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8.12.2010 | Von:
Gitti Hentschel

Friedens- und Sicherheitspolitik braucht Geschlechteranalysen - Essay

Geschlechterstereotype

"Frauen kommt eine wichtige Rolle (...) bei der Verhütung und Beilegung von Konflikten und bei der Friedenskonsolidierung zu", ist eine zentrale Aussage der UNIFEM-Studie von 2002.[2] Wenn sie teilnehmen, ändere sich die "Natur" des Dialogs. Selbstverständlich heißt das nicht, Frauen seien "von Natur aus" friedlicher und bessere FriedensakteurInnen. Doch in den meisten Gesellschaften - nicht nur in denen des "Südens", sondern auch in westlichen Staaten - herrschen traditionell unterschiedliche Geschlechterbilder und Rollenzuweisungen. Männer gelten als dominant-aggressive Kämpfer und Beschützer, Frauen als schutzbedürftige, friedfertige Versorgerinnen. Sie entwickeln vor einem anderen Erfahrungshorizont andere Kompetenzen und Verhaltensstrategien als Männer. Daher treten sie in Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen oft vermittelnder auf und bringen andere Themen und Sichtweisen ein wie Ernährung, Gesundheit, Bildung und Besitzverhältnisse. Mit Frauen werden daher eher dauerhaftere Ergebnisse erzielt - vorausgesetzt, sie treten nicht vereinzelt auf: Erst eine kritische Masse von 30 bis 35 Prozent Frauenanteil kann Gremienentscheidungen nachhaltig beeinflussen und dazu beitragen, ihre Rechte und Interessen angemessen zu vertreten, die Themengewichtung zu beeinflussen und neue Themen und Strukturen durchzusetzen.

Umgekehrt hat der systematische Ausschluss von Frauen aus offiziellen Friedensprozessen schädliche Effekte auf die Nachhaltigkeit von Friedensabkommen, da ein "dauerhafter Frieden vielfach wesentlich von einer Einbeziehung und aktiven Beteiligung der Bevölkerung vor Ort am Friedensprozess abhängt", so in einer Entschließung des Europäischen Parlaments aus dem Jahr 2000.[3] Länder wie Afghanistan und Irak sind dafür traurige Beispiele. Die politischen Verhältnisse dort sind extrem labil, auf den Entscheidungs- und Steuerungsebenen in Regierung, Parlament, Sicherheitsapparat und Justiz sind Frauen die Ausnahme, meist ohne Einfluss, ihre Rechte ausgehebelt und ihre Sicherheit gefährdet.

Fußnoten

2.
Elisabeth Rehn/Ellen Johnson Sirleaf, Women, War and Peace: The Independent Experts' Assessment on the Impact of Armed Conflict on Women and Women's Role in Peace-Building, New York 2002.
3.
Entschließung Nr. 2000/2025(INI) vom 30.11. 2000.