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22.11.2010 | Von:
Josef Schmid

Wer soll in Zukunft arbeiten? Zum Strukturwandel der Arbeitswelt

Problematische Qualität und neue Sozialfiguren der Arbeit

Der skizzierte Wandel von Wirtschaft und Beschäftigung erzeugt freilich auf individueller Ebene Gewinner und Verlierer; die skeptische Einschätzung von Ulrich Beck verweist auf die Problemzonen in der neuen Arbeitswelt. Die Entwicklung der atypischen Beschäftigungsverhältnisse und des Niedriglohnsektors scheinen ihn zu bestätigen: Während dieser Bereich zu Beginn der 1990er Jahre noch knapp 20 Prozent der arbeitenden Bevölkerung umfasste, sind es derzeit etwa 37 Prozent. Damit hat sich ein erheblicher Anteil des Job-Wachstums in den EU-Staaten während der zurückliegenden Dekade in diesem ambivalenten Bereich abgespielt.

Atypische Beschäftigungsverhältnisse beziehen sich auf Arbeitsverträge, die von den im Kern des Arbeitsmarktes üblichen Standards (d.h. dem Normalarbeitsverhältnis) deutlich abweichen. Dazu zählen:

  • zeitlich befristete Beschäftigungsverhältnisse, die nicht vom allgemeinen Kündigungsschutz erfasst sind;
  • Erwerbstätigkeit im Rahmen der Arbeitnehmerüberlassung bzw. Zeitarbeit;
  • Arbeit, die außerhalb des allgemein üblichen Sozialversicherungsschutzes ausgeübt wird, wie zum Beispiel Minijobs;
  • (Schein-)selbständige Arbeit, bei der es sich um ein Quasi-Beschäftigungsverhältnis handelt, ohne dass entsprechender arbeits- und sozialrechtlicher Schutz vorhanden ist
  • Beschäftigung mit einem geringen Monats- oder Stundenlohn.[17]

Atypische Beschäftigung variiert nach Branche und Form, aber auch nach Betroffenheit (vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version). So befanden sich 2007 rund 38 Prozent der abhängig beschäftigten Frauen in atypischer Beschäftigung, von den Männern nur 14 Prozent. Stark verbreitet ist das Phänomen auch unter jungen Menschen (15 bis 24 Jahre), unter Personen mit keinem oder nur niedrigem Berufsabschluss und unter Nicht-EU-Ausländern.[18]

Niedriglohnbeschäftigung bezieht sich speziell auf die Einkommensdimension dieser Arbeitsverhältnisse, was in Deutschland sechs bis sieben Millionen Menschen betrifft. Sie erhalten weniger als zwei Drittel des Medianeinkommens; 2006 lag diese Schwelle bei einem Stundenlohn von 9,61 Euro in West- und 6,81 Euro in Ostdeutschland. Auch hier ist die Tendenz steigend: Gegenüber 1995 ist der Niedriglohnanteil in Deutschland um etwa 43 Prozent gestiegen. Unter allen abhängig Beschäftigten liegt der Anteil bei gut 22 Prozent (2006) - das heißt, mehr als jeder Fünfte ist gering bezahlt. Damit gleicht sich Deutschland im internationalen Vergleich eher den liberalen Modellen (wie etwa den USA) an bzw. weicht in dieser Hinsicht von der Gruppe der kontinentalen Staaten ab.[19]

Problematisch ist dabei die geringe Aufstiegsdynamik, was eigentlich die Erwartung bei der Formulierung der "Agenda 2010" und der Verabschiedung der Hartz-Gesetze gewesen ist. Atypische Beschäftigung sollte als eine Art Sprungbrett aus der Arbeitslosigkeit in ein Normalarbeitsverhältnis dienen. Dieses hat sich jedoch nur bedingt erfüllt, denn nur etwa jeder achte Geringverdiener von 1998/1999 erreichte sechs Jahre später einen Lohn oberhalb der Geringverdienerschwelle. Jeder Dritte blieb als Vollzeitbeschäftigter im Niedriglohnbereich hängen.[20]

Solche Entwicklungen werden von vielen Beobachtern als Prekarisierung interpretiert, als "Teil einer neuartigen Herrschaftsnorm, die auf die Errichtung einer zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit fußt und das Ziel hat, die Arbeitnehmenden zur Unterwerfung, zur Hinnahme ihrer Ausbeutung zu zwingen".[21]

Das heißt ebenfalls, dass sich Prekarität mehr und mehr zu einer Lebenslage verfestigt, die sich nicht nur durch materiellen Mangel, Unsicherheit, ungünstige Arbeitsbedingungen und Anerkennungsdefizite, sondern vor allem durch schwindende Möglichkeiten einer längerfristigen Lebensplanung auszeichnet. Die Daten zeigen zudem, dass das Phänomen kein sozial randständiges ist, sondern bis in die Mitte der Gesellschaft reicht, wo sich Abstiegsängste und die Furcht vor Statusverlust verbreiten. Auch in biografischer Hinsicht reicht Prekarität weit über die Erwerbsphase in das Rentenalter hinein. Das Risiko der Altersarmut steigt, denn, wie sollen atypisch Beschäftigte mit ihren geringen Löhnen und hohen Beschäftigungsrisiken für ihre Rente vorsorgen? Zugleich existiert eine Minderheit, für die flexible Beschäftigung Freiheitsgewinn bedeutet. Solche Gruppen verfügen über finanzielle Ressourcen und Qualifikationen, die sie von der Sorge um die Existenz dauerhaft entlasten.

Solche Unsicherheitszonen und Deinstitutionalisierungsprozesse müssen ferner subjektiv interpretiert und reorganisiert werden. Durch die Zunahme von Projektarbeit, selbständigen Vertragsformen, ergebnisbezogener Koordinierung, individuellen Arbeitszeitregimes und Vergütungsformen ergibt sich für die Beschäftigten sowohl die Notwendigkeit wie auch die Chance, die Arbeit selbst zu strukturieren. Das korrespondiert mit der Pluralisierung und Individualisierung der Gesellschaft und mündet in eine "heterogene und ambivalente Syndromatik von Arbeit".[22]

Eine Reihe von typischen Sozialfiguren können das widersprüchliche Phänomen der Arbeit in der Wissens- und Internetökonomie illustrieren:

  • Dicht am Negativszenario des Prekariats bleiben die "Sozialfiguren der Abspaltung"; es sind die "Überflüssigen", die "Abweichenden" und die "Unsichtbaren", die aus der Arbeits- und Erwerbsgesellschaft heraus gedrängt werden - sowohl sozialstrukturell als auch in der symbolischen Repräsentation.[23]

  • Bestenfalls in einer Zwischenlage befindet sich die "Generation Praktikum". Laut "Spiegel" ist "San Precario" ihr Schutzheiliger, "der unterbezahlte Arbeiten verrichtet, oft schwarz beschäftigt ist und einer unsicheren Zukunft entgegensieht". Das plastische Beispiel gibt der 25-jährige Hochschulabsolvent mit Einser-Diplom ab, der als Dauerpraktikant sein Leben fristet und den Übergang in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis nicht schafft.[24]

  • Ähnlich verhält es sich mit dem Journalisten, der in der Wissensgesellschaft kaum mehr wie früher Spezialwissen benötigt und häufig als freelancer arbeitet. Die klassischen Sozialfiguren des "Handelsredakteurs", des "politischen Redakteurs" und des "Kunstkritikers" sind selten geworden. Mit dieser Entdifferenzierung der Ressorts und der Redaktionsstrukturen in den Medien geht nicht nur der Qualitätsanspruch verloren, sondern wandelt sich zugleich das Publikum vom Staats- und Bildungsbürger zum Medienkonsumenten.
  • Ein weiteres Beispiel künftiger Arbeit und ihrer Funktion liefern die "Kreativen" bzw. die Vertreter der "digitalen Bohème". Diese creative class (Richard Florida) soll durch ihren Lebensstil und ihre Toleranz das wirtschaftliche Wachstum in den Metropolen hervorbringen. Damit sind Ingenieure, Künstler, Universitätsprofessoren sowie think tank researcher gemeint. Freilich kennt die Arbeit in der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht wenige instabile berufliche Existenzen. So ist etwa jeder zweite Webdesigner, Illustrator, Kulturprojektmanager, Hörspielproduzent oder Journalist in Berlin selbständig mit einem Jahreseinkommen unter 10.000 Euro.[25]

Fußnoten

17.
Vgl. Werner Eichhorst/Paul Marx/Eric Thode, Atypische Beschäftigung und Niedriglohnarbeit, Gütersloh 2010. Siehe komplementär dazu: Perspektiven der Erwerbsarbeit: Facharbeit in Deutschland, Friedrich-Ebert-Stiftung, Wiso-Diskurs, Juni 2010.
18.
Vgl. Statistisches Bundesamt, Atypische Beschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, Wiesbaden 2008, S. 15 und 17f.
19.
Vgl. Thorsten Kalina/Claudia Weinkopf, Weitere Zunahme der Niedriglohnbeschäftigung: Aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Institut Arbeit und Qualifikation, IAQ-Report, (2008) 1.
20.
Vgl. Thorsten Schank u.a., Niedriglohnbeschäftigung. Sackgasse oder Chance zum Aufstieg?, IAB Kurzbericht, (2008) 8.
21.
So Pierre Bourdieu, Gegenfeuer, Konstanz 1998, S. 100. Vgl. auch Klaus Dörre, Prekarisierung contra Flexicurity. Unsichere Beschäftigungsverhältnisse als arbeitspolitische Herausforderung, in: Martin Kronauer/Gudrun Linne (Hrsg.), Flexicurity. Die Suche nach Sicherheit in der Flexibilität, Berlin 2005, S. 53-72.
22.
Nick Kratzer u.a., Flexibilisierung und Subjektivierung von Arbeit. Sozioökonomische Berichterstattung, München 2003, online: www.soeb.de/literatur.php (18.10.2010). Vgl. auch Raphael Menez/Josef Schmid/Stefanie Springer, Arbeitspolitik und industrielle Beziehungen in der Internetökonomie, in: Welttrends, (2005) 47, S. 26-40, insb. S. 35f.
23.
Vgl. Stephan Lessenich/Frank Nullmeier, Deutschland - eine gespaltene Gesellschaft, Frankfurt 2006, S. 12ff. "Der Spiegel" (Heft 12/2010) führt den Wechselwilligen, den Projektarbeiter, die Auswanderin, den Kreativen und die Moderne als weitere Beispiele unsicherer Existenz und Erwerbsbiografie auf.
24.
Julia Bonstein/Merlind Theile, Auf Nummer unsicher, in: Der Spiegel, Nr. 31 vom 31.7.2006, S. 44-55, Zitat S. 45.
25.
Vgl. Alexandra Manske/Janet Merkel, Kreative in Berlin. Eine Untersuchung zum Thema GeisteswissenschaftlerInnen in der Kultur- und Kreativwirtschaft, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, Discussion Paper, (2008) SP III 2008-401.

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