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22.11.2010 | Von:
Karl Brenke

Aus der Krise zum zweiten Wirtschaftswunder?

Wider alle Erwartungen: Krise und Aufschwung

All das lässt sich besonders plastisch anhand der in den Medien viel beachteten Konjunkturprognosen nachzeichnen. So hatte im Sommer 2008 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung noch erklärt, dass trotz deutlicher Abschwächung bei der Produktion von einer Krise wenig zu sehen sei und der Konjunkturaufschwung in eine Verlängerung gehen würde.[3] Kurze Zeit später, nach dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers und den Kursstürzen auf den Aktienmärkten, hatte sich die Stimmung schon merklich eingetrübt, und man sprach von der Gefahr einer Rezession. Nach der Gemeinschaftsdiagnose führender Wirtschaftsforschungsinstitute vom Oktober 2008 sollte im Jahr 2009 die Wirtschaftsleistung um 0,8 Prozent geringer ausfallen.[4] Das sei aber nur die pessimistische Variante der Prognose; wahrscheinlicher wäre ein leichter Zuwachs bei der Produktion. Als dann die Wirtschaftsleistung immer mehr abnahm, wurden auch die Prognosen immer düsterer. Im April 2009 kam die Gemeinschaftsprognose dann auf einen Produktionsrückgang von sechs Prozent.[5]

Wie sich am Ende jenes Jahres herausstellte, schrumpfte die Wirtschaftsleistung tatsächlich um fünf Prozent. Aber nicht nur der Abschwung wurde falsch eingeschätzt, sondern auch der Aufschwung. Natürlich ließen sich die Prognostiker unter anderem davon leiten, wie sich zur Zeit ihrer Vorhersage die Wirtschaft gerade entwickelte. So wurde im April 2009, als der Abschwung in voller Fahrt war, für das Jahr 2010 ein weiterer Rückgang der Wirtschaftsleistung von 0,5 Prozent prophezeit.[6] Im April 2010, als dann für jedermann sichtbar der Aufschwung bereits im Gange war, wurde ein Wachstum von 1,5 Prozent vorausgesagt.[7] Tatsächlich wird aber wohl die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr um 3,5 Prozent zulegen. Die deutsche Konjunkturforschung hat sich in der jüngsten Krise also gründlich blamiert.

Aber nicht nur hinsichtlich der Wirtschaftsleistung gingen die Prognosen völlig in die Irre, sondern auch mit Blick auf die Arbeitslosigkeit. Man mag diesen Befund als eine simple Erkenntnis abtun, denn wenn die Entwicklung der Wertschöpfung falsch eingeschätzt wurde, ergibt sich zwangsläufig auch eine Fehlprognose für den Arbeitsmarkt. So einfach lagen die Dinge aber nicht. Zwar ging natürlich mit der Wirtschaftsleistung auch die Zahl der Beschäftigten zurück, und die Arbeitslosigkeit wuchs. Aber es zeigte sich, dass der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsleistung und Beschäftigung längst nicht so eng war wie zuvor angenommen. Als die Produktion einbrach, stieg die Arbeitslosigkeit nur wenig - was die Prognostiker zu der Einschätzung trieb, dass der Arbeitsmarkt erst mit einem Zeitverzug auf die Krise reagieren würde, dann aber heftig. Beispielsweise schloss Anfang Mai 2009 einer Reuters-Meldung zufolge der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit nicht aus, dass die Zahl der Arbeitslosen bis Ende 2010 auf fünf Millionen steigen könne, und mit dieser Prophezeiung stand Frank-Jürgen Weise damals nicht allein. Aber nichts dergleichen geschah. Die Arbeitslosigkeit stieg nach dieser Ankündigung saisonbereinigt überhaupt nicht mehr, und schon drei Monate später folgte eine stetige Abnahme. Statt der angekündigten mehr als fünf Millionen Arbeitslosen werden es Ende dieses Jahres wohl nur etwas mehr als drei Millionen sein. Eine solche Abkopplung der Entwicklungen im Beschäftigungssektor von der Wirtschaftsleistung hatte es in früheren Krisen nicht gegeben.

Damit nicht genug. Seit der ersten Hälfte der 1990er Jahre bis 2005 hinkte die Bundesrepublik beim Wirtschaftswachstum gegenüber dem Durchschnitt der EU-Staaten und erst recht hinter den USA hinterher. Man sprach vom "kranken Mann in Europa".[8] Erst danach konnte für kurze Zeit der Anschluss gefunden werden. Im Krisenjahr 2009 brach dann in Deutschland die Produktion stärker ein als in der übrigen EU und in Nordamerika. Aber die Bundesrepublik kam rasant wieder aus der Krise heraus und war in den vergangenen Monaten unter den Industriestaaten sogar Spitzenreiter beim Wirtschaftswachstum. So fiel die Wertschöpfung im zweiten Quartal dieses Jahres um fast vier Prozent höher aus als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. In manch anderen Ländern stagniert die Produktion noch - oder ist sogar rückläufig. Auch steht Deutschland mit Blick auf den Arbeitsmarkt besser da als viele andere Staaten.

Fußnoten

3.
Vgl. Arbeitskreis Konjunktur, Tendenzen der Wirtschaftsentwicklung 2008/2009: Aufschwung geht in die Verlängerung, in: Wochenbericht des DIW Berlin, (2008) 27-28.
4.
Vgl. Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, Deutschland am Rande einer Rezession. Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2008, Essen 2008.
5.
Vgl. Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, Im Sog der Weltrezession. Gemeinschaftsdiagnose Frühjahr 2009, Essen 2009.
6.
Vgl. ebd.
7.
Vgl. Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose, Die Erholung setzt sich fort. Gemeinschaftsdiagnose Frühjahr 2010, Essen 2010.
8.
So unter anderem das Wall Street Journal vom 19.9.2005.

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Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

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