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8.12.2010 | Von:
Harald Müller
Niklas Schörnig

Drohnenkrieg: Die konsequente Fortsetzung der westlichen Revolution in Military Affairs

Kehrseite der Drohnenkriege

Vor dem Hintergrund der "Risikotransferkriege" stellen bewaffnete Drohnen und Roboter gerade für westliche Staaten eine besonders vorteilhafte Entwicklung dar, da sie erheblich dazu beitragen können, die politischen Kosten militärischer Einsätze kontrollierbar zu halten. Der Schutz eigener Soldaten wird durch die Distanzierung der Kämpfer vom Schlachtfeld beziehungsweise ihre Substitution maximiert. Gleichzeitig verspricht die Technologie eine bislang nicht erreichte Reduzierung ziviler Opfer.

Vertreter einer konsequenzialistisch-universalistischen Logik argumentieren deshalb, mittels des Rückgriffs auf Roboterkrieger seien zukünftig "gerechte Kriege" wie humanitäre Interventionen denkbar, die westliche Regierungen aus Furcht vor eigenen Verlusten und einem damit verbundenen Schwenk der öffentlichen Meinung bislang unterlassen haben.[17] Selbst wenn man der konsequenzialistischen Logik keine kategorischen Einwände gegenüberstellen würde, so bleibt die Frage, ob den kurzfristigen Vorteilen nicht doch mittel- und langfristige Nachteile gegenüberstehen, welche die konsequente Verfolgung des eingeschlagenen RMA-Pfades hin zu bewaffneten robotischen Systemen grundsätzlich infrage stellen.

Schon im Zusammenhang mit der Revolution in Military Affairs wurde diskutiert, dass die Möglichkeit, Kriege ohne eigene Kosten und Risiko durchzuführen, die Hemmschwelle für militärische Lösungen deutlich senkt, noch ehe alle zivilen Lösungen ausgelotet wurden.[18] Diese Gefahr wird durch die Möglichkeit, gezielte Angriffe aus der sicheren Distanz durch ferngelenkte Drohnen durchzuführen, drastisch erhöht. Der Ruf nach humanitären Interventionen mit bewaffneten Drohnen ist hier möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs.

Auf der internationalen Ebene betrachten China und auch Russland die Hochtechnisierung konventioneller westlicher Armeen zunehmend mit Sorge. Noch sind es einzelne Experten, die in diesen Ländern die Möglichkeit eines konventionellen Entwaffnungsschlags gegen ihre strategischen Nuklearstreitkräfte als mögliches Szenario diskutieren. Doch scheint zumindest das intensivierte chinesische Streben nach seegestützten Nuklearwaffen von dieser Furcht angetrieben zu werden. Gleichzeitig versuchen China und Russland ihre eigenen Armeen nach dem Vorbild der USA umzubilden und mit eigenen Hightech-Produkten auszustatten. Schließlich setzt die westliche technologische Überlegenheit nichtwestliche Staaten, die nicht in der Lage sind, diesen technologischen Vorsprung auch nur zu verkürzen, unter Druck, die konventionelle Asymmetrie durch das Streben nach Massenvernichtungswaffen auszugleichen.

Schließlich ist festzustellen, dass neben counter insurgency-Experten selbst der ehemalige CIA-Chef Michael Hayden Drohnenangriffe gegen Aufständische als das falsche Mittel ansieht.[19] Gerade der hochtechnisierte Charakter der Drohnenangriffe führe in besonderem Maße zu einer Mobilisierung und stärkerem Widerstand der Aufständischen.[20] Die Hoffnung einiger UCAV-Befürworter, die westliche technologische Überlegenheit, konkret: der Rückgriff auf unbemannte Drohnen, führe bei den Aufständischen im Irak und in Afghanistan zu einem Gefühl der absoluten Hilflosigkeit und schließlich zur Aufgabe, hat sich bekanntlich nicht erfüllt. Die Anzahl der Angriffe mit Sprengfallen und Selbstmordattentaten hat sich im Kriegsverlauf kontinuierlich erhöht. Der Versuch, nun die Soldaten abzuziehen und stattdessen auf einen kontinuierlichen, robotisierten Krieg unterhalb der Fühlbarkeitsschwelle westlicher Öffentlichkeiten zu setzen, wird zwar nicht länger eigenen Soldaten das Leben kosten, aber auch keine Stabilität und Zukunftsaussichten bringen. Wahrscheinlicher ist es aber, dass die Distanzierung westlicher Soldaten vom Schlachtfeld und ihr Ersatz durch bewaffnete Roboter zukünftig dazu führen wird, dass Aufständische den Krieg dorthin tragen werden, wo diejenigen sitzen, welche die bewaffneten Roboter in den Kampf steuern: in die Heimatländer der westlichen Truppen.

Fußnoten

17.
Persönliches Gespräch eines Autors mit einem Vertreter der US Air Force im Jahr 2010. Vgl. auch die Aussagen des Völkerrechtlers Claus Kreß zit. nach: John A. Kantara, Maschinen mit Marschbefehl, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 18.7.2010.
18.
Vgl. Andrew Butfoy, The Rise and Fall of Missile Diplomacy? President Clinton and the 'Revolution in Military Affairs' in Retrospect, in: Australian Journal of International Affairs, 52 (2006) 1, S. 98-114.
19.
Vgl. Noah Shachtman, CIA Chief Warned Obama in '09: Drone Strikes Won't Win War, September 2010, online: www.wired.com/dangerroom/2010/09/cia-chief-warned-obama-in-09-drone-strikes-wont-win-war (10.10.2010).
20.
Vgl. Spencer Ackerman, New Poll: Pakistanis Hate the Drones, Back Suicide Attacks on U.S. Troops, September 2010, online: www.wired.com/dangerroom/2010/09/new-poll-pakistanis-hate-the-drones-back-suicide-attacks-on-u-s-troops/ (10.10.2010).