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18.12.2008 | Von:
Roland Cerny-Werner
Rainer Gries

Der Vatikan und der Ostblock im Kalten Krieg

"Aggiornamento" in der Außenpolitik

Mehr als 51 Millionen Katholiken lebten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in kommunistischen Staaten und damit im Machtbereich der Sowjetunion. Dies stellte eine grundlegende Herausforderung für die Führung der katholischen Kirche dar. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Politik kommunistischer Regierungen gegenüber den so genannten Ostkirchen und dem Vatikan von massiven Anfeindungen und sogar von einem deutlich erkennbaren Willen zur Zerstörung geprägt. Die mit Rom unierte Griechisch-Katholische Kirche der Ukraine zum Beispiel wurde seit 1944/45 von den Sowjetbehörden unterdrückt, verfolgt und schließlich mit der Russisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats zwangsvereinigt; ebenso erging es der katholischen Kirche in Rumänien, die in die dortige autokephale (selbstbestimmte), orthodoxe Kirche eingegliedert wurde.

Bis in die frühen 1950er Jahre hinein ließen die scharfen und existenziellen Konfrontationen nicht nach. Seelsorge war auf ein Minimum beschränkt oder gar unmöglich. Doch damit nicht genug. Sogar in West- und Südeuropa mehrten sich Anzeichen für kommunistische Machtübernahmen. In Frankreich rollte eine Welle politischer Gewalt durchs Land, die ganz offensichtlich von Moskau gelenkt wurde. Im unmittelbaren Umfeld des Petersdoms, in Italien, stellten die Kommunisten nach dem Krieg die dritte politische Kraft. 1947/48 kam es hier zu einer Kraftprobe der sich herausbildenden politischen Lager - nicht militärisch, sondern in einem legendären Wahlkampf, in dem das katholische Italien mit Unterstützung aus den USA gegen die Kommunisten Partei bezog. In beiden Ländern befürchtete man einen Bürgerkrieg. Auf diese Bedrohungen reagierte der Vatikan unter Papst Pius XII. mit Härte. Das Heilige Offizium dekretierte 1949, dass Katholiken, die sich mit kommunistischen Organisationen einließen, mit der schlimmsten Kirchenstrafe, der Exkommunikation, zu rechnen hätten.

Nach dem Tod Stalins 1953 und mit Beginn eines langsam einsetzenden Tauwetters war es innerhalb der kommunistischen Staatenwelt nicht nur zu Aufständen gekommen, sondern auch zu Ereignissen, die im Vatikan und bei den Christen vor Ort ein gewisses Maß an Hoffnung verbreiteten.[3] So konnten in Litauen 1955 erstmals im sowjetischen Machtbereich zwei neue Bischöfe ordiniert werden. Und die Moskauer Akademie der Wissenschaften lud demonstrativ den Grazer Theologieprofessor Marcel Reding nach Moskau ein. Er hatte in seiner Antrittsvorlesung Thomas von Aquin und Karl Marx in Beziehung gesetzt. Diese Aufsehen erregende Einladung darf als Versuch des Kreml gewertet werden, mit der Kurie ins Gespräch zu kommen.[4] Pius XII. erhob keine Einwände gegen diese Anbahnungsversuche aus Moskau, denn in der Endphase seines Pontifikats wurde dem Papst immer deutlicher, dass der Kommunismus nicht bloß "ein Augenblick in der Geschichte" bleiben würde.

Im Januar 1958 erklärte der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko, dass Moskau mit dem Heiligen Stuhl durchaus im Einverständnis sei, wenn es darum gehe, den Frieden zu wahren und einen atomaren Krieg zu ächten.[5] Hier verfolge man Ziele, die zu expliziten Vereinbarungen führen könnten. Solcherart Rhetorik gehörte natürlich zum wohlfeilen propagandistischen Arsenal der sowjetischen Führung im Kalten Krieg, gleichwohl ließen sich zwischenzeitlich Gesten gegenüber dem Vatikan erkennen, die nicht mehr von der Kompromisslosigkeit der vorangegangenen stalinistischen Dekade gekennzeichnet waren. Auf der anderen Seite hatte sich die katholische Kirche auch infolge des Prozesses der Entkolonialisierung zur Weltkirche im Wortsinne entwickelt. Allein von Kriegsende bis Mitte der 1960er Jahre waren 50 neue Staaten entstanden. Sie stellten nicht nur das Territorium für die politischen Rivalitäten der beiden Vormächte des Kalten Kriegs. Die neuen Ortskirchen in der "Dritten Welt" bildeten überdies den Nährboden für die selbstreflexive und selbstbewusste Konzilskirche. Die veränderte Position der Kirche in der Welt, die Theologie einer Öffnung zur Welt und eine spürbare Bewegung in der Auseinandersetzung mit den Staaten des Ostblocks kumulierten schließlich im Pontifikat Johannes' XXIII. Die defensive Phase einer bloßen Selbstverteidigung wurde von dem Versuch abgelöst, erweiterte Handlungsspielräume zu gewinnen - gerade auch mit Blick auf die Staaten unter kommunistischer Herrschaft.

Einer der bedeutendsten Protagonisten dieses Paradigmenwechsels, der Wiener Erzbischof Franz Kardinal König, erinnert sich: "Die Wende (...) kam mit Papst Johannes XXIII. Nicht, dass er vielleicht etwas, was früher gesagt wurde, aufhob. (...) Er war eine Persönlichkeit von besonderer Ausstrahlung in der persönlichen Begegnung. Er hat in diese menschliche Begegnung auch die Kommunisten mit einbezogen."[6] Kommunikation und Dialog galten fortan als Instrumente apostolischer Diplomatie und Politik - auch und gerade gegenüber den Exponenten des feindlich gesinnten Ostblocks. Die Bereitschaft zum Gespräch markiert eine Wende in der Wahrnehmung der kommunistischen Welt und ihrer Führer. Mit dem dialogischen Prinzip wurde deren Alterität nicht mehr in Frage gestellt, sondern anerkannt. Durch die allseits wahrnehmbare öffentliche Anerkennung als Partner zollte der Vatikan dem Gegner Respekt - ein Konzept, das auf lange Sicht Vertrauen schaffen sollte. Neu war nämlich nicht nur der politische Stil, sondern auch, dass die Bereitschaft zur Auseinandersetzung nicht vor der Welt verheimlicht, sondern aktiv kommuniziert wurde. Die neue Offenheit ging mit einem neuen Verständnis von Öffentlichkeit Hand in Hand.

Während der dramatischen Zuspitzung der Kubakrise im Oktober 1962 bestand das "Aggiornamento" päpstlicher Außenpolitik seine erste Bewährungsprobe. Auf dem Höhepunkt der Konfrontation griff Johannes XXIII. mit einem Friedensappell in das Geschehen ein und ermöglichte Wege zu einem Kompromiss ohne Gesichtsverlust für beide Seiten. Durch die aktive Rolle des Vatikans eröffnete sich ein Gesprächskanal für die Supermächte, indem sie auf Einlassungen eines Dritten reagierten. Auf diese Weise wurde ein vom Vatikan vermittelter Dialog möglich. Die italienische Vokabel mediazione bezeichnet diese vermittelnden diplomatischen Interaktionen. Die Mediation von gegensätzlichen Interessen und Parteien wird von der vatikanischen Diplomatie bis heute in Krisensituationen angewandt: Gemeint ist die aktive Vermittlung seitens des Heiligen Stuhls, die im Idealfall zu einem Ausgleich der Gegensätze führt.

Am Beispiel der Kubakrise offenbart sich die Bedeutung des Paradigmenwechsels in der vatikanischen Außenpolitik für die politische Kultur des Kalten Kriegs. Das beiderseits gepflegte, simple Freund-Feind-Schema jener Jahre enthielt nicht nur ein ebenso einfaches politisches Handlungsmuster, sondern auch ein dichotomes Wahrnehmungsmuster von der Welt. Dieses gab überdies einen festgezurrten Rahmen für Kommunikation vor, den selbst die Vormächte der beiden Lager nur mit großem Aufwand und unter zeitraubenden Umwegen überwinden konnten. In diese Situation brachte sich der Heilige Stuhl als aktiver (Über-)Mittler ein. Das System und die Sprachlosigkeiten des Kalten Kriegs eröffneten einer intermediären vatikanischen Diplomatie Freiräume zwischen den Blöcken. Nach dem Kuba-Schock wurden solche Blockaden wenigstens technisch abgebaut; es kam zu Entspannungsbemühungen und 1963 zur Einrichtung des berühmten "Roten Telefons", einer direkten Fernschreibverbindung zwischen Washington und Moskau.

Fußnoten

3.
Vgl. Pensiero della Santa Sede dal 1917 ad oggi circa i rapporti con l'URSS, in: ASP, Fondo Casaroli, Serie: Paesi dell'Est, Sottoserie: Relazioni tra la Santa Sede e l'URSS (unpag).
4.
Siehe dazu jetzt Victor Conzemius, Kurier des Papstes? Die Moskaureise des Luxemburger Theologen Marcel Reding im Jahre 1955, in: Kirchliche Zeitgeschichte, 28 (2008) 1, S. 133 - 185.
5.
Vgl. Pensiero della Santa Sede (Anm. 3).
6.
Franz König, Haus auf festem Grund, Wien 20042, S. 274.