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22.11.2010 | Von:
Josef Schmid

Wer soll in Zukunft arbeiten? Zum Strukturwandel der Arbeitswelt

Dienstleistungs-, Wissens- und Arbeitsgesellschaft

In seinem berühmten Buch "Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts" beschreibt Jean Fourastié die grundlegenden Verschiebungen zwischen den Wirtschaftssektoren und prognostiziert das goldene Zeitalter der Dienstleistungsgesellschaft. Versprochen wird steigender Wohlstand, mehr soziale Sicherheit, Bildung und Kultur sowie qualifiziertere und humanere Arbeit bei Vollbeschäftigung.[2] Die empirischen Daten unterstützen dieses Drei-Stadien-Modell, denn im Jahr 1950 waren noch 24,6 Prozent der Erwerbstätigen in der Bundesrepublik im primären Sektor (Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei) und 42,9 Prozent im sekundären (produzierendes Gewerbe) beschäftigt, während es der tertiäre Sektor (Dienstleistungen und übrige Wirtschaftsbereiche) auf 32,5 Prozent brachte. Im Jahr 2009 hingegen betrugen die Werte 2,1 Prozent, 24,8 Prozent und 73 Prozent - der Anteil des Dienstleistungssektors hat sich in diesem Zeitraum also mehr als verdoppelt.[3] Deutschland ist dabei im internationalen Vergleich noch relativ stark industrialisiert, insbesondere in den süddeutschen Bundesländern. Hier schlägt sich die Stärke der Automobilindustrie und des Maschinenbaus nieder.

Dieser Wandel wird oft auch als postindustrielle oder Informationsgesellschaft beschrieben; Daniel Bell etwa hat den großen Einfluss der Wissenschaft und der Informations- und Kommunikationstechnologien hervorgehoben; weniger die Verarbeitung von Fabrikationsgütern als die von Information kennzeichnen diese Form von Wirtschaft und Beschäftigung.[4] Inzwischen ist auch häufig von der Wissensgesellschaft die Rede. Wissen wird hierbei neben Kapital, Arbeit und Boden (-schätzen) zu einer eigenständigen Produktivkraft. Daneben kommt es zur Entwicklung von globalen digitalen Netzwerken - dem bekannten world wide web (www). Dadurch entstehen neue Branchen, Berufe und Tätigkeiten, wie etwa der "Screen-Designer", der "Webdesigner", der "Multimedia-Kaufmann" oder der "Online-Redakteur".

In diesem Sinne nimmt die Europäische Union (EU) die Themen Wissensgesellschaft und die Internetökonomie als politische Programmformel auf und betont: "Das Internet verändert die Welt, in der wir leben. Von seiner Bedeutung her ist dieser Wandel mit der industriellen Revolution im 18. und 19. Jahrhundert vergleichbar. In den letzten beiden Jahrzehnten haben Informationstechnologien und Internet die Art verändert, wie Unternehmen arbeiten, wie Schüler und Studenten lernen, wie Wissenschaftler forschen und wie Behörden ihre Leistungen für den Bürger erbringen." Die EU will das Thema offensiv angehen und Europa noch stärker zu einer "digitalen Wirtschaft" ausbauen.[5]

Ein weiteres Konzept prägt die gesellschaftliche Diskussion von einer anderen Richtung her; nicht Technik und Wirtschaft, sondern Arbeit steht hier im Mittelpunkt: "Mit dem Begriff der Arbeitsgesellschaft werden die charakteristischen Merkmale zusammengefasst, welche die modernen Industriegesellschaften westlicher Prägung seit langer Zeit kennzeichnen: Im Mittelpunkt dieser Gesellschaften steht als konstitutives Element entfremdete Erwerbsarbeit, die von rund 90 Prozent der aktiven Bevölkerung zur Bestreitung des Lebensunterhaltes verrichtet wird."[6] Hier ist seit den 1980er Jahren ein grundlegender Wandel festgestellt worden, der kontrovers eingeschätzt wird. So wird von Autoren wie Ralf Dahrendorf, Claus Offe oder Meinhard Miegel das Ende der Arbeitsgesellschaft prognostiziert. Demnach verliere Arbeit als sozialstrukturprägende Kraft, welche die soziale Stellung, das Sozialprestige der Menschen bzw. deren Einkommens-, Teilhabe- und Lebenschancen bestimmt, zunehmend an Bedeutung. Zudem gehe wegen Rationalisierung und Verlagerung die Arbeit schlicht aus. In einer optimistischen Version führt dies in die Freizeitgesellschaft, in der die Arbeitszeit deutlich reduziert worden ist. Neben dem vermehrten Konsum von Medien- und Erlebnisprodukten (wie etwa Reisen) sollen sich in diesem Szenario Menschen verstärkt ehrenamtlich und in Bürgerarbeit engagieren.

Demgegenüber stehen Überlegungen, die eine deutliche Erhöhung des gesamtwirtschaftlichen Arbeitsvolumens anstreben und als realisierbar ansehen. Den Aktivierungsstrategien in der Beschäftigungspolitik, die in vielen Ländern praktiziert und von der Europäischen Kommission propagiert werden, liegt eine Radikalisierung des älteren Vollbeschäftigungsgedankens zugrunde. Denn das Ziel ist nunmehr (im fast wörtlichen Sinne) "Arbeit für alle". Galt das früher vor allem für relativ gut qualifizierte Männer (als Ernährer der Familie, was aus feministischer Sicht entsprechend kritisiert wurde), so sind nun alle Menschen, die zumindest teilweise und einfach arbeiten können, beschäftigungsfähig. Entsprechend sah die im Jahr 2000 verabschiedete Lissabon-Strategie der EU vor, bis 2010 eine Gesamtbeschäftigungsquote von 70 Prozent, eine Frauenerwerbsquote von über 60 Prozent und eine Erwerbsquote älterer Arbeitnehmer von 50 Prozent zu erreichen.[7] Damit sind erhebliche Auflockerungen im Verhältnis von Arbeit und Nicht-Arbeit impliziert, Stichworte sind hier etwa Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder die "Verschiebung des Alters-Limes".[8]

Freilich existieren hierzu auch skeptische Varianten. So sieht Ulrich Beck hinter diesem Wandel der Beschäftigung eine "Politische Ökonomie der Unsicherheit" am Werk, das heißt, an die Stelle von Vollzeit- und Normalarbeit würden immer mehr atypische Beschäftigungsverhältnisse treten. Das Normalarbeitsverhältnis (NAV),[9] das auf dem Engagement der Gewerkschaften, weitreichenden sozialpolitischen Regulierungen und arbeitsrechtlichen Normierungen basiert, erodiere in der Informations- und Wissensgesellschaft zusehends - nicht nur für unqualifizierte Beschäftigte, sondern auch für Hochqualifizierte. Denn die bisherigen räumlichen Strukturen der Produktion würden tendenziell aufgelöst und die Halbwertzeit der Qualifikationen der Beschäftigten nehme infolge der Beschleunigung des technologischen Wandels drastisch ab. Paradigmatisch würden nun die Arbeitsbedingungen der "Dritten Welt", was Beck auch als "Brasilianisierung" bezeichnet. Er meint damit "den Einbruch des Prekären, Diskontinuierlichen, Flockigen, Informellen in die westlichen Bastionen der Vollbeschäftigungsgesellschaft. Damit breitet sich im Zentrum des Westens der sozialstrukturelle Flickenteppich aus, will sagen: die Vielfalt, Unübersichtlichkeit und Unsicherheit von Arbeits-, Biografie- und Lebensformen des Südens".[10]

Fußnoten

2.
Vgl. Jean Fourastié, Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts, Köln 1954. Kritisch dazu Martin Baethge/Ingrid Wilkens, Die große Hoffnung für das 21. Jahrhundert?, Opladen 2001.
3.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Ergebnisse der Erwerbstätigenrechnung in der Abgrenzung der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, aktualisiert am 6.9.2010, online: www.destatis.de (18.10.2010).
4.
Vgl. Daniel Bell, Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt/M.-New York 1975.
5.
Europäische Kommission, Generaldirektion Presse und Kommunikation, Auf dem Weg zur europäischen Wissensgesellschaft. Die Informationsgesellschaft in der Europäischen Union, Brüssel 2002.
6.
Johann Welsch, Die Zukunft der Arbeitsgesellschaft. Ein Blick zurück von Morgen, in: WSI Mitteilungen, (2000) 10, S. 629-638, hier S. 629.
7.
Vgl. Josef Schmid, Aktivierung in der Arbeitsmarktpolitik. Lehren für Deutschland aus einem internationalen Trend, in: Fritz Behrens u.a., Ausblicke auf den aktivierenden Staat, Berlin 2005, S. 379-396.
8.
Dieter Otten/Nina Melsheimer, Lebensentwürfe "50plus", in: APuZ, (2009), 41, S. 31-36, S. 31.
9.
Ein NAV ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet: a) unbefristete Dauer der Anstellung; b) Vollzeitbeschäftigung und (8-Stunden-)Tagesarbeit; c) Arbeitnehmer arbeiten unselbständig und kontinuierlich für einen Arbeitgeber, sie unterliegen dabei seiner Weisungsgewalt und sind in die betrieblichen Strukturen integriert; d) Arbeitsplatz und Wohnung sind räumlich (bzw. Arbeit und Freizeit funktional) voneinander getrennt; e) durch die Sozialversicherungspflichtigkeit der Arbeit erfolgt ebenfalls die soziale Absicherung. Vgl. differenziert dazu Gerhard Bosch, Das Normalarbeitsverhältnis in der Informationsgesellschaft, in: Institut Arbeit und Technik, Jahrbuch 2002/2003, Gelsenkirchen 2003, S. 11-24.
10.
Ulrich Beck, Schöne neue Arbeitswelt. Vision Weltbürgergesellschaft, Frankfurt/M. 2007, S. 7.

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Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

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