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23.1.2009 | Von:
Halit Öztürk

Weiterbildungsbeteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland

Zwischen unterschiedlichen Migrationsgruppen bestehen hinsichtlich Weiterbildungsbeteiligung, Schulabschlüssen und beruflicher Stellung deutliche Unterschiede. Für die Analyse ist eine weitere Aufschlüsselung des Migrationshintergrundes erforderlich.

Einleitung

Die Weiterbildungsforschung hat relativ spät auf latente und manifeste Bildungsbedürfnisse der nach Deutschland eingewanderten Erwachsenen reagiert. Dabei wurde spätestens mit der Rezession in den Jahren 1966/1967 erkennbar, dass mit demTempo der technischen Entwicklung und den Veränderungen der Produktions- und Arbeitstechniken einmal erworbene Qualifikationen schneller als früher ihren Wert verlieren. In der Fachliteratur wird konstatiert, dass einerseits die Zahl derjenigen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit Migrationshintergrund groß sei, die auf eine berufliche Weiterbildung zur Verbesserung ihrer Arbeitsmarktchancen angewiesen sind. Andererseits zähle die ausländische Abstammung von Erwerbspersonen im Hinblick auf die Teilhabechancen auf Weiterbildung zu den besonderen Risikomerkmalen.[1]

Empirische Studien, die solche Feststellungen überprüfen oder das breite Spektrum der Faktoren untersuchen, die auf die Weiterbildungsbeteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund Einfluss nehmen, sind im deutschsprachigen Raum kaum vorhanden. Dies muss in einem Land wie Deutschland erstaunen, das unterschiedliche Migrationsformen kennt und auch eine in Relation zur Gesamtbevölkerung enorme Zuwanderung von Migrantinnen und Migranten aus aller Welt verzeichnet.[2]

Sukzessiv nimmt die Weiterbildungsforschung allerdings die Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland als Ziel- und Teilnehmergruppe stärker in den Blick. Ihr Anteil an der autochthonen bzw. einheimischen Bevölkerung ist hoch: Gegenwärtig haben 15,4 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund.[3] Mit der Hinwendung zum Thema Migration schließt sich die Weiterbildungsforschung auch an die aktuellen Trends der Bildungsberichterstattung und der Schulforschung an, deren Befunde insbesondere auf die Bildungsferne von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund verweisen. Erste Forschungsergebnisse zur Weiterbildungsbeteiligung belegen ebenfalls eine Benachteiligung von Menschen mit Migrationshintergrund; diese sind in der Gruppe der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Weiterbildungsmaßnahmen unterrepräsentiert.[4]

Folgt man dem Begriffsverständnis von "Weiterbildung" im Strukturplan des Deutschen Bildungsrats von 1970,[5] dann stellen sich im Hinblick auf die Weiterbildungsbeteiligung von Personen mit Migrationshintergrund einige Fragen, die in der Forschung nicht unberücksichtigt bleiben dürfen. Der Terminus "Weiterbildung" gilt als Sammelbegriff für alle nachschulischen Maßnahmen und soll damit Veranstaltungen der allgemeinen Erwachsenenbildung sowie der beruflichen Weiterbildung bzw. Umschulung erfassen und zusammenbinden.[6] Damit wird allerdings eine Kontinuität bildungs- und berufsbiografischer Verläufe vorausgesetzt, die bei vielen Menschen (insbesondere) mit Migrationshintergrund nicht gegeben ist. Es ist also eine differenziertere Wahrnehmung dieser Bevölkerungsgruppe und die empirische Erfassung des Migrationshintergrundes in der Weiterbildungsforschung anzumahnen, um nachhaltig ergründen zu können, welche Faktoren ihre Beteiligung an Weiterbildungsmaßnahmen begünstigen oder verhindern.

Fußnoten

1.
Vgl. Felix Büchel/Markus Pannenberg, Berufliche Weiterbildung in West- und Ostdeutschland, Berlin 2003.
2.
Vgl. Halit Öztürk, Theorie und Praxis der Integration in der Bundesrepublik Deutschland, in: Zeitschrift Bildung und Erziehung, 60 (2007) 3, S. 283.
3.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Bevölkerung und Erwerbstätigkeit, Ergebnisse des Mikrozensus 2007, Fachserie 1, Reihe 2.2, Wiesbaden 2008, S.7.
4.
Vgl. Sara Geerdes, die Teilnahme an beruflicher Weiterbildung von erwerbstätigen Migranten in Deutschland, in: Schmollers Jahrbuch, 25 (2005) 4, S. 549 - 571.
5.
Vgl. Deutscher Bildungsrat, Strukturplan für das Bildungswesen, Stuttgart 1970, S. 197 - 198.
6.
Vgl. Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung, Strategie für Lebenslanges Lernen in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2004, S. 13.