Präsenz im gesellschaftlichen und politischen Leben.[38] Sie stehen für mehr soziale Verantwortung, aktive Partizipation und ziviles Engagement, wie etwa Fadela Amara, Tochter algerischer Einwanderer, Sozialistin, Menschenrechtlerin, muslimische Feministin und seit 2007 Staatssekretärin für Stadtentwicklung in Frankreich. Jugend- und Musikbewegungen machen sich eine muslimische Identität zu eigen ("Pop Islam")[39] und eine neue Generation an klein- und mittelständischen Unternehmern nutzt ihre muslimische Identität, um neue Zielgruppen zu erreichen ("cool Islam").[40]

Fußnoten

20.
Vgl. Vincent Geisser, La nouvelle islamophobie, Paris 2003; Christopher Allen/Jorgen S. Nielsen, Summary Report on Islamophobia in the EU after 11th September 2001, Wien 2002.
21.
Vgl. www.euractiv.com/de/meinung/turkei-eu-denkt-offentlichkeit/article-172809 (22.11. 2008).
22.
Vgl. Gilles Kepel, Terreur et Martyre. Relever le défi de civilisation, Paris 2008.
23.
Vgl. Catherine Withol de Wenden, L'Union européenne et les enjeux migratoires, in: Thierry Chopin/Michel Foucher (eds.), L'Etat de l'opinion, Rapport Schuman sur l'Europe, Paris 2007, S. 111-118.
24.
Vgl. www.integration-in-deutschland.de (22.11. 2008).
25.
Vgl. Catherine Withol de Wenden (éd.), Immigration et identité française, Dossier, Après-demain, Paris 2007.
26.
Jürgen Habermas, Die postnationale Konstellation. Politische Essays, Frankfurt/M. 1998.
27.
Dolf Sternberger, Verfassungspatriotismus, Frankfurt/M. 1990, Jürgen Habermas, Die Einbeziehung des Anderen, Frankfurt/M. 1999; ders., Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaates, Frankfurt/M. 1992.
28.
Vgl. Pnina Werbner/Tariq Modood (eds.), Debating cultural hybridity - Multi-cultural identities and the politics of anti-racism, London 1997.
29.
Vgl. Nicole Dewandre/Jacques Lenoble, Projekt Europa: Postnationale Identität: Grundlage für eine europäische Demokratie?, Berlin 1992; Reinhold Viehoff/Rien T. Segers (Hrsg.), Kultur Identität Europa. Über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer Konstruktion, Frankfurt/M. 1999.
30.
Vgl. www.euractiv.com/de/meinung/turkei-eu-denkt-offentlichkeit/article-172809 (22.11. 2008).
31.
Vgl. Isabel Schäfer, Vom Kulturkonflikt zum Kulturdialog? Die kulturelle Dimension der Euro-Mediterranen Partnerschaft (EMP), Baden-Baden 2007.
32.
Vgl. Franco Cardini, Europa und der Islam. Geschichte eines Missverständnisses, München 2000.
33.
Vgl. Bassam Tibi, Die islamische Herausforderung. Religion und Politik im Europa des 21. Jahrhunderts, Darmstadt 2007; Tariq Ramadan, Muslimsein in Europa, Marburg 2001.
34.
Vgl. Ralph Ghadban, Tariq Ramadan und die Islamisierung Europas, Berlin 2006.
35.
Vgl. Nina Clara Tiesler, Europäisierung des Islam und Islamisierung der Debatten, in: APuZ, (2007) 26 - 27.
36.
Vgl. Stefano Allievi, Muslim Networks and Transnational Communities in and across Europe, Leiden-Boston 2003; Peter Mandaville, Transnational Muslim politics: Reimagining the Umma, London 2001; Olivier Roy, Der islamische Weg nach Westen. Globalisierung, Entwurzelung und Radikalisierung, München 2006.
37.
Vgl. Amel Boubeker, Between Suicide Bombing and Burning Banlieues: The Multiple crises of Europe's Parallel Societies, CEPS Working Paper, (2006) 22; Christophe Bertossi, Muslime, Frankreich, Europa: gegen gewisse Trugbilder in Sachen Integration, Paris 2007.
38.
Vgl. Jytte Klausen, Europas muslimische Eliten, Bonn 2007.
39.
Vgl. Julia Gerlach, Zwischen Pop und Dschihad, Berlin 2006.
40.
Vgl. Amel Boubeker, Cool and Competitive: Islam in the West, in: ISIM Review, (2005) 16.