APUZ Dossier Bild

22.11.2010 | Von:
Karl Brenke

Aus der Krise zum zweiten Wirtschaftswunder?

Anatomie der Krise

Was war geschehen, dass die Wirtschaftsleistung einbrach? Eigentlich nichts Ungewöhnliches, denn es war nur wieder einmal eine Spekulationsblase geplatzt. Solche Ereignisse ziehen sich wie ein roter Faden durch die Wirtschaftsgeschichte. Dieses Mal war es der Immobilienmarkt in den USA, dem viel heiße Luft entwich. Einige Jahre zuvor ging es um Technologieaktien. In den 1990er Jahren gab es Überspekulationskrisen in Russland und in Südostasien, davor in Japan. Was bei der jüngsten Krise allerdings besonders ins Auge fällt, ist ihre rasche Verbreitung über den Erdball. Zum einen war die Blase wohl besonders groß, zum anderen machte sich die immer engere Verzahnung der internationalen Märkte bemerkbar.

Auslöser waren wachsende Probleme bei der Finanzierung von Eigenheimen einkommensschwacher Haushalte in den USA. Um nach dem Platzen der "Internet"- bzw. "dotcom-Blase" um die Jahrtausendwende die Wirtschaft wieder anzukurbeln, senkte die amerikanische Zentralbank kräftig die Leitzinsen und ließ sie lange Zeit auf einem niedrigen Niveau. Das billige Geld zeigte rasch Wirkung. Insbesondere kam es zu einem Bauboom. Dabei wurden auch zunehmend Personen mit einem geringen Einkommen und unsicheren Beschäftigungsverhältnissen angeregt, sich Wohneigentum zuzulegen. Weil die Immobilienpreise stetig stiegen, schien es für die Kreditgeber risikolos zu sein, das Wohneigentum zu beleihen. Und die steigenden Immobilienpreise verführten nicht wenige US-Bürger dazu, die Hypotheken auf ihre Eigenheime aufzustocken, um auf diese Weise zusätzlichen Konsum zu finanzieren. Der Anteil der Ersparnisse am verfügbaren Einkommen hatte zeitweilig sogar ein negatives Vorzeichen; die privaten Haushalte lebten also im Durchschnitt auf Pump. Angeheizt wurde der Boom durch Finanzmarktinnovationen - die Forderungen wurden gebündelt, tranchiert, neu zusammengestellt und wiederum zu neuen Wertpapieren zusammengestellt. Es entstanden wahre Verbriefungsketten, bis zuletzt nicht mehr überschaubar war, welche Kredite den Verbriefungen überhaupt zugrunde lagen. Auf diese Weise wurde ein Apparat geschaffen, von dem man glaubte, dass er wie ein Perpetuum mobile den Reichtum aus sich selbst heraus vermehren würde.

Als konjunkturelle Überhitzungen immer deutlicher zutage traten, musste die US-Zentralbank die Leitzinsen anheben. Dadurch stiegen die Zinsbelastungen der Hypothekenschuldner, und so kamen zuerst jene in Schwierigkeiten, die schon bei den zuvor geringen Zinssätzen gerade über die Runden kamen. Es mehrten sich die Zwangsverkäufe, und dadurch stieg das Angebot an Immobilien - und die Nachfrage danach wurde durch die anziehenden Zinsen gedrückt. Wenn in einem Segment des Marktes die Preise ins Rutschen kommen, wirkt sich das auch auf andere Segmente aus. Zeitweilig versuchte die US-Regierung mit Konjunkturprogrammen dagegen zu halten, die sich aber als Strohfeuer erweisen mussten. Es wurde immer offenkundiger, dass die gehandelten Verbriefungen, hübsch mit einem Gütestempel der Rating-Agenturen garniert, Wertpapiere ohne Wert waren. Das Desaster kulminierte dann im Bankrott der Lehman-Bank, der zur Folge hatte, dass innerhalb des Finanzsektors das gegenseitige Vertrauen zerbrach, so dass kaum noch jemand bereit war, im Handel unter den Banken Kredite zu vergeben.

Aber nicht nur in den USA hatten sich Blasen gebildet; auch in Ländern wie Spanien, Großbritannien oder Irland haben die Immobilienmärkte übermäßig expandiert. Da die Banken nun vorsichtiger agieren mussten, weil sie selbst unter Druck standen, endete der Boom abrupt und die Preise verfielen. Schlimm traf es auch einige der aufholenden Wirtschaften in Osteuropa, da sich das Wirtschaftswachstum dort vor allem auf den Zustrom ausländischen Kapitals gründete, und sich eine enorme Verschuldung auch im Privatsektor aufgebaut hatte.

Nach der Pleite von Lehman Brothers breitete sich die Krise des Finanzmarktes wie ein Tsunami weltweit aus und erfasste rasch auch die Realwirtschaft. Güternachfrage und -produktion brachen ein. Um einen Zusammenbruch des gesamten Finanzsektors zu verhindern, griffen die Regierungen und Notenbanken der Industrieländer mit massiven Stützungsmaßnahmen ein. Dadurch konnte zwar ein völliger Kollaps vermieden werden, zu einem starken Rückgang der Wirtschaftsleistung in den meisten Industriestaaten kam es aber dennoch. In den Schwellenländern wurde das Produktionswachstum gedämpft.

Die Krise machte sich in den einzelnen Ländern unterschiedlich bemerkbar. In denjenigen Staaten, in denen Immobilienblasen platzten, ging besonders stark die Nachfrage aus dem Inland zurück. Die Bautätigkeit und damit zusammenhängende Produktionen wurden gedrosselt. Hinzu kam, dass sich mit dem Platzen der Immobilienblase auch Vermögensillusionen in Luft auflösten, die zuvor den privaten Konsum kräftig stimuliert hatten. Und weil von der Inlandsnachfrage der größte Teil der Beschäftigung abhängt, kam es zu einem raschen Anstieg der Arbeitslosigkeit, der zusätzlich die Möglichkeiten und die Bereitschaft zum Konsum einschränkte.

In Deutschland hatte es jedoch keine Immobilienblase gegeben. Auch sind keine Vermögensillusionen in Schall und Rauch aufgegangen, wie es auch hierzulande beim Platzen der "dotcom-Blase" und dem Kursverfall auf den Aktienmärkten in den Jahren 2000 und 2001 der Fall war. In der Bundesrepublik ging die Wirtschaftsleistung deshalb stark zurück, weil die Nachfrage aus dem Ausland einbrach. Denn in Deutschland hängt die Wirtschaftsleistung wie in kaum einem anderen Land maßgeblich vom Export ab. Zeitweilig fielen die Ausfuhren um 20 Prozent, im gesamten Jahr 2009 betrug die Abnahme 14 Prozent. Angesichts der rückläufigen Exporte sank auch die Binnennachfrage nach Ausrüstungsgütern. Denn welcher Unternehmer schafft sich schon neue Maschinen oder Lastkraftwagen an, wenn sich die Absatzaussichten trüben? Die deutsche Wirtschaft wurde also im Wesentlichen indirekt von der Krise getroffen, denn über die Transmission sinkender Nachfrage im Ausland kam es zu Produktionseinschrnkungen. Erste Anzeichen davon waren schon im Frühjahr 2008 zu sehen; scharf bergab ging es aber erst im Herbst jenes Jahres, als weltweit und schlagartig die Güternachfrage einbrach.


Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

Mehr lesen