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22.11.2010 | Von:
Karl Brenke

Aus der Krise zum zweiten Wirtschaftswunder?

Gab es ein "Wunder" auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

Auf den ersten Blick scheint der deutsche Arbeitsmarkt kaum von der Krise berührt worden zu sein. Dieses Phänomen soll näher beleuchtet werden. Der Höhepunkt des Aufschwungs vor der Krise wurde im ersten Quartal 2008 erreicht; danach ging es saisonbereinigt mit der Wirtschaftsleistung bergab - wenn auch zunächst nur wenig. Auf dem Arbeitsmarkt war über mehrere Monate von der konjunkturellen Eintrübung nichts zu spüren. Im Gegenteil: Bis Oktober 2008 stieg die Zahl der Erwerbstätigen, und erst danach, also zu Beginn der drastischen Produktionseinschränkungen, sank sie, und die Schere bei der Entwicklung der Erwerbstätigen einerseits und der Arbeitslosen andererseits öffnete sich: Nahezu in gleichem Maße, wie die Zahl der Arbeitsplätze abnahm, nahm die Zahl der Arbeitslosen zu (vgl. Abbildung in der PDF-Version). Groß war die Scherenbildung aber nicht. Es hätte viel schlimmer kommen können, wenn nicht viele Unternehmen auf Kurzarbeit zurückgegriffen hätten. Denn anderenfalls wäre die Zahl der registrierten Arbeitslosen bis etwa Mitte 2009 doppelt so stark gestiegen, wie es tatsächlich der Fall war.

Recht bald schon kam es zur Trendwende. Ab Herbst 2009 nahm die Zahl der Erwerbstätigen saisonbereinigt zu, und inzwischen hat sie schon wieder das Niveau der Zeit erreicht, bevor sich die Krise auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machte. Auch die in Arbeitsplätze umgerechnete Kurzarbeit ist stark auf dem Rückmarsch. Die Zahl der registrierten Arbeitslosen ist inzwischen sogar geringer als im Herbst 2008. Dabei ist allerdings eine Umstellung bei der Arbeitslosenstatistik zu beachten, denn seit Anfang 2009 werden Erwerbslose, deren Arbeitsvermittlung in die Hände privater Träger gelegt wurde, nicht mehr als Arbeitslose in den Registern der Bundesagentur für Arbeit geführt. Lässt man diesen Sondereffekt außer Acht, gab es zuletzt noch 150.000 mehr Erwerbslose als im Herbst 2008. Gleichwohl ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt keineswegs schlecht.

Für eine tiefergehende Analyse lohnt sich ein Blick auf den saisonbereinigten Beschäftigungsverlauf in den einzelnen Wirtschaftssektoren. Auch die Veränderungen bei der je Erwerbstätigen geleisteten Arbeitszeit sowie bei der Stundenproduktivität, also bei der je Stunde erbrachten Wirtschaftsleistung, sind aufschlussreich. Die zeitliche Messlatte ist das erste Vierteljahr 2008 - das Quartal, ab dem die Wirtschaftsleistung in Deutschland abnahm.

Ins Auge fällt, dass sich die Beschäftigung in den einzelnen Sektoren sehr unterschiedlich entwickelte. Eine deutliche Zunahme - von etwa einer halben Million Erwerbstätigen - gab es seit dem ersten Vierteljahr 2008 im Sektor "Öffentliche und private Dienstleister" (vgl. Tabelle in der PDF-Version). Dies ist ein recht heterogen zusammengesetzter Bereich; dazu zählen die öffentliche Verwaltung, das Bildungswesen, das Gesundheitswesen, die Kirchen und Verbände, Kultur, Sport, Unterhaltung, aber auch die Abfallwirtschaft. Gewachsen ist die Beschäftigung vor allem in den Bereichen "Erziehung und Bildung" und noch mehr im Gesundheits- und Sozialwesen, wo die Zahl der Arbeitsplätze nicht zuletzt wegen der Nachfrage aufgrund des demografischen Wandels schon seit vielen Jahren stetig zunimmt. Am anderen Ende der Skala steht das verarbeitende Gewerbe (oder salopp formuliert: die Industrie), wo die Zahl der Erwerbstätigen stark geschrumpft ist und der Arbeitsplatzabbau bis zuletzt wenn auch mit gebremstem Tempo - angehalten hat. In anderen Wirtschaftszweigen sind die Entwicklungen weniger auffällig. Im konsumnahen Bereich "Handel, Gastgewerbe und Verkehr" ist erst in diesem Jahr die Beschäftigung etwas gesunken; und bei den Unternehmensdienstleistern stieg in den jüngsten Quartalen die Zahl der Arbeitsplätze, was vor allem an der wieder wachsenden Beschäftigung von Leiharbeitern liegt.

Deutlich ungünstiger sähe die Entwicklung nach dem hier verwendeten Rechenmodell aus, wenn seit dem ersten Vierteljahr 2008 die Arbeitszeit je Erwerbstätigen nicht gesunken wäre. Das gilt vor allem für die Industrie; ohne Arbeitszeitverkürzungen wäre zur Zeit der tiefsten Krise der Personalabbau viermal so hoch ausgefallen wie er tatsächlich war. Die vermehrte Einführung von Kurzarbeit hat aber nur einen Teil zur Verringerung der Arbeitszeit beigetragen; hinzu kamen der Abbau von Überstunden und Arbeitszeitkonten sowie andere Formen der Arbeitszeitverkürzung. In allen Wirtschaftsbereichen wurde die Arbeitszeit ebenfalls vermindert und auf diese Weise die Wirkung der Krise abgepuffert. Im Zuge des Ende 2009 einsetzenden Produktionsaufschwungs wächst die Pro-Kopf-Arbeitszeit aber wieder. Sie ist jedoch immer noch geringer als vor der Krise - der Umfang der Arbeitszeitminderung beläuft sich auf etwa 600.000 Arbeitsplätze.

Neben der Verringerung der Arbeitszeit wurde ein potenzieller Beschäftigungsabbau dadurch vermieden, dass die Stundenproduktivität abnahm. Auch in dieser Hinsicht wurde vor allem in der Industrie Beschäftigung gehalten. In erheblichem Maße sank die Stundenproduktivität auch im Bereich "Handel, Gastgewerbe und Verkehr". Im Sektor "Öffentliche und private Dienstleister" hat sie dagegen zugenommen. Und wie die Arbeitszeit nimmt branchenübergreifend auch die Produktivität seit Beginn des Aufschwungs wieder zu; sie ist aber ebenfalls noch spürbar geringer als vor der Krise.

Alles in allem: Nach der hier vorgestellten Modellrechnung wäre die Zahl der Arbeitsplätze ohne die Reduzierung der Arbeitszeit und ohne die Verringerung der Produktivität Mitte dieses Jahres um etwa 750.000 geringer, als sie es in Wirklichkeit war. Dabei ist zusätzlich eine sektorale Verschiebung der Struktur der Arbeitsplätze in Rechnung zu stellen - wodurch sich das Gewicht von der relativ produktiven Industrie hin zu weniger produktiven Dienstleistungssektoren verschoben hat. Berücksichtigt man auch diesen Effekt, dann ist die Zahl der Arbeitsplätze rechnerisch etwa um eine Million niedriger als vor der Krise.


Dossier

Arbeitsmarktpolitik

Arbeitsmarktpolitik ist in der Bundesrepublik Deutschland eines der wichtigsten Politikfelder überhaupt. Sie ist einerseits "wahlentscheidend" und greift andererseits tief in die individuellen Belange der Bürger ein. Das Dossier stellt die theoretischen Grundlagen der Arbeitsmarktpolitik, die Ziele und die Akteure, die gesetzlichen Grundlagen und die Instrumente der Arbeitsmarktpolitik vor.

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