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22.11.2010 | Von:
Martin Brussig
Matthias Knuth

Zugewanderte und ihre Nachkommen in Hartz IV

Umgang mit ausländischen Qualifikationsabschlüssen

Nach offiziellen Statistiken verfügt die Hälfte aller Personen mit Migrationshintergrund über keine berufliche Ausbildung.[8] Ebenso wie in den Statistiken der BA werden dabei nur Abschlüsse berücksichtigt, die in der Bundesrepublik anerkannt sind, weil sie entweder in Deutschland erworben wurden oder weil in einem Anerkennungsverfahren die Gleichwertigkeit mit den Abschlüssen deutscher Bildungseinrichtungen bescheinigt wurde.

Das Ausmaß der "Ausbildungslosigkeit" unter Zuwanderern wird dadurch in der amtlichen Statistik überschätzt. Unter Berücksichtigung der im Ausland erworbenen und in Deutschland nicht anerkannten Abschlüsse verringert sich der Anteil der ALG-II-Bezieher mit Migrationshintergrund ohne Berufsausbildung erheblich. Wie unsere repräsentative Befragung ergeben hat, sind in allen Herkunftsgruppen die meisten der im Ausland erworbenen Abschlüsse in Deutschland nicht anerkannt und damit formal wertlos. Besonders deutlich wirkt sich das bei erwerbsfähigen Hilfebedürftigen aus, die Aussiedler sind oder aus mittel- und osteuropäischen Ländern (einschließlich GUS) kommen: Zwischen einem Drittel und knapp der Hälfte aller erwerbsfähigen Hilfebedürftigen dieser Herkunftsgruppen hat einen beruflichen Abschluss, der für den deutschen Arbeitsmarkt nicht anerkannt ist. Umgekehrt verfügt - auch unter Berücksichtigung vorhandener, aber nicht anerkannter Berufsabschlüsse - drei Viertel der türkischen und über die Hälfte der südeuropäischen Leistungsbezieher (jeweils ab 25 Jahre) nicht über einen Berufsabschluss (vgl. Tabelle 2 in der PDF-Version).

Wenn ein Berufsabschluss im Ausland erworben wurde, der in Deutschland nicht anerkannt ist, sind die Integrationschancen ebenso schlecht wie die von Personen, die ohne Berufsabschluss sind. Wenn hingegen ein im Ausland erworbener Berufsabschluss in Deutschland anerkannt wurde, sind die Integrationschancen ebenso hoch wie bei Leistungsbeziehern mit Migrationshintergrund, die ihren Abschluss direkt in Deutschland erworben haben. Der deutsche Arbeitsmarkt ist offensichtlich nach wie vor in starkem Maße durch Zertifikate und nicht durch Kompetenzen strukturiert.

Vor diesem Hintergrund sollten sich die politischen Anstrengungen nicht nur darauf richten, Zuwanderer und ihre Nachkommen besser in das Bildungs- und Ausbildungssystem zu integrieren, sondern ebenso darauf, die bereits vorhandenen beruflichen Kompetenzen besser auszuschöpfen. Doch die Fachkräfte in den Jobcentern verfügen nur in Ausnahmefällen über das notwendige Fachwissen, um die Zuwanderer bei der Anerkennung vorhandener Abschlüsse zu unterstützen. Die IT-Systeme in den Ämtern verfestigen die Nichtberücksichtigung von erworbenen, aber nicht anerkannten Abschlüssen. Erworbene, aber nicht anerkannte Qualifikationen konnten allenfalls in "Beratungsvermerken" erfasst werden, die bei einem automatisierten Suchlauf nach qualifizierten Arbeitnehmern für eine offene Stelle nicht berücksichtigt werden und folglich nicht zur Einbeziehung der betreffenden Person in die Bewerberauswahl führen konnten. Dadurch wurden Personen mit Migrationshintergrund von Stellenangeboten abgeschnitten, auf die sie von ihrem Kompetenzspektrum her möglicherweise gepasst hätten.

Fußnoten

8.
Vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung, Bildung in Deutschland. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Bildung und Migration, Bielefeld 2006.

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