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23.1.2009 | Von:
Naika Foroutan
Isabel Schäfer

Hybride Identitäten - muslimische Migrantinnen und Migranten in Deutschland und Europa

Chancen der Hybridität

Fragen der politisch-kulturellen Identität erhalten in fragmentierten Gesellschaften einen zentralen Stellenwert, da sie sich homogenisierend auf bestimmte Gruppenidentitäten auswirken. Hybridität tritt in Situationen kultureller Überschneidung auf, wenn sich also teilweise gegensätzliche Sinngehalte und Handlungslogiken, die getrennten Handlungssphären entstammen, zu neuen Mustern zusammenfügen. Es kommt zur Infragestellung der Kriterien traditioneller Zugehörigkeit und zur Delokalisierung von Identität. Dies erzeugt Reibung und Energie, die sich sowohl negativ in Abgrenzungsritualen entladen, die aber auch positiv zur Erneuerung überkommener gesellschaftlicher Strukturen beitragen kann. Hybride Identität wird hier im Sinne Edward Saids als variabel, kontextuell und veränderbar verstanden. Es entsteht ein dynamisches Spiel der Zugehörigkeiten (games of belonging). Die Träger hybrider Identitäten sind immer wieder damit konfrontiert, Loyalitäten neu zu verhandeln, Zugehörigkeiten in Frage zu stellen oder Grenzüberschreitungen zu verarbeiten (boundary building). Dies macht sie zu kontextuellen Figuren, deren "Zweiheimischkeit" dazu beitragen kann, das Bild des jeweils Anderen besser in die einzelnen Communities und in die Gesamtgesellschaft hineinzutragen. Die ständige Konfrontation mit Unterschiedlichkeit mündet nicht selten in Zusatzqualifikationen, durch welche die Träger hybrider Identitäten im innergesellschaftlichen Wettbewerb in bessere Positionen gelangen könnten als dies derzeit der Fall ist. Ihre Fähigkeiten des Umgangs mit kultureller wie persönlicher Differenz, Kenntnis anderer Modelle des Gemeinschaftslebens, Mehrsprachigkeit und ihre Empathie, die sie immer wieder einsetzen müssen, um teilweise gegensätzliche kulturelle Muster in sich selbst auszutarieren, kann folglich als Potential gewertet werden, das sie zu Mittlern, Mediatoren und Verhandlungspartnern befähigt - dort wo es zu Konflikten kommt, die auf unterschiedlichen kulturellen Zugehörigkeiten basieren. Sie können jedoch - wie oben dargelegt - auch zu Persönlichkeitsspaltung und Radikalisierung führen.

Seit der Islamischen Revolution im Iran 1979, als die ersten Bilder politisierter, bärtiger Muslime über das Fernsehen in westliche Lebenswelten eindrangen, spätestens jedoch seit dem 11. September 2001 schlägt sich die auf der außenpolitischen Ebene erfolgte akute Abgrenzung zwischen westlichen und islamischen Ländern in den Innenräumen der westlichen Einwanderungsländer nieder: Eine beiderseitige Entfremdung zwischen Mehrheitsgesellschaft und muslimischen Einwanderern ist zu beobachten. Während in der Außenpolitik internationale Konfliktereignisse wie der Nahostkonflikt, der Irakkrieg oder der Afghanistankonflikt, sowie die Berichterstattung über Terroranschläge durch islamistische Fanatiker dominieren, findet im Innern - auf nationaler Ebne - eine schleichende gesellschaftliche Vergiftung statt. Begriffe wie "Parallelgesellschaft", homegrown terrorism, Hassprediger, Zwangsehe und Ehrenmord überlagern die Wahrnehmung der Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft zum Thema Islam und führen zu ansteigender Islamophobie. Laut einer im Mai 2006 veröffentlichten Allensbach-Umfrage stimmten 83 Prozent der Befragten der Aussage zu, der Islam sei fanatisch, 62 Prozent betrachteten ihn als rückwärtsgewandt, 71 Prozent als intolerant, 60 Prozent als undemokratisch. 91 Prozent der Befragten gaben an, dass sie beim Stichwort Islam zuallererst an die Benachteiligung von Frauen dächten.[41]

Angesichts einer wachsenden Zahl von Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund stellen solche Vorurteile und Entfremdungsprozesse eine Bedrohung des gesellschaftlichen Konsenses und des inneren Friedens dar. In einer solchen politischen Situation bedarf es der Vermittler, die Kommunikationskanäle nach beiden Seiten öffnen oder herstellen können. Hier können Träger hybrider Identitäten eine bedeutende Rolle spielen. Durch den anhaltenden Prozess des Sich-Unterscheidens, den sie durchleben, verhalten sie sich der Differenz gegenüber intuitiv offener und flexibler. Sie entwickeln die Fähigkeit, sich wechselseitig von eigenen Standpunkten und denen der Anderen zu distanzieren, womit sie einen gangbaren Weg zur Zusammenführung von Gleichem und Verschiedenem weisen. Die individuell vollzogene Integration verschiedener Kulturen - wie sie bei hybriden Identitäten gegeben ist - kann konstruktiv genutzt und in die Gesellschaft hineingetragen werden. Dies gilt für die deutsche wie für die europäische Ebene.

Träger hybrider Identitäten können letztendlich auch als "Brückenmenschen" oder Mediatoren auf der internationalen Ebene fungieren. Sie spielen eine bedeutende Rolle im Annäherungsprozess zwischen Europa und den Herkunftsländern der muslimischen Migrantinnen und Migranten, insbesondere den Ländern des südlichen und östlichen Mittelmeerraumes. In Netzwerken von Migranten mit muslimischem Hintergrund, die sich zwischen Europa, der Türkei, Nordafrika und dem Nahen Osten bewegen, bilden sich zunehmend hybride Identitäten aus. Diese können als Träger konstruktiver Identitätsangebote im Sinne einer vertieften politischen und kulturellen Partizipation in den europäischen Mehrheitsgesellschaften fungieren. Die restriktive Visa- und Asylpolitik der einzelnen EU-Mitgliedstaaten hat unter anderem auch dazu geführt, dass die Zahl binationaler Ehen im euro-mediterranen Raum erheblich zugenommen hat. Es wird von ca. 20 Millionen binationalen, euro-arabischen Ehen im Mittelmeerraum gesprochen. Die aus diesen Ehen und Beziehungen hervorgegangenen Kinder und Jugendlichen fallen auch unter den Begriff "hybride Identitäten." Neben beidseitigen kulturellen Anpassungsproblemen werden neue Fragen aufgeworfen, wie etwa die Kompatibilität des Familienrechts (Sorgerecht, Namensrecht etc.). Gleichzeitig stellen hybride, europäisch-muslimische Migranten eine potentielle Vermittlergruppe zwischen dem Norden und Süden des Mittelmeerraums dar, zwischen Europa und der islamisch geprägten Welt. Hybride Integrationsfiguren werden in den meisten westeuropäischen Gesellschaften zunehmend sichtbar. Deren Potential für den Integrationsprozess gilt es zu untersuchen und zu profilieren, um die beidseitig zu beobachtende Entfremdung zwischen der westlichen Mehrheitsgesellschaft und den Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund in Deutschland und Europa zu überbrücken.

Fußnoten

41.
Vgl. dazu die Studie von Heiner Bielefeldt, Das Islambild in Deutschland. Zum öffentlichen Umgang mit der Angst vor dem Islam, Deutsches Institut für Menschenrechte, Berlin 2008; Rainer Dollase, Islambilder in der multikulturellen Bevölkerung. Eine empirische Untersuchung von Islambildern zur Bestimmung der Möglichkeitsbedingungen religiöser Integration und/oder der Mobilisierbarkeit rechtsextremer Orientierung, in: www.uni-bielefeld.de/ikg/projekt_islambil der.htm (23.11. 2008).