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18.12.2008 | Von:
Roland Cerny-Werner
Rainer Gries

Der Vatikan und der Ostblock im Kalten Krieg

Mediation als Mission

Johannes XXIII. starb am Pfingstmontag des Jahres 1963. Die Politik des Gesprächs wurde von seinem Nachfolger, Paul VI., fortgesetzt. Der aus Brescia stammende Erzbischof von Mailand und kurienerfahrene Giovanni Battista Montini setzte auch das Konzil fort. Im Rahmen der Vatikanischen Ostpolitik stimmte Paul VI. unter gewissen Voraussetzungen sogar einer Audienz für Nikita Chruschtschow zu, die allerdings durch die Entmachtung des KPdSU-Chefs im Jahr 1964 nicht mehr zustande kam.

Den Beziehungen zur Sowjetunion, der Führungsmacht des sozialistischen Lagers, wurde von den vatikanischen Verantwortlichen mit Recht eine herausragende Bedeutung beigemessen. Die Kontakte mit der sowjetischen Führung entwickelten sich weiter und wurden regelmäßig von beiden Seiten gepflegt. Zuweilen wurden sie auch auf hoher politischer Ebene geführt. Ende Januar 1967 kam es erstmals zu einem Treffen der beiden formalen Staatsoberhäupter im Vatikan. Nicht der Generalsekretär, aber immerhin der Vorsitzende des Obersten Sowjet, Nikolai Podgorny, wurde von Paul VI. in Privataudienz empfangen.[8] Bei diesem Gespräch wurde die Konzeption der Vatikanischen Ostpolitik deutlich. Paul VI. wollte der katholischen Kirche, ihren bedrängten Gläubigen und bedrohten Geistlichen, zu Hilfe kommen und überdies Verantwortung für die Einhaltung der Menschenrechte übernehmen, der existenziellen Bedrohung des Weltfriedens entgegentreten und die moralische Macht des Vatikans zur Moderation und Mediation zwischen den Blöcken nutzen.

Zwar wurden die Kontakte zwischen der Sowjetunion und dem Vatikan zu keinem Zeitpunkt institutionalisiert, dennoch rissen sie nie ab. Anfang der 1970er Jahre besuchte Erzbischof Casaroli, seit 1967 faktisch "Außenminister" des Vatikans, Moskau. Anlass war die Unterschrift des Vatikans unter den Atomwaffensperrvertrag. In einer Unterredung mit dem Präsidenten des Rats für religiöse Angelegenheiten Wladimir Kudojerow stellte der vatikanische Chefdiplomat einen Konnex zwischen der Lösung religiöser Fragen und psychologischer Entspannung weltweit her.[9] Religionsfreiheit zähle zu den Menschenrechten. Erst wenn dieses Recht gewährt sei, gebe es die Möglichkeit eines weltweiten Dialogs der Religionen und damit auch der Kulturen. Auch diese Argumentation verdeutlicht den mit dem Zweiten Vatikanum verknüpften Wandel der vatikanischen Politik. Zuvor hatte Rom unter "Religionsfreiheit" nur die Freiheit der katholischen Kirche verstanden - danach öffnete die Kurie den Bedeutungshorizont im Sinne einer freien Ausübung von Religion überhaupt.

Spätestens Anfang der 1970er Jahre konnte der Vatikan als moralische Instanz einen bemerkenswerten Zuwachs an Bedeutung in der internationalen Politik verzeichnen. Diese Entwicklung wurde im Kreml auf der einen Seite kritisch gesehen, schließlich trat Leonid Breschnew die Bürger- und Menschenrechte im eigenen Lande mit Füßen: Gerichtsprozesse gegen Andersdenkende und langjährige Haftstrafen und Psychiatrisierungen waren an der Tagesordnung. Auf der anderen Seite konnten Kontakte nach Rom aus Moskauer Perspektive auch nützlich sein.[10] Denn mit der vatikanischen Offerte eröffnete sich ein Kommunikationskanal zum Westen, der nicht zuletzt für eine wirtschaftliche Stabilisierung vonnöten war.

Das Konzept vatikanischer Ostpolitik wurde durch die Rolle Roms bereits im Vorfeld der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) bestätigt. Dort fungierte der Vatikan seit Mitte der 1960er Jahre in der Diskussion um das Zustandekommen einer internationalen Sicherheitskonferenz wiederum als ein von beiden Machtblöcken gefragter Mediator. Die Teilnahme des Vatikans am KSZE-Prozess stellte ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte des Vatikans dar: Seit mehr als 150 Jahren nahm der Kirchenstaat wieder mit Stimmrecht an einem internationalen Gipfeltreffen teil.[11]

Das wirft nicht nur ein Licht auf den Erfolg, sondern auch auf ein Dilemma vatikanischer Politik. Einerseits wollten die Gesandten des Papstes Mediatoren sein, ausgestattet mit einer besonderen moralischen Aura. Andererseits aber waren sie in den internationalen Auseinandersetzungen unweigerlich auch Partei. Sie standen auf der Seite des Westens und seiner Werte. Der apostolische Pronuntius in Helsinki und Delegationsleiter des Vatikans bei den Vorbereitungstreffen zur KSZE diskutierte in einem Bericht an das römische Staatssekretariat Ende 1972 diesen wesentlichen Punkt. Er mahnte Rom, es sei dringend geboten, den Anschein zu vermeiden, dass die Politik des Heiligen Stuhls von der Politik der westlichen Staatengemeinschaft abhänge: "Es wäre gefährlich, den Eindruck zu erwecken, es gäbe irgendwelche Verbindungen zwischen dem Los der Katholiken in den kommunistischen Ländern und den Entscheidungen" des Westens.[12] Die vatikanische Diplomatie schaffte es gerade im Rahmen der KSZE, dieses Dilemma zu entschärfen: Inhaltlich blieb man ohne Wenn und Aber den Werten des christlichen Abendlandes verpflichtet. Der Heilige Stuhl verwies auf den Kern dieses Wertekanons und reklamierte für sich, den göttlichen Urheber dieser Grundwerte zu repräsentieren - und verneinte zugleich, bloß Parteigänger zu sein. Der Vatikan verstand diese Werte als von Gott gegeben, überzeitlich und universell, weshalb sie für den Osten wie für den Westen gleichermaßen zu gelten hätten.

Der Imperativ des "Aggiornamento" hatte sich endgültig nicht nur als Reformimpetus der Kirche, sondern auch als Konzept der vatikanischen Diplomatie durchgesetzt. Diese dynamische Veränderung der politischen Kultur der katholischen Kirche basierte auf dem Wandel ihrer pastoralen Kultur: Sie bewertete Gesellschaft neu und betrachtete sie als zu gestaltendes Lebensumfeld der Menschen - als zu gestaltende Umwelt der "Geschöpfe Gottes". Indem der Vatikan Berührungsängste gegenüber kommunistischen Regimes öffentlich sichtbar ablegte, beglaubigte er die Bereitschaft zu einem "neuen Dialog" auf einem gemeinsamen kulturellen Fundament.

Dieser war nicht nur darauf ausgerichtet, eigene Interessen durchzusetzen, sondern im Rahmen der Möglichkeiten als Partner im Entspannungsprozess der späten 1960er und der ersten Hälfte der 1970er Jahre wahrgenommen zu werden. Die besondere Stellung in der internationalen Arena, die der Vatikan nicht aus seinem völkerrechtlich anerkannten Status als Staat herleitete, sondern aus der Gesamtverantwortung für alle "Geschöpfe Gottes", machte seine Einlassungen und Interventionen zu moralisch beglaubigten Stellungnahmen, über die keine Regierung in Europa hinwegsehen konnte. Dem Vatikan war es gelungen, sich als nicht blockgebundene moralische Großmacht im internationalen Gefüge zu etablieren.[13]

Der Grundsatz "Mediation als Mission im Kalten Krieg" blieb auch über den Tod Pauls VI. hinaus wirksam. Johannes Paul II. stützte sich auf diese Grundlagen und intensivierte die vatikanische Ostpolitik mit dem Fokus auf sein Heimatland, der Volksrepublik Polen. Im Juni 1988 weilte Erzbischof Casaroli erneut in Moskau, nunmehr als Kardinalstaatssekretär. Dort kam es dazu, dass der Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion der "Nummer Zwei" im Vatikan im Vertrauen eingestand, dass sowohl er selbst, Michail Gorbatschow, als auch der amtierende Außenminister Eduard Schewardnadse getauft seien. Darauf antwortete ihm der Legat des Papstes ebenso erfreut wie listig: "Dann haben wir ja wohl den fünfzigsten Jahrestag der Taufe des Generalsekretärs zu feiern und nicht das Millennium der Taufe der Kiewer Rus!"[14]

Fußnoten

8.
Vgl. Niederschrift Gespräch Paul VI. - Podgorny vom 30.1. 1967, in: ASP, Fondo Casaroli, Serie: Paesi dell'Est, Sottoserie: Visite di personalità (unpag).
9.
Vgl. Niederschrift Gespräch Kudojerow - Casaroli vom 26.2. 1971, in: ASP, Fondo Casaroli, Serie: Paesi dell'Est, Sottoserie: Relazioni tra la Santa Sede e l'URSS (unpag).
10.
Zur Ostpolitik des Vatikans bis Anfang der 1970er Jahre vgl. Roland Cerny-Werner, "Ich sehe diesem Dialog nicht ohne Hoffnung entgegen." Vatikanische Ostpolitik am Beispiel der DDR, Diss. phil., Friedrich-Schiller-Universität Jena 2008, S. 50-82.
11.
Zur Rolle des Vatikans im KSZE-Prozess vgl. Katarina Kunter, Die Kirchen im KSZE-Prozess 1968 - 1978, Stuttgart u.a. 2000.
12.
Nuntiaturbericht (Helsinki) vom 29.11. 1972, in: ASP, Fondo Casaroli, Serie: Paesi dell'Est, Sottoserie: Germania Orientale (Cartella 12/4) (unpag).
13.
Zum Vatikan als moralischer Weltmacht vgl. R. Cerny-Werner (Anm. 10), S. 379 - 387.
14.
Niederschrift Gespräch Casaroli - Gorbatschow vom 13.6. 1988, in: ASP, Fondo Casaroli, Serie: Paesi dell'Est, Sottoserie: Relazioni tra la Santa Sede e l'URSS (1988) (unpag).