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18.12.2008 | Von:
Roland Cerny-Werner
Rainer Gries

Der Vatikan und der Ostblock im Kalten Krieg

Epochenjahr 1963

Das Jahr 1963 machte die Wende in der Vatikanischen Ostpolitik offenbar. Anfang März empfing der Papst erstmalig einen Repräsentanten aus der Sowjetunion im Vatikan in Privataudienz: Alexej Adschubej, Chefredakteur der Regierungszeitung "Iswestija". Adschubej war auf Geheiß seines Schwiegervaters Nikita Chruschtschow in den Vatikan gekommen. Im Verlauf dieser Unterredung wurde ein geradezu dramatischer Wandel deutlich. Adschubej bot dem Papst die Neuordnung der Kontakte und damit diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion an. Johannes XXIII. äußerte sich auf diese Avance nicht ablehnend, bremste aber. Der Papst wollte die Konservativen auf beiden Seiten nicht verprellen. Der Pontifex riet vielmehr, im Interesse beider Seiten "in Etappen" vorzugehen. Damit war der Weg für einen neuen Anfang geebnet.

Im April jenes Jahres lancierte Papst Johannes XXIII. sein wohl wirkmächtigstes Rundschreiben. Mit Bedacht und ganz im Sinne der neuen pastoralen wie politischen Kultur richtete er seine Friedensenzyklika "Pacem in Terris" nicht mehr nur an die katholischen Bischöfe, sondern an alle Menschen auf der Erde. Der Papst forderte Respekt und Achtung vor der Schöpfung Gottes, die es angesichts einer potentiellen globalen Vernichtung zu schützen gelte. Er sprach sich ferner dafür aus, zwischen der Bewegung des Sozialismus und deren ideologischem Überbau, mithin zwischen "dem Irrtum" und "den Irrenden", zu unterscheiden. Die politischen Bewegungen für soziale Gerechtigkeit hätten ihren Daseinssinn. Das sei die Rehabilitierung des Sozialismus, kritisierten aufgebrachte Konservative; der Papst solle die Beschwichtigungspolitik gegenüber dem linken politischen Spektrum unterlassen. Doch in den Machtzentralen der Ostblockstaaten setzte man sich nun erstmals fundiert mit diesem Papst und seinem Ansinnen auseinander. "Pacem in Terris" erreichte Adressaten, die gewöhnlich keine Verlautbarungen des Vatikans lasen. Die Enzyklika avancierte in der Folgezeit zu einem gerne zitierten und tragenden Fundament für Gespräche zwischen dem Vatikan und Staaten des Moskauer Glacis.

Es war Agostino Casaroli, der die Strukturen vatikanischer Politik im Kalten Krieg entwickelte und diese im Sinne der Päpste ins Werk setzte. Er war seit Anfang der 1940er Jahre im päpstlichen Staatssekretariat tätig und schon früh mit den Gepflogenheiten dieser Schaltstelle vatikanischer Macht vertraut. Kurz nach Erscheinen der Enzyklika war Casaroli von einer Reise nach Ungarn und in die Tschechoslowakei in den Vatikan zurückgekehrt. Er bekleidete zu diesem Zeitpunkt die Position des Untersekretärs im Rat für die außerordentlichen Aufgaben der Kirche, der Funktion eines stellvertretenden Außenministers vergleichbar. Mit dieser Reise hatte sich erstmals ein ranghoher vatikanischer Diplomat offiziell hinter den Eisernen Vorhang begeben. Im Auftrag des Papstes hatte er dort über das Schicksal der beiden bekanntesten repressierten katholischen Kirchenfürsten verhandelt: Josef Beran, der Erzbischof von Prag, kam 1963 aus der Gefangenschaft frei, aber József Kardinal Mindszenty, der Primas der ungarischen Kirche, verblieb noch bis 1971 in seinem Asyl in der Budapester Botschaft der USA.

Das dialogische Prinzip wurde nicht nur als Agens der vatikanischen Außenpolitik zu Grunde gelegt, sondern sogar in der römischen Kurie institutionalisiert. Ebenfalls seit 1963 diskutierten Kardinal König und der deutsche Augustin Kardinal Bea, der Präsident des "Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen", über die Aufgaben eines "Sekretariats für die Nichtglaubenden". Dieses neue Beratungsgremium wurde 1965 tatsächlich gegründet; es sollte die Beziehungen zu atheistischen Regimes im globalen Maßstab begleiten.[7]

Fußnoten

7.
Vgl. Brief König an Bea vom 24.3. 1964, in: ASP; Fondo Casaroli, Serie: Paesi dell'Est; Sottoserie: Ateismo (unpag).