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8.12.2010 | Von:
Gitti Hentschel

Friedens- und Sicherheitspolitik braucht Geschlechteranalysen - Essay

Sexualisierte Gewalt als Kriegsmittel

In bewaffneten Konflikten, aber auch in der Phase des Wiederaufbaus von Nachkriegsgesellschaften sind Frauen und Mädchen durch sexualisierte Gewalt besonders bedroht. Es hat lange gebraucht, bis diese geschlechterbasierte Form der Gewalt als Teil von Kriegsführung öffentlich und politisch anerkannt wurde. Massenvergewaltigungen, gewaltsame Verschleppungen und Versklavung der "Kriegsbeute" sollen die Feinde demütigen und demoralisieren, und die Gewaltbereitschaft der eigenen Kämpfer steigern. Somit ist geschlechtsbezogene Gewalt integraler Bestandteil kriegerischer Auseinandersetzungen mit hohem symbolischen Gehalt. Beispielsweise wurden während des Bürgerkriegs im ehemaligen Jugoslawien in den 1990er Jahren etwa 20.000 bis 50.000 Frauen vergewaltigt. In den letzten Jahren wurden "epidemische Ausmaße" brutalster sexueller Gewaltverbrechen an Frauen im Kongo öffentlich. Doch die Täter werden nur selten strafrechtlich verfolgt und verurteilt.

Nach neueren Erkenntnissen von KonfliktforscherInnen werden auch Jungen und Männer Opfer dieser massenhaften sexualisierten Gewalt. Sie ist ein besonders tabuisiertes Thema, da sie traditionelle Männlichkeitsbilder unterläuft. Durch Männer als Opfer (nicht nur) sexualisierter Gewalt wird der Mythos von der männlichen Wehrhaftigkeit und Unverletzlichkeit zerstört, umso mehr, wenn diese Gewalt auch wie zum Beispiel in Abu Ghraib durch Frauen ausgeübt wird. Das "Tabu im Tabu" nennt die Sozialwissenschaftlerin Dubravka Zarkov die Vergewaltigungen von Männern, die dazu die Balkankriege erforscht hat. Die Auswirkungen sind besonders verheerend, da sie die Gewaltspirale weiter antreiben. GewaltforscherInnen gehen davon aus, dass männliche Opfer sexualisierter Gewalt besonders anfällig sind, wieder zu Tätern zu werden. Dem zugrunde liegt ein hegemoniales Männlichkeitskonzept, das der "militarisierten Männlichkeit": Demnach gehen Männer, deren traditionelle Identitäten zu zerbrechen drohen, mit Waffengewalt gegen "Feinde" vor, um zu demonstrieren, dass sie "richtige" Männer sind. Doch die Gewalt kann sich auch gegen die eigenen Frauen richten. Oft erleben Frauen nach bewaffneten Konflikten, in der Phase des (Wieder-)Aufbaus demokratischer Strukturen in potenziertem Maße häusliche Gewalt und Vergewaltigung durch die eigenen, zurückgekehrten Männer.

Offensichtlich wird hier die enge Verknüpfung zwischen häuslicher und militärischer Gewalt, aber auch das Versagen einer geschlechterblinden Friedens- und Sicherheitspolitik. Um diesen Gewaltkreislauf zu brechen, sind genderbasierte Strategien der Konfliktbe- und -verarbeitung unerlässlich. Doch sie müssen schon bei der Analyse der Entstehung von Krisen und kriegerischen Konflikten ansetzen. Hier spielen neben anerkannten Faktoren wie Ethnie, Kultur, Religion und Interessenskonflikten die Beziehungen und Dynamiken zwischen den Geschlechtern in einer Gesellschaft eine wichtige Rolle. Denn die Verschiebung von Geschlechterbeziehungen in einer Gesellschaft und die Gefährdung traditioneller (männlicher) Geschlechteridentitäten kann im Zusammenspiel mit anderen Faktoren das Risiko für bewaffnete Konflikte steigern. Diese Erkenntnisse sind für die Ursachenanalyse, aber auch für die Bearbeitung von Konflikten wichtig. Welche Auswirkungen hat es zum Beispiel, wenn ehemalige Kombattanten etwa in Afghanistan, zu deren Männlichkeitsbild traditionell Waffenbesitz gehört, genötigt werden, ihre Waffen abzugeben, noch dazu unter Aufsicht ausländischer, selbst Waffen tragender Militärs? Oder wenn durch Niederlagen verunsicherte Männer erleben, wie ihre Frauen durch Programme zur Stärkung ihrer Position und Ermächtigung (Empowerment) in ihrer Selbstständigkeit gefördert und selbstbewusster werden? Zu solchen Fragen brauchen wir differenzierte Forschung und politische Handlungskonzepte. Offensichtlich ist: Bisherige Waffenstillstandsabkommen und zivile Konfliktlösungsprogramme greifen zu kurz, wenn sie die möglichen Dynamiken der Geschlechterbeziehungen außer Acht lassen. Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit bleiben auf der Strecke.